Porträt der Woche

»Ein typisches Diasporaleben«

»Religion ist für mich nicht nur etwas, das in Büchern steht«: Aron Christian Kurt Kumar Sircar (39) Foto: Chris Hartung

Ich habe vier Vornamen – einen jüdischen, zwei deutsche und einen indischen. Der indische Name Kumar bedeutet Prinz. Christian hieß der Mann, der meiner Großmutter während des Krieges half, versteckt in einem Wald in Nordhessen zu überleben. Kurt war der Adoptivvater meiner Mutter.

Meinen leiblichen Großvater habe ich nie kennengelernt. Als er meine Großmutter heiratete und mit ihr eine Familie gründete, ging er davon aus, dass seine ganze Familie in Auschwitz ermordet worden war. Doch nach dem Krieg tauchte plötzlich seine erste Ehefrau in einem Auffanglager in Schweden wieder auf. Er ging zu ihr zurück. Auch das sind die tragischen Geschichten der Schoa.

mehrsprachig Geboren wurde ich 1976 in England, wo ich auch aufwuchs. Später wohnten wir in den Niederlanden, in Deutschland und der Schweiz. Wir sind drei Geschwister mit drei verschiedenen Geburtsorten. Ich führe ein typisches Diasporaleben. Mehrsprachig. Mal hier, mal dort. Als Finanzverwalter und Politikberater bin ich schon viel in Europa herumgekommen, aber auch in verschiedenen Ländern Europas, Afrikas, Asiens und des Nahen Ostens.

Seit vier Jahren wohne ich in Berlin. Einige meiner Vorfahren lebten schon vor 80 Jahren hier. Bis auf eine Cousine meiner Großmutter überlebte keiner von ihnen die Schoa. Ein halbes Jahrhundert später hier zu leben und im Sommer die European Maccabi Games feiern zu können, und dann auch noch im Olympiapark, erfüllt mich mit Dankbarkeit.

Berlin bedeutet für mich Freiheit – trotz der massiven antisemitischen Ereignisse, die Westeuropa seit dem vergangenen Sommer aufwühlen. Hier muss man sich nicht rechtfertigen oder gar verleugnen wie in Ländern des Nahen Ostens oder Südasiens. Das ist ein großer Unterschied.

Respekt Wie lange ich in Berlin bleiben werde, weiß ich noch nicht. Mein Gefühl von Zuhause ist nicht an einen Ort gebunden, sondern an meine innere Verfassung, an meine Beziehung zum Big Boss, zu Hakadosch. Solange man seine spirituelle Heimat in sich selbst findet und zugleich Respekt vor allen anderen um sich herum hat, ist es eigentlich egal, wo man lebt. Das ist die Lektion, die wir Juden in den vergangenen 2000 Jahren lernen mussten.

Ich habe in der ganzen Welt Wurzeln. Mein Vater wurde in Indien geboren, in der Familie gibt es aber auch Perser und Engländer. Meine Mutter indes kommt aus Deutschland. Sie ist ein deutsch-französisch-belgisch-polnischer Mix. Diese Vielfalt prägte auch meine Berufswahl: Ich habe vier verschiedene Studienabschlüsse – Sozialwissenschaften, Jura, Wirtschaft und Politik. In jedem dieser Bereiche habe ich bisher gearbeitet, erst bei der Claims Conference, dann in der Finanzbranche, später in Indien für die deutsch-indische Handelskammer, heute für Unternehmen weltweit.

In Kairo zum Beispiel habe ich einen möglichen Verkauf von Nilwasser an Israel untersucht – um dadurch den Bedarf von Grundwasserreserven aus dem Westjordanland zu minimieren und zudem den Weg für eine Teilung frei zu machen. Wasser ist aus meiner Sicht Teil des Konflikts. Wer den letzten Tropfen hat, überlebt. Das Projekt scheiterte jedoch an ideologischen Vorbehalten, und zwar schon vor dem Arabischen Frühling im Jahr 2011.

Eindrücke Ich mag Schnittstellen: Man muss sich nicht auf einen spezifischen Bereich festlegen. Lieber versuche ich, einen Überblick über das Geschehen zu gewinnen, als mich auf Details zu fokussieren. Denn wenn man die Zusammenhänge nicht versteht, entgeht einem auch der genaue Wert des Details. Verschiedene Eindrücke und Perspektiven zu gewinnen, das ist mir wichtig.

