Sulzbach

Eine Rolle kehrt zurück

Der Wind ist empfindlich kalt an diesem Aprilsonntag, die dunklen Wolken kündigen Regen an. Rabbiner Elias Dray hält die Torarolle in ihrem rotgoldenen Mantel behutsam fest. Schnellen Schrittes eilt er durch die Gassen von Sulzbach-Rosenberg und betritt schließlich die ehemalige Synagoge. Damit kehrt die wertvolle Schrift an ihren Ursprungsort zurück. Zumindest für ein Jahr.

Der Fund der mehr als 200 Jahre alten Sefer Tora ist eine kleine Sensation: Die Schriftrolle datiert auf das Jahr 1793 und trägt die Inschrift »Sulzbach«. Damit zählt sie zu den ältesten im süddeutschen Raum. Gut 70 Jahre hatte die Rolle unerkannt im Schrein der Amberger Synagoge gestanden, bevor Elias Dray, der Rabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde Amberg, das seltene Stück entdeckte.

»Es kommt nicht oft vor, dass eine Torarolle so klar zugeordnet werden kann. Sie hat mehr als zwei Jahrhunderte überdauert, unter anderem den Stadtbrand von Sulzbach im Jahr 1822. Nach der Auflösung der Sulzbacher Gemeinde kam sie 1934 nach Amberg, wo sie im Heimatmuseum sogar die Pogromnacht überstand«, erzählt Dray.

Gefahren Die Rolle sei ein wichtiges Symbol: »In jeder Generation gibt es Menschen, die das jüdische Volk vernichten wollen. Doch es hat alle diese Gefahren überstanden – genau wie diese Torarolle. Sie ist ein Beweis für das Überleben in der Diaspora.«

Ihre bewegte Geschichte konnte der Schriftrolle kaum etwas anhaben. Die Katastrophen ließen sie relativ unbeschadet, lediglich der Zahn der Zeit hat seine Spuren hinterlassen. Viele Buchstaben, die einst ein Sofer mit einem Gänsekiel aufs Pergament brachte, sind verblichen. 30 Tierhäute wurden für die Sulzbacher Rolle aneinandergefügt. Das ergibt eine Länge von gut 24 Metern. Experten in Israel hatten geprüft, ob man die Rolle restaurieren könne. Doch eine solche Restauration ist aufwendig. Die Kosten von um die 50.000 Euro waren für die Gemeinde zu hoch. Deshalb entschloss man sich, die Rolle nunmehr als Ausstellungsstück zu nutzen.

Eigentlich werden Torarollen, wenn sie nicht mehr im Gottesdienst verwendet werden können, in einem Tonkrug auf einem jüdischen Friedhof bestattet. Doch Rabbiner Dray entschied sich dagegen. »Man soll die Hoffnung ja nicht aufgeben. Vielleicht kommt der Tag, an dem wir sie restaurieren lassen und wieder nutzen«, sagt er.

Leihvertrag Erst einmal aber freuten sich die zahlreichen Gäste und Würdenträger bei der Übergabe in der ehemaligen Sulzbacher Synagoge am 17. April über das wertvolle Exponat. Nachdem der Leihvertrag durch Alexander Jolowitsch, als Vertreter der IKG Amberg, und Michael Göth, Bürgermeister der Stadt Sulzbach-Rosenberg, in der Synagoge in Amberg feierlich unterzeichnet worden war, wurde die Rolle im Konvoi direkt nach Sulzbach-Rosenberg gefahren. Für ein Jahr wird sie nun in einer eigens dafür angeschafften Vitrine die Dauerausstellung des ehemaligen Gotteshauses bereichern.

»Sie ist so etwas wie ein krönender Schlussstein der ganzen Ausstellung«, sagt Markus Lommer. Der ehrenamtliche Stadtheimatpfleger von Sulzbach-Rosenberg betont die Bedeutung der Leihgabe für das idyllische Städtchen in der nördlichen Oberpfalz. Seit dem Ende der Generalsanierung 2013 ist die ehemalige Synagoge wieder bemerkenswerter Teil der Stadt, ein Ort der Begegnung und Erinnerung. Als Lagerraum einer Drogerie und Wohnhaus genutzt, war sie kaum noch zu erkennen: Die Fenster, die Empore – vieles musste in aufwendiger Kleinarbeit neu gebaut werden.

