Porträt der Woche

Frau mit kreativem Gen

»Ich bin vieles: Pädagogin, Tänzerin, Organisatorin, Betreuerin, Mutter, Großmutter«: Nelli Davydenko (61) aus Berlin Foto: Chris Hartung

Porträt der Woche

Frau mit kreativem Gen

Nelli Davydenko ist Pädagogin und tanzt gern zu eigenen Choreografien

von Chris Meyer  11.01.2026 10:04 Uhr

Wenn Menschen über mich sprechen, dann höre ich zwei Sätze besonders oft: »Du bist eine wahre Energiequelle, von dir geht positive Energie aus.« Und: »Halt inne und denk ein bisschen an dich selbst.« Ich muss lachen, wenn ich das höre. Es ist schwer anzuhalten, denke ich dann – denn obwohl auch mein Tag nur 24 Stunden hat, scheinen die Aufgaben, Ideen und Herzensprojekte, die mich bewegen, grenzenlos zu sein.

Ich wurde in Leningrad geboren – dem heutigen Sankt Petersburg. Meine Kindheit war sorglos, kreativ und von großem Zusammenhalt geprägt. Zunächst lebte meine Familie in einer Kommunalwohnung im Stadtzentrum. Als sieben Jahre später meine Schwester geboren wurde, bekamen wir eine Dreizimmerwohnung in einem Neubau – ein kleiner, aber bedeutender Schritt für unsere junge Familie. Kreativität war bei uns zu Hause allgegenwärtig. Meine Mutter war Meisterin der Künstlerpuppenherstellung und unterrichtete Kinder im Handwerk für Stoffspielzeug.

Auch mein Vater war sehr begabt – er hatte »goldene Hände«, wie ich gern liebevoll sage. So wuchsen meine Schwester und ich in einem Umfeld auf, in dem Fantasie, Kunst und handwerkliche Fertigkeiten so selbstverständlich waren wie die vielen Tiere, die zu unserer Familie gehörten. Mehr als alles andere aber liebten wir den kleinen Streunerhund, den wir eines Wintertages gefunden hatten. Noch heute erinnere ich mich mit Wärme an ihn.

Musik und Tanz spielten bei uns eine zentrale Rolle

Die großen Familienfeste leben bis in die Gegenwart in mir weiter: eine Vielzahl köstlicher Speisen, darunter immer Gefilte Fisch – ohne dass ich damals wusste, dass es ein typisch jüdisches Gericht ist. Ich dachte, das sei bei allen Familien so, bekenne ich heute schmunzelnd. Musik und Tanz spielten eine zentrale Rolle: Klavier, Geige, Mandoline und Domra erfüllten unser Zuhause mit Klang, und ich entdeckte früh meine Stimme. Ich sang dreistimmig mit meiner Mutter und meiner Großmutter – ein Talent, das mir einfach in den Schoß fiel und unsere Familie begeisterte.

In den 90er-Jahren begann die große Auswanderungswelle vieler jüdischer Familien aus der ehemaligen Sowjetunion. Einige Verwandte gingen nach Amerika, andere nach Israel oder Österreich. 1996 traf es schließlich auch uns: Meine Schwester, meine Mutter und ich kamen mit unseren Kindern – ich habe eine Tochter und einen Sohn – nach Deutschland, zunächst nach Dessau.

Der Anfang war herausfordernd. Wir lebten im Wohnheim, die Kinder liefen wild über den Hof – und ich spürte sofort, dass ich ihnen Struktur, Beschäftigung und Freude geben wollte.

Mangels Kostümen wurden alte Vorhänge zu Kleidern umfunktioniert.

Ein bereitgestellter Raum wurde zum Ort unserer ersten gemeinschaftlichen Aktivitäten. Die Kinder spielten, lachten und tanzten. Es war der Beginn eines Weges, der mein Leben für die Zukunft bestimmte. Bald bemerkte der heutige Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Dessau, Alexander Wassermann, mein Engagement. Gemeinsam gründeten wir 1997 den ersten Kulturverein. Chanukka war das erste Fest, das wir organisierten – mit Liedern, Tänzen und Gedichten. Es wurde ein voller Erfolg, und die Kinder fragten sofort: »Was machen wir als Nächstes?«

Damit war meine erste Tanzgruppe geboren. Mangels Kostümen wurden alte, ausgebleichte Vorhänge zu traditionellen Kleidern umfunktioniert. Wir dachten ganz naiv: Wenn man sieht, was wir leisten, wird man uns unterstützen. Doch obwohl vieles komplizierter war als gedacht, konnten wir nicht aufhören, denn die Menschen kamen, suchten Gemeinschaft und dankten uns aus tiefstem Herzen.

