Wo genau Ellen Grünwald den Obermayer Award lassen wird, darüber hat sie sich noch keine Gedanken gemacht. Sie sei nicht der Typ, der sich eine Auszeichnung in Form einer Urkunde an die Wand hänge oder irgendwo aufstelle, sagt sie einen Tag nach der Preisverleihung. Und wer Ellen Grünwald und ihre Arbeit schon einmal kennengelernt hat, der glaubt ihr das sofort.
Denn die Pädagogin hat dieses praktisch Anpackende, dieses Schnörkellose und Direkte, das sich nicht mit Ehrungen, Preisen und Auszeichnungen schmücken muss, um gesehen zu werden. Ihr Engagement steht für sich selbst. Seit mehr als 20 Jahren macht sich Grünwald für die jüdische Geschichte in Eberswalde stark.
Sie trifft Zeitzeugen, organisiert Begegnungen, spürt Geschichten ehemaliger Eberswalder auf und setzt sich mit der Frage auseinander, wie man an die Schoa erinnert, wenn es keine Zeitzeuginnen und Zeitzeugen mehr gibt.
Ein Anfang auf Socken
Angefangen hatte das alles auf Socken. Das war 2003, als eine Frau an ihrer Wohnungstür klingelte: »Sie sagte, dass sie früher in dem Haus gewohnt habe.« Es war Lilli Kirsh, ehemals Löwenthal, eine Eberswalder Jüdin. Sie drehte sich um und ging recht schnell, weil sie nicht stören wollte. Aber Ellen Grünwald rannte ihr hinterher. Später kam sie mit ihr näher in Kontakt, recherchierte die Familiengeschichte und blieb mit der Frau bis zu deren Tod verbunden. »Sie hat mir unglaublich viele Geschichten erzählt von anderen jüdischen Familien. Und so wurde das dann immer mehr«, erinnert sich Grünwald. Seitdem ist sie in Sachen Zeitgeschichte unterwegs.
Für dieses mehr als 20-jährige Engagement ist sie mit einem Obermayer Award ausgezeichnet worden. So wie vier weitere Frauen und Männer, die sich der Erforschung deutsch-jüdischer Geschichte widmen. Wie Rainer E. Klemke, dessen Name so eng mit Berlin verbunden ist wie vielleicht kein anderer. Klemke kann »Berlin sprechen hören«, wie er am Sonntag bei der Preisverleihung erläuterte.
»Berlin ist Geschichte, und ich bin dort hineingeboren.«
Rainer E. Klemke
Was der Gedenkstättenbeauftragte und Mitinitiator der »berlinHistory App« damit meint, erklärt er so: »Ich bin vorhin den anderen Preisträgern damit schon auf den Wecker gegangen, weil ich bei der Taxifahrt hierher angefangen habe zu erzählen. Das liegt einfach drin«, sagt Klemke. Schon als Kind habe er in den Ruinen von Berlin gespielt, sei in Kellern unterwegs gewesen. »Berlin ist Geschichte, und ich bin in diese Geschichte hineingeboren.« Zu sagen, dass Rainer E. Klemke das Geschichtsbuch der Stadt ist, wäre vielleicht nicht übertrieben, denn Geschichte treibt ihn an. Selbst noch am Nachmittag der Obermayer Awards, wie er am Montag in einem Telefonat erzählt.
Gleich wieder drei neue Projekte auf den Weg gebracht
»Ich habe gleich wieder drei neue Projekte auf den Weg gebracht«, sagt er. Eines davon zusammen mit Ellen Grünwald aus Eberswalde. Die »Orte der Erinnerung« sollen nämlich in Richtung Eberswalde ausgebaut werden. Und auch eines mit dem Kollegen in Bayern, sodass dessen Arbeit auch in der »BayernHistory App« implementiert werden kann. Diese Arbeit umfasst 614 Seiten, heißt »Juden in Markt Berolzheim – Schicksal einer jüdischen Landgemeinde« und ist über die Jahre zu einem richtigen Familienprojekt geworden, erzählt Daniel Burmann. Auch deswegen gelten seine vielen Dankesworte am Sonntag zuerst seinen Eltern, seiner Frau Kathrin und den Kindern. Ohne Unterstützung wäre die Arbeit sicher nicht möglich gewesen.
Der bayerische Hauptkommissar erinnert sich an die Schilderungen seiner Großmutter, die ihm als Kind erzählte, »dass es jüdische Familien in Markt Berolzheim gegeben hatte. Sie wusste aber sonst nichts, weil sie selbst noch ein kleines Kind war, als die Juden Markt Berolzheim verlassen mussten.«
2014 organisierte Burmann eine Ausstellung über Männer aus Markt Berolzheim, die im Ersten Weltkrieg gedient hatten. Auf der Suche nach Quellen fand er eine Chronik aus den 1920er-Jahren, geschrieben von einem Pfarrer, der Soldaten aus dem Ort interviewt hatte. »Da sind das erste Mal jüdische Namen aufgetaucht«, sagt Burmann, »weil natürlich auch Juden für ihr Vaterland gekämpft haben.« So wird er auf der Seite der Obermayer Awards in einem der vielen Porträts der Preisträgerinnen und Preisträger zitiert.