Heute beherbergt die ehemalige Synagoge eine umfangreiche Ausstellung zur Geschichte des Gotteshauses und zum früheren Gemeindeleben. »Aber erst mit der Torarolle kommt auch das religiöse Leben wieder so richtig zurück in diese Mauern«, glaubt Lommer.

Für diese Rückkehr hat man ein besonderes Datum ausgewählt: Vor 350 Jahren, also 1666, hatte der damalige Pfalzgraf Christian August (1645–1708) Juden die Ansiedelung erlaubt. Der liberal eingestellte Adelige interessierte sich für kabbalistische Lehren. Wohl auch deshalb übergab er einen sogenannten Schutzbrief an Feustel Bloch und seine Familie. Die damit gegründete jüdische Gemeinde wuchs beständig.

Keine Seltenheit in der Oberpfalz, wie Michael Brenner, Hauptredner des Festaktes und Professor für Jüdische Geschichte und Kultur an der Universität München, in seinem Vortrag schilderte. Die Mentalität der jüdischen Gemeinden in der Region verglich er in ihrer Widerstandsfähigkeit scherzhaft mit der des berühmten gallischen Dorfes: »Die Juden in dieser Gegend waren oft richtige Oberpfälzer Dickschädel.«

Bedeutung Ob im benachbarten Regensburg oder in Weiden – überall fand jüdisches Leben statt. Im 18. und 19. Jahrhundert – so weiß es das Lexikon der Jüdischen Gemeinden im deutschsprachigen Raum, herausgegeben von Klaus-Dieter Alicke – war in Sulzbach »eine der größten jüdischen Gemeinden der Oberpfalz beheimatet. Jenem Christian August sei es wohl auch zu verdanken, dass Sulzbach zu einem kulturellen Zentrum wurde, «das weit über die Grenzen des kleinen Herzogtums bekannt wurde». So wurde auch Christian Knorr von Rosenroth geholt, «der sich als Kenner der jüdischen Kultur und Sprache mit der Übersetzung der Kabbala einen Namen machte».

Außerdem gab es in Sulzbach lange Zeit eine der bedeutendsten jüdischen Buchdruckereien Europas, die in einem Atemzug mit den Druckereien in Amsterdam und Prag genannt wurde. «Dass mit dem Zweiten Weltkrieg die Geschichte der Juden in der Oberpfalz nicht endete und dass es heute wieder ein lebendiges Gemeindeleben gibt, ist eigentlich ein Wunder», sagt Brenner.

Einige wenige Familien wie etwa die von Rabbiner Dray, einem gebürtigen Sulzbacher, blieben in der Region oder kehrten zurück. Andere, wie die des Oberschullehrers Emanuel Strauß aus Weiden, wurden in alle Himmelsrichtungen zerstreut: Seine fünf Kinder emigrierten auf fünf Kontinente. Ob der eine oder andere von ihnen wohl ein Buch aus der Sulzbacher Druckerei mit im spärlichen Gepäck hatte?

Volk des Buches Doch nicht nur in der kleinen bayerischen Gemeinde wusste man das geschriebene Wort zu schätzen. «Juden werden nicht umsonst als Volk des Buches bezeichnet: Wir feiern das Torafreudenfest. Wir tanzen mit unserem Buch, dem Gesetz Gottes», verwies Dray zum Abschluss auf eine alte jüdische Tradition.

Dieser Liebe zum Buch wurde schließlich auch musikalisch Ausdruck verliehen. Doron Burstein begleitete den Kantor Ezra Meyer – beide aus dem israelischen Petach Tikva stammend – am Piano zur Untermalung des Festaktes. Am Abend gaben die beiden ein Benefizkonzert in der Amberger Synagoge, dessen Erlös Flüchtlingen zugutekommen wird. Ganz im Sinne der Nächstenliebe, wie sie die Tora gebietet.

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