Purim

Freude mit Wehmut

Am meisten fehlt den Jugendlichen jetzt die Gemeinschaft. Foto: Getty Images

»Wir hatten damals Glück im Unglück und konnten unseren Jewrovision-Beitrag wenigstens noch bei der Purimfeier vor der Gemeinde zeigen«, sagt Romy (14) aus Frankfurt. Wehmütig erinnert sie sich an das Fest vor einem Jahr. Ihre Klasse hatte damals bei der Purim-Schulfeier eine Bar aufgebaut, alle hatten Spaß.

Romy hatte sich als Katze verkleidet. Diesmal will sie sich wohl nicht kostümieren. In diesem Jahr steht zum Fest Backen auf ihrer Liste – ebenso wie Kochen, einen Film schauen und ein Spieleabend mit ihren Eltern und ihrer jüngeren Schwester: »Quality time«, fasst Romy zusammen.

plan Aber es gibt noch einen anderen Plan: Gut möglich, dass die 14-Jährige beim »Purim Special« der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden (ZWST) am Samstagabend dabei ist, um ihre Freunde aus anderen Städten wenigstens online zu sehen. »Die Jewrovision, die Machanot – das liegt uns sehr am Herzen, und wir sind traurig, dass das alles derzeit nicht möglich ist.« Auch an Purim ist Deutschland wegen der Corona-Pandemie noch im Lockdown. Aber die Gesundheit, betont Romy, geht vor. Immer noch.

»Ich habe noch nicht so viele Pläne gemacht«, sagt Mia aus Köln. Zusammen mit ihrer Mutter backt sie Hamantaschen. »Das wird auf jeden Fall ein gemütlicher Nachmittag«, erzählt die Schülerin. Zum Zoom-Meeting der Jugendzentren und der ZWST will sie sich auch zuschalten. Chanukka und Pessach sind eigentlich ihre Lieblingsfeste, aber Purim steht mit auf der Hitliste. Auch weil das Verkleiden für sie eine wichtige Rolle spielt: »Ich liebe es.«

Zuletzt hatte sie sich bei einem Schulprojekt sowohl als Kunstwerk als auch als Maler verkleidet, indem sie das Bild auf ihrem Gesicht auftrug und der Rest ihres Körpers den Künstler darstellte. Das wiederholt sie jetzt – und trägt ihr Kostüm einen ganzen Tag lang. Wehmut kommt auch bei Mia auf, wenn sie sich an das Fest vor einem Jahr erinnert. Damals absolvierte sie ein Praktikum im jüdischen Kindergarten: »Da ging ich als Minnie Maus.«

JEWROVISION Die Vorbereitungen für die Jewrovision, bei der sie mit dem Kölner Juze auftreten wollte, liefen auf Hochtouren – bis alles wegen Corona abgesagt werden musste. »Seitdem habe ich meine Freunde nicht mehr gesehen. Schade.« Smartphone und Social Media, über die sie mit anderen kommuniziert, können reale Kontakte nicht ersetzen.

Mia hofft jetzt, dass die ZWST-Fahrten in den Sommerferien stattfinden können. »Denn ich bin ein Machane-Kind.« Mit sieben Jahren war sie zum ersten Mal dabei, seitdem jeden Sommer mit von der Partie. Bad Sobernheim kennt sie bestens – und natürlich viele andere Kids und Jugendliche. Aber ein Teil von ihr müsse damit klarkommen, dass Veranstaltungen abgesagt werden, meint Mia.

Auch Stav aus Frankfurt hat eigentlich nur noch einen Wunsch: Normalität. Rausgehen, sich mit Freunden verabreden, ins Restaurant gehen und endlich als Madrich wieder live seine Gruppe treffen. Der 17-Jährige feiert das Fest gemeinsam mit seinen Eltern und seinen beiden Geschwistern. »Verkleiden werde ich mich nicht. Hauptsache, wir werden als Familie Spaß haben.«

GESELLSCHAFTSSPIELE Die Familie will sich gemeinsam einen Film ansehen und Gesellschaftsspiele spielen. In der Wohnung duftet es jetzt schon nach frisch gebackenen Hamantaschen. Eine Familientradition ist, dass in jeder eine geröstete Haselnuss steckt. An eines seiner Kostüme von früher erinnert sich Stav heute noch gerne: Er mochte als Kind die Harry-Potter-Filme, ließ sich inspirieren und schlüpfte in das Kostüm von Dobby.

Elias aus Frankfurt ist kein großer Fan des Verkleidens. »Aber ich schaue es mir immer gerne bei anderen an.« Als er jünger war, beobachtete er die Faschingsumzüge im Karneval. Heute freut er sich, wenn sein kleinerer Bruder an seinem Kostüm tüftelt. Zuletzt hatte der Bruder sich als alter Mann verkleidet. Purim 2020 hieß noch: ein Festessen mit Gästen und Vorlesen aus dem Buch Esther.

RASSELN Und dazu gehört natürlich auch das Rasseln, Tuten und Ratschen, wenn der Name Haman fällt. 2021 hingegen wird bei der Familie der Computer eingeschaltet und der Gottesdienst aus der Synagoge per Zoom gemeinsam geschaut. Danach wird gefeiert. »Das geht natürlich auch.«

Elias weiß: Am meisten fehlt jetzt die Gemeinschaft. Er findet es schwierig, die Atmosphäre per Zoom zu spüren. Aber er ist zuversichtlich, dass demnächst wieder mehr Leute in die Synagoge gehen können. Und er hofft, dass spätestens zu Chanukka endlich wieder alles »normal« ist.

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