Theater

Eine Jüdin gewinnt

Görlitz Ende des 14. Jahrhunderts. Eine Welle von Pogromen erschüttert die Stadt. Juden werden ausgeplündert und vertrieben. Unter ihnen ist die Tschechanin, eine Witwe, die mit ihren Kindern notgedrungen fliehen muss. Doch die unbeugsame Frau findet sich mit dem Unrecht nicht ab. Jahrelang kämpft sie um Entschädigung für ihr verlorenes Hab und Gut – am Ende mit Erfolg.

Der Streitfall ist historisch verbürgt und durch Quellen im städtischen Ratsarchiv belegt. Nun wurde die Geschichte der mutigen Frau zum Stoff für ein Schultheaterstück in der deutsch-polnischen Grenzstadt. Unter dem Titel »Die Tschechanin-Expedition. Auf Spurensuche nach der Jüdin von Görlitz« kam es am Augustum-Annen-Gymnasium heraus. Mitwirkende aus der achten bis zwölften Klasse begaben sich auf »Forschungsreise«, wie es in der Inszenierung heißt.

Der frühere Direktor des Schlesischen Museums in Görlitz hat das Projekt wissenschaftlich begleitet.

»Wir haben von vornherein kein reines Historienspiel geplant«, sagt Markus Bauer. Der frühere Direktor des Schlesischen Museums in Görlitz hat das Projekt wissenschaftlich begleitet. Das Stück sei bewusst so angelegt, Schüler von heute die mittelalterliche Geschichte spielen zu lassen. Die historische Begebenheit ist deshalb in eine Rahmenhandlung eingebettet, die wiederum an reale Ereignisse anknüpft.

In jüngster Zeit besuchen verstärkt Nachkommen von Görlitzer Jüdinnen und Juden aus aller Welt die Stadt. Ihre Angehörigen wurden während der Schoa deportiert und ermordet. Manche konnten noch rechtzeitig fliehen.
Gleich in der ersten Szene kommt ein fiktiver Brief aus Argentinien ins Spiel. Ein gewisser Jakob Czechany schreibt, er stamme von der Tschechanin ab.

Die Öffentlichkeit möge mehr über deren Schicksal erfahren, das rund 600 Jahre zurückliege. Der hochbetagte Absender glaubt, dass ein Theaterstück der beste Weg sei, um seine couragierte Vorfahrin bekannter zu machen. In der geschickt konstruierten Einführung wird zugleich deutlich, wie fremd jungen Menschen heute die Ereignisse von damals sind. Von einer »wenig glaubwürdigen Story« ist die Rede: »Eine Frau allein, auch noch eine Jüdin, gegen eine ganze Stadt. Und das im Mittelalter.«

Die Tschechanin war seinerzeit ins schlesische Herzogtum Schweidnitz-Jauer geflohen.

Sebastian Ripprich findet klare Worte, um Geschichte in zeitgemäß lockerer Sprache lebendig werden zu lassen. Der Autor des Stückes war Dramaturg am Görlitzer Theater und hat bereits mehrere Textvorlagen für verschiedene Bühnenproduktionen verfasst (»X-Ploring Insu Pu«, »Come on, comet!«). Er konnte sich »auf wissenschaftlich gründlich aufbereitetes Quellenmaterial« stützen. »Das gab dem Vorhaben von Beginn an Sicherheit«, sagt Ripprich. Tatsächlich hat Markus Bauer akribisch geforscht, um die schon bekannte Episode von der beherzt auftretenden Jüdin stärker in den historischen Zusammenhang einzuordnen.

Die Tschechanin war seinerzeit ins schlesische Herzogtum Schweidnitz-Jauer geflohen. Sie begab sich dort unter den Schutz von Agnes, einer Fürstin, die Juden das Niederlassungsrecht gewährte.

Von Löwenberg aus, dem heutigen Lwówek in Polen, startete die geflüchtete Witwe eine Kampagne gegen die Stadt Görlitz. Sie klagte vor dem Gericht, blockierte die Handelsstraße Via Regia und ließ sogar Waren von Görlitzer Kaufleuten beschlagnahmen. 1409, 20 Jahre nach ihrer Vertreibung, bekam die Tschechanin eine beträchtliche Summe ausgezahlt, die dem Wert eines Hofes in bester Stadtlage entsprach.

Der Förderkreis Görlitzer Synagoge mit seinem langjährigen Vorsitzenden Markus Bauer hatte schon 2021 einen ersten Versuch gestartet, die ungewöhnliche Geschichte auf die Bühne zu bringen. 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland waren Anlass, ein Theaterstück zu diesem Thema mit Jugendlichen zu erarbeiten und aufzuführen. Doch das Vorhaben fiel in die Coronazeit, und die bereits gebildete Theatergruppe löste sich auf.

