Yerushalmi Lecture

Ein vergessenes Kapitel

Jeffrey Veidlinger (l.) und Michael Brenner Foto: Tom J.M. Hauzenberger

Yerushalmi Lecture

Ein vergessenes Kapitel

Der Historiker Jeffrey Veidlinger beleuchtete die Pogrome der Jahre 1918 bis 1921 in der Ukraine

von Ellen Presser  05.08.2023 22:32 Uhr

Der Historiker Michael Brenner lehrt sowohl in Washington, D.C., als auch an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU). Das Sommersemester 2023 verbrachte er in München und bescherte damit der studentischen, akademischen und nichtakademischen Zuhörerschaft eine Vielfalt an Veranstaltungen. Er war Gastgeber, Moderator oder Referent bei Themen wie Land- versus Großstadt-Judentum, Antisemitismus-Diskurs, Jiddisch-Symposium, Israel-Debatte und Doktoranden-Arbeiten.

Als jährlich wiederkehrendes Highlight gilt der Yerushalmi-Vortrag, den der Lehrstuhl für Jüdische Geschichte und Kultur der LMU München mit finanzieller Förderung durch die Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern ausrichtet. Namensgeber ist der Historiker Yosef Hayim Yerushalmi (1932–2009), der eine Generation von Wissenschaftlern prägte und bahnbrechende Forschung zur jüdischen Historiografie betrieb.

einführung Brenner erinnerte in seiner Einführung zum 13. Vortrag an seinen Lehrer und freute sich, nach Koryphäen wie John Efron, Pamela Nadell, Steven Aschheim, Raphael Gross und Michael Meyer kürzlich Jeffrey Veidlinger begrüßen zu können. Er kennt den diesjährigen Gast, der an der University of Michigan lehrt, so gut, dass er sogar die Geschichte vom Nudel-Kigl zitieren kann. Die Familie hütet ein tiefgefrorenes Exemplar, das die Großmutter, offenbar eine hochbegabte Köchin, vor rund 43 Jahren zubereitete.

Veidlinger ist von der Überlebensgeschichte seines Vaters, eines ungarischen Schoa-Überlebenden, so geprägt, dass er sich der Erforschung der Geschichte der Juden in Osteuropa verschrieb, ob über jüdisches Kleinstadtleben im sowjetischen Teil der Ukraine oder das Moskauer Jiddische Theater.

Veidlinger ist von der Überlebensgeschichte seines Vaters so geprägt, dass er sich der Erforschung der Geschichte der Juden in Osteuropa verschrieb.

Nach München kam er für einen Vortrag über ein bislang nahezu vollständig vergessenes Thema: Pogrome, die sich zwischen 1918 und 1921 »mitten im zivilisierten Europa« abspielten und als »Vorgeschichte des Holocaust« zu begreifen sind.

flüchtlinge Wer sich wunderte, wieso es weiterhin Zuwanderung von Ostjuden nach dem Ende des antisemitisch aufgeladenen Zarenreichs und der Oktoberrevolution gab, dem werden bei der Lektüre des Buches, das nur ein Jahr nach der amerikanischen Ausgabe vom Verlag C.H. Beck in deutscher Fassung publiziert wurde, die Augen aufgehen. Übrigens gab es schon 1921 – und nicht erst im Oktober 1938 – Anstrengungen, auch in München unwillkommene jüdische Flüchtlinge handgreiflich wieder loszuwerden.

Nach vorsichtigen Schätzungen, so Veidlinger, kamen in der gerade gegründeten Ukrainischen Volksrepublik, die allen Minderheiten auf ihrem Territorium Gerechtigkeit versprach, an rund 1000 Orten mindestens 100.000 Juden zu Tode, 40.000 davon waren von ihren Nachbarn, Bauern, Studenten, Soldaten massakriert worden, die den Juden die Schuld an den Unruhen der russischen Revolution gaben. Bis zu 70.000 sollen den Folgen der Pogrome erlegen sein. Rund 600.000 Juden gelang die Flucht.

Veidlinger, der viele Jahre lang Feldstudien in der Ukraine betrieb und hochbetagte Schoa-Überlebende über ihre dramatischen Kindheitserinnerungen befragte, fand auch Belege dafür, dass die Welt Bescheid wusste.

Der »Literary Digest« fragte im Juni 1919 angesichts von Unruhen in Russland, Polen und der Ukraine: »Wird ein Massaker an den Juden der nächste europäische Schrecken sein?« Die Antwort stand in der »New York Times« vom 8. September 1919: »Ukrainische Juden versuchen, Pogrome zu stoppen«. Der Verrohung vor Ort, Gewalt gegen Juden als Sündenböcke, und der Gleichgültigkeit der Weltgemeinschaft war eine Schneise geschlagen.

Jeffrey Veidlinger: »Mitten im zivilisierten Europa. Die Pogrome von 1918 bis 1921 und die Vorgeschichte des Holocaust«. Aus dem Englischen von Martin Richter. Mit 47 Abb. und neun Karten. C.H. Beck, München 2022, 456 S., 34 €

Bildung

Mathe, Kunst, Hebräisch

Diese Woche ist die Jüdische Grundschule in Dortmund feierlich eröffnet worden. Warum entscheiden sich Eltern, ihr Kind auf eine konfessionell geprägte Schule zu schicken – und warum nicht?

von Christine Schmitt, Katrin Richter  31.08.2025

Essay

Wie eine unsichtbare Wand

Immer sind Juden irgendetwas: Heilige oder Dämonen, Engel oder Teufel. Dabei sind wir ganz normale Menschen. Warum nur gibt es immer noch Erstaunen und teils Zurückweisung, wenn man sagt: Ich bin jüdisch?

von Barbara Bišický-Ehrlich  31.08.2025

Porträt der Woche

Sprachen, Bilder, Welten

Alexander Smoljanski ist Filmemacher, Übersetzer und überzeugter Europäer

von Matthias Messmer  31.08.2025

Vor 80 Jahren

Neuanfang nach der Schoa: Erster Gottesdienst in Frankfurts Westendsynagoge

1945 feierten Überlebende und US-Soldaten den ersten Gottesdienst in der Westendsynagoge nach der Schoa

von Leticia Witte  29.08.2025

Würdigung

Tapfer, klar, integer: Maram Stern wird 70

Er ist Diplomat, Menschenfreund, Opernliebhaber und der geschäftsführende Vizepräsident des Jüdischen Weltkongresses. Zum Geburtstag eines Unermüdlichen

von Evelyn Finger  29.08.2025

Interview

»Physisch geht es mir gut, psychisch ist ewas anderes«

Sacha Stawski über den Angriff auf ihn und seine Kritik an Frankfurts Oberbürgermeister

von Helmut Kuhn  28.08.2025

München

»In unserer Verantwortung«

Als Rachel Salamander den Verfall der Synagoge Reichenbachstraße sah, musste sie etwas unternehmen. Sie gründete einen Verein, das Haus wurde saniert, am 15. September ist nun die Eröffnung. Ein Gespräch über einen Lebenstraum, Farbenspiele und Denkmalschutz

von Katrin Richter  28.08.2025

Zentralrat

Schuster sieht Strukturwandel bei jüdischen Gemeinden

Aktuell sei der Zentralrat auch gefordert, über religiöse Fragen hinaus den jüdischen Gemeinden bei der Organisation ihrer Sicherheit zu helfen

 27.08.2025

Gedenken

30 neue Stolpersteine für Magdeburg

Insgesamt gebe es in der Stadt bislang mehr als 830 Stolpersteine

 26.08.2025