Für Burmann war klar, dass er sich dem Thema intensiver widmen wird. Mittlerweile steht sein Buch auch in der Bibliothek der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem. Wenn Burmann an diesen Tag denkt, an dem er der Gedenkstätte das Buch überreichte, an dem es ein Erinnern im Tal der Gemeinden gab, dann berührt dieses gemeinsame Gedenken nicht nur ihn, sondern auch seine Tochter Mia: »Einfach mal minutenlang geschwiegen und daran gedacht. Das war unglaublich.«
Das Engagement eines Einzelnen
Was das Engagement eines Einzelnen bewirken kann, auch darüber spricht Burmann, wenn er zum Beispiel von Stanley Hellmann erzählt, einem Nachfahren der Markt Berolzheimer Familie Löwenstein. Hellmanns Familie lässt sich bis ins 13. Jahrhundert in Franken zurückverfolgen. Der Schock und die Lücke, die die erzwungene Auswanderung in der Familie hinterließ, saß tief. Umso beeindruckender war für Daniel Burmann ein Satz, den Hellmann ihm bei einem Treffen von mehr als 60 Nachfahren aus Markt Berolzheim in New York sagte: »Das war das größte Löwensteiner Treffen seit dem Zweiten Weltkrieg.«
Ein Leitsatz von Burmann ist: »Was wir brauchen, das sind die Geschichten und die Bilder von den Menschen. Nur so kann richtige Erinnerungskultur stattfinden.« Und damit schwingt auch das Bemühen um die Demokratie mit, denn wie schnell der Hass zunimmt, wie schnell Antisemitismus zunimmt und dadurch Demokratie leidet oder gar zerstört wird, das ist kein Thema der Vergangenheit, sondern hochaktuell.
Doch wie bringt man Schülerinnen und Schülern das Erinnern nahe, wenn es nur noch wenige Gelegenheiten gibt, Zeitzeugen zu treffen? Mit unter anderem dieser Frage befasst sich Sandra Butsch, die ebenfalls mit einem Obermayer Award ausgezeichnet wurde. Normalerweise stehen bei der Lehrerin Gemeinschaftskunde, Geschichte, Deutsch und Ethik am Walter-Eucken-Gymnasium und der Kaufmännischen Schule in Freiburg auf dem Stundenplan.
Sandra Butschs Schüler lassen sich mit ihrer Lehrerin fotografieren wie mit einem Star.
Aber seit Jahrzehnten ermuntert sie Schülerinnen und Schüler in einer Vielzahl von Projekten, gegen Judenhass und Rassismus einzutreten. Alle Projekte aufzuzählen, würde einige Zeit in Anspruch nehmen, aber manche ihrer Schüler, die am vergangenen Sonntag zur Preisverleihung nach Berlin kamen, sind sehr stolz auf ihre Lehrerin, sie lassen sich mit ihr fotografieren wie mit einem Star.
Für Demokratie und Geschichtsvermittlung
Dass sich vor allem Lehrerinnen und Lehrer so sehr für Demokratie und Geschichtsvermittlung einsetzen, das motiviert sie, sagt Elke Banabak und spricht damit auch für ihre Kolleginnen Janka Kluge und Brigitte Lösch von der »Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber«. Stellvertretend für die beiden sitzt Banabak auf dem Podium im Jüdischen Museum und erklärt, dass die jungen Leute, die in das Haus mitten in Stuttgart kommen, schon so gut von ihren Lehrkräften vorbereitet und auch motiviert sind, dass sie direkt in die Erinnerungsarbeit einsteigen können.
»Einen Ort zu haben, an dem Gespräche zwischen Menschen in gegenseitiger Wertschätzung möglich sind, auch wenn es konfliktreiche Themen sind«, das ist Antrieb für die Geschäftsführerin des Lernortes, der eine Dauerausstellung zum Thema »Polizei, Gestapo und Verfolgung« zeigt.
Und nach der Auszeichnung fängt der Alltag wieder an. Einer von Ellen Grünwalds nächsten Gedenkterminen in Eberswalde ist im Mai. Mit dem Obermayer Award, den sie zwar vermutlich nicht aufhängen wird, der ihr aber mental den Rücken stärkt, blickt sie optimistisch gestimmt in die Zukunft. Alles andere wäre auch nicht Ellen Grünwalds Art.