Auch der zweite Anlauf erwies sich als »schwierige Herausforderung«, wie es Greg Stosch ausdrückt. Der freiberufliche Schauspieler, der in verschiedenen Kino- und Fernsehproduktionen mitwirkte, wurde als neuer Regisseur für das Projekt gewonnen. Zu den Proben reiste er aus Stendal an. Vor Ort konnte er sich auf ein erfahrenes Team vom Görlitzer Theater stützen, darunter Regieassistent Dominik Arlt.

Von Anfang an dabei war Maya Schilling, die Darstellerin der Herzogin Agnes.

Innerhalb eines Jahres habe sich das Schülerensemble fast komplett neu aufgestellt, sagt Stosch. Die einen gingen, andere kamen hinzu, sodass es notwendig wurde, manche Szenen ganz neu aufzubauen.
Von der ersten Besetzung blieben nur wenige übrig.

Von Anfang an dabei war Maya Schilling, die Darstellerin der Herzogin Agnes. »Wir sind in die Sache hineingewachsen und hatten die Chance, unsere Ideen einzubringen«, berichtet die 17-Jährige. Die Erarbeitung des Stücks beschreibt sie als spannenden, sehr langen Prozess, der wichtige Erkenntnisse brachte. »Mir war nicht bewusst, dass es Judenhass schon im Mittelalter gab«, gesteht die Schülerin der zwölften Klasse. Sie fand es auch gut, mehr über das Theaterspiel zu lernen, etwa wie man die Stimme einsetzt oder sich auf der Bühne bewegt.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen. So vermag es Lea Markert als Tschechanin, ihre Figur verzweifelt, traurig, zuversichtlich oder kämpferisch wirken zu lassen. Auch die Darsteller in »bösen« Rollen haben Impulse des Regisseurs offensichtlich umgesetzt, wenn sie abfällig über Juden reden oder diese aus der Stadt vertreiben. Solch »negative Handlungen« mit Überzeugung zu spielen sei anfangs auf Widerstand gestoßen, erinnert sich Greg Stosch.

Knapp eine Stunde dauert die kompakte Inszenierung, die damit gut geeignet ist, gerade junge Menschen an ein schweres Thema heranzuführen. Zwei der bislang fünf Vorstellungen fanden Anfang Dezember ausschließlich vor achten und neunten Klassen statt. Zwei weitere Aufführungen sollen im neuen Jahr folgen.

Derweil hofft der Historiker Markus Bauer, dass es gelingt, die Geschichte der mutigen Jüdin »im kollektiven Bewusstsein zu verankern«.

Hellerau

Tscheburaschka und WBS70

Die Ausstellung »Jüdische Ossis IV – Räume der Freiheit und des Rückzugs« stellt Fragen nach privater und öffentlicher Identität

von Katrin Richter  22.09.2026

Hillel

»Man fühlt sich bei uns willkommen«

Die neue Geschäftsführerin Liora Jaffe über das Zuhören, Visionen und Aha-Momente

von Christine Schmitt  22.09.2026

Wuppertal

Brandanschlag auf Synagoge: Frauen weggeschickt

Mitten am Tag soll ein 37-jähriger Afghane einen Brandsatz an der Bergischen Synagoge gezündet und sich danach antisemitisch geäußert haben. Vorher soll er zwei Passantinnen weggeschickt haben

 22.09.2026

Deutschland

»Existenzgefahr für Berlins Juden«

Die Linke macht immer wieder mit Judenhass und Forderungen nach der Auslöschung Israels von sich reden. Der Wahlsieg der Partei veranlasst nun den israelischen Botschafter zu einer ungewöhnlich deutlichen Stellungnahme

 22.09.2026

Meinung

Berlin bekommt, was es verdient!

Ein Kommentar von Chefredakteur Philipp Peyman Engel zum Erdrutschsieg der Linkspartei in der Hauptstadt

von Philipp Peyman Engel  20.09.2026

Feiertage

Chatima towa, oder was?

Was von Rosch Haschana über Jom Kippur bis Sukkot die korrekte Grußformel ist

von Rabbiner Yaacov Zinvirt  20.09.2026 Aktualisiert

Porträt der Woche

Damit die Namen bleiben

Jorge Steffen ist Germanist und engagiert sich für den Erhalt von Grabsteinen

von Gerhard Haase-Hindenberg  20.09.2026

Sachsen-Anhalt

Halle: Gemeindevorsitzender hat keine Angst vor AfD-Regierung

Max Privorozki kritisiert in einem aktuellen Interview das Geschichtsbild der AfD in Sachsen-Anhalt. Er wolle jedoch abwarten, »was die Partei tatsächlich umsetzen würde«

 20.09.2026

Wuppertal

Brandanschlag auf Synagoge: Staatsanwaltschaft geht von Judenhass aus

Der 37 Jahre alte mutmaßliche Täter soll aus antisemitischen Gründen gehandelt haben

 18.09.2026