In den kommenden Jahren wuchs unser Angebot: Auftritte, Ausstellungen, kreative Abende, Konzerte. Meine Mutter fertigte unzählige kunstvolle Spielzeugkompositionen, schrieb Kindergedichte und trat bei literarischen Abenden auf. Unsere Familie blieb ein kreatives Zentrum, egal in welchem Land.

Meine Tanzgruppen wuchsen weiter: in Dessau, in Wittenberg, später auch in Berlin

In Russland hatte ich das pädagogische Kolleg abgeschlossen und als Erzieherin gearbeitet. Doch mein Diplom wurde in Deutschland nicht anerkannt. Eine erneute dreijährige Ausbildung war für mich keine Option – auch, weil der Verein meine ganze Kraft und Zeit brauchte.

Um das jüdische Leben außerhalb von Dessau besser kennenzulernen, begann ich ab dem Jahr 2000, Kreativ- und Tanzseminare in Bad Sobernheim zu besuchen. Diese prägten mich nachhaltig: Dort lernte ich israelische Tänze, jüdische Musik und viele engagierte Menschen kennen. Die Seminare gaben mir neue Kraft – und eine noch tiefere Verbundenheit mit der jüdischen Kultur. Meine Tanzgruppen wuchsen weiter: in Dessau, in Wittenberg, später auch in Berlin.

Da sich in Dessau keine berufliche Perspektive ergab und meine Mutter, meine Schwester und später auch mein Sohn nach Berlin zogen, wagte auch ich den Schritt. Mein erster Enkel wurde geboren, und ich pendelte ein Jahr lang jede Woche zwischen Dessau und Berlin.

Neben meiner Arbeit engagiere ich mich bis heute in der Sonntagsschule »Piramidka«.

In Berlin fand ich schließlich eine feste Anstellung: zuerst als Pflegehelferin, später als Betreuungsassistentin für Senioren. Die Einrichtung wurde für mich zur zweiten Familie – wir sangen, bastelten, machten Handarbeiten und tanzten sogar im Sitzen.Zusammen mit meinem zweiten Ehemann arbeitete ich dort. Immer wieder wurden wir gefragt, wie wir es aushalten, gemeinsam zu arbeiten und zu leben. Als er vor drei Jahren starb, fiel ich in eine Depression. Mit der Zeit fand ich meine Energie wieder.

Auch meine Tanzgruppen führte ich in Berlin fort. Und dann wuchs meine eigene Familie weiter: Meine Tochter zog nach Berlin, heiratete und schenkte mir vier Enkelkinder. Ich bin eine glückliche Großmutter.
Neben meiner Arbeit engagiere ich mich bis heute in der Sonntagsschule »Piramidka«, wo ich Russisch unterrichte. Das Kollegium ist kreativ, die Schüler sind talentiert. Gemeinsame Projekte, Kunstfahrten, Museumsbesuche, Theater, Ausstellungen – alles dient dazu, den kulturellen Horizont der Kinder zu öffnen und ihre Wurzeln zu stärken. Erst kürzlich veröffentlichte die Schule ein eigenes Russisch-Lehrbuch für die Kleinsten – entwickelt mit viel Liebe von uns Lehrern.

Ich habe unzählige Kinder und Erwachsene durchs Tanzen zusammengeführt

Es ist eines der vielen Beispiele dafür, wie tief ich in die kulturelle Bildungsarbeit eingebunden bin. Vor einem halben Jahr meldete sich meine Freundin Swetlana Agronik vom »Projekt Impuls« der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und bat mich um Unterstützung. Für mich war dies der Anstoß, wieder intensiver in die Welt der israelischen Volkstänze einzutauchen. Israelische Tänze sind einzigartig. Wenn man die Schritte kennt, kann man in jeder Stadt der Welt mit völlig Fremden gemeinsam im Kreis tanzen. Dieses Gefühl der Verbundenheit ist einfach magisch.

Ich bin vieles: Pädagogin, Tänzerin, Organisatorin, Betreuerin, Mutter, Großmutter. Meine Energie ist ansteckend, meine Wärme ehrlich, meine Leidenschaft unerschöpflich, so würde ich mich beschreiben. Ich habe unzählige Kinder und Erwachsene durchs Tanzen zusammengeführt, Gemeinschaft geschaffen, Traditionen bewahrt und neue Räume für jüdisches Kulturleben geöffnet. Vielleicht ist es wirklich schwer für mich innezuhalten. Doch genau das macht mich aus.

Aufgezeichnet von Chris Meyer

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