Vor allem Indien hat mich gefordert, meinen eigenen Horizont zu erweitern und komplett neue Konzepte zuzulassen. Extreme sind in Indien Normalität. In Kalkutta zum Beispiel habe ich mich oft gefragt, wie ich mich positionieren soll. Hier die eleganten Boulevards mit teuren Läden und Restaurants, dort Buchverkäufer mit Hitlers Mein Kampf, in Indien immerhin ein Bestseller. Beginne ich also eine historische, politische oder religiöse Konfrontation? Die Leute dort bewerten es einfach als eine Geschichte, die 70 Jahre und 6000 Kilometer entfernt ist. Das Problem ist nur, dass diese Rezipienten politisch sehr einflussreich sind.

In Indien habe ich auch meine Spiritualität entdeckt. Doch der Anstoß dazu kam schon früher, so mit Anfang 20. Ganz aus mir selbst heraus. Ich weiß nicht, ob das eine natürliche Entwicklung ist, die jeder Mensch durchmacht. Früher oder später stellt man sich Fragen, die tiefer gehen als: Wo kaufe ich mein nächstes Paar Schuhe? Zu welcher Party gehe ich heute?

Mesusa Meine Fragen begannen über den Kopf. In meiner Kindheit lebten wir viele Jahre in Bayern, in einem Dorf weit weg von München, Synagoge und jüdischer Gemeinde. Meine Eltern wollten sich integrieren. Christlicher Religionsunterricht war Pflicht. Nach außen hin angepasst, zu Hause jüdisch. Bald kannte ich alle Kirchengebete auswendig, mein Latein übertünchte mein Hebräisch. An der Tür hatten wir zwar eine Mesusa hängen, aber die Leute hielten das für Kunst. Insofern bestand keinerlei Gefahr, als jüdische Familie aufzufliegen. Aber es führte uns auch an die Grenze zur Identitätsverneinung.

Schon damals spürte ich, dass Religion nicht nur etwas ist, das in Büchern steht. Sie betrifft den menschlichen Geist. Wo komme ich her, wo gehe ich hin? Was passiert nach dem Tod? Was ist das Universum? Welche Position nehme ich im Gefüge der Schöpfung als Mensch ein? Solche Fragen bringen einen früher oder später dazu, sich entscheiden zu müssen.

Bei mir begann dieser Weg mit der Aufarbeitung der Schoa in meiner eigenen Familie – mit der Frage, warum meine Großmutter nie über ihr Schicksal gesprochen hat. Erst am letzten Tag ihres Lebens fing sie plötzlich an zu reden. Da habe ich gemerkt: Hier liegt ein sterbender Mensch, der so belastet ist, dass er diese Bürde unbedingt loswerden muss, bevor er stirbt. Das hat mich sehr tief berührt und mir gewissermaßen den Tritt in den Hintern gegeben, mich langsam mit diesem Thema auseinanderzusetzen, auch in spiritueller Hinsicht.

überleben Wirklich tief eingestiegen als praktizierender Jude bin ich hier in Berlin. Schabbat, Feiertage – hier geht das eben. Das genieße ich sehr. Hier feiere ich in diesem Jahr auch Purim. Ich werde viel Wein trinken, so viele Lechaims wie möglich rufen, laut rasseln und viel essen. Wenn Pessach das Fest unserer Identitätsbildung ist, dann feiern wir an Purim unsere Identitätsbewahrung, unser Überleben in der persischen Diaspora. Unter persischen Juden hat Purim daher einen besonders hohen Stellenwert. Es ist so etwas wie unser zweiter Geburtstag, eines der höchsten Feste überhaupt, an dem wir feiern, dass wir leben dürfen.

Denn die eigene Auslöschung in letzter Minute abzuwenden, ist eines der größten Wunder überhaupt, ein Happy End, das gebührend gefeiert werden sollte. Deshalb heißt es ab heute Abend: Sie wollten uns töten. Wir haben überlebt. Lasst uns feiern – und trinken, bis wir Gut und Böse, bis wir Mordechai und Haman nicht mehr unterscheiden können.

Aufgezeichnet von Katharina Schmidt-Hirschfelder

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