Jewrovision

»Ein Quäntchen Glück ist nötig«

»Mein Kindheitstraum ist in Erfüllung gegangen«: Jugendzentrumsleiter Igal Shamailov Foto: privat

Jewrovision

»Ein Quäntchen Glück ist nötig«

Igal Shamailov über den Sieg des Stuttgarter Jugendzentrums und Pläne für die Zukunft

von Christine Schmitt  16.04.2024 13:07 Uhr

Igal, das Stuttgarter Jugendzentrum Halev hat die Jewrovision gewonnen. Wie lange dauerte denn der Rausch wegen eures Sieges? Euer Jugendzentrum (Juze) hat sowohl den Gesangs- und Tanzwettbewerb als auch den Videowettbewerb für euch entscheiden können.
Der Rausch hält immer noch an! Das Ganze ist für das komplette Team surreal, für Boris Karasik, der mit mir das Juze leitet, für das Choreografen-Team, für die Sänger und Tänzer selbst und für die Madrichim. Auch die Eltern haben uns geschrieben und sich bedankt. Das Ganze ist nicht nur ein riesengroßes Ding für uns, sondern generell für die Gemeinde.

Träumst du noch von dem Auftritt?
Das Gefühl, wenn du so einen Pokal in der Hand hast und alle schauen dich an und lächeln dich an – unsere Leute und die von anderen Gemeinden –, das ist unbeschreiblich. Das hat schon etwas. Und ich denke gern daran zurück. An dem Abend hörten wir oft: zwölf Punkte Stuttgart, zwölf Punkte Stuttgart.

Das Juze Halev hat zum ersten Mal gewonnen …
Ja, vor über zehn Jahren schaffte das Jugendzentrum einmal den Sprung unter die Top fünf. In der letzten Zeit hatten wir als Ziel anvisiert, unter die Top drei zu gelangen – und nun sind wir an der Spitze.

Was ist das Geheimnis eures Erfolgs?
Wir haben auf jeden Fall ein Top-Choreografen-Team, das zwar super jung, dennoch erfahren ist. Adeline Kentz und Eddie Zilberg haben unfassbare, gute Arbeit geleistet. Auch der Gesangscoach Fawozane Ouro-Djobo, der schon jahrelang mit den Kindern arbeitet, kennt sie gut und konnte so alles aus ihren Stimmen herauskitzeln. Und ich glaube einfach, dass das Grundgefüge sehr gut gepasst hat. Wir haben uns verstanden. Jeder, der einen Wunsch äußerte, wurde gehört, und meistens wurde er umgesetzt.

Ihr wart sehr mutig mit eurem A-cappella-Part. Das gab es noch nie bei der Jewrovision.
Wir haben zwei wirklich schöne und kraftvolle Stimmen. Der A-cappella-Part ist schön herausgekommen, und ich glaube, am Ende des Tages hat er uns sehr viel Glück gebracht. Wir haben von Anfang an gesagt, dass das eine coole Idee ist, die aber auch komplett schiefgehen kann. Aber das Risiko sind wir eingegangen. Weil das Choreografen-Team auch darauf bestand.

Wie habt ihr es geschafft, die Kinder so lange zu motivieren? Oder waren sie so motiviert, dass man sie gar nicht unterstützen musste?
Schön wäre es. Wir haben recht früh mit den Proben angefangen. Die Choreografie war recht neu und gefiel den Kids. Bei der Choreo will jeder auf die Bühne. Da muss man sie gar nicht besonders motivieren. Und trotzdem gibt es immer diese eine Person, die nicht kommt. Dann muss ich sie anschreiben: »Hey, wo warst du heute?« Aber die Motivation bei den Kindern war schon sehr hoch, und ich glaube, in nächster Zeit wird sie noch viel, viel höher sein.

Muss man Glück haben, um zu gewinnen?
Ein Quäntchen Glück gehört immer dazu. Es können immer unvorhergesehene Dinge passieren. Wir haben tatsächlich auch zwei Zehnjährige auf der Bühne gehabt, da hatte ich besonders Angst, dass die vielleicht vom Lampenfieber ausgebremst werden. Aber am Ende waren sie die Abgeklärten, die, die am lockersten drauf waren. Man muss einfach seinem Körper vertrauen. Das haben die Kids wundervoll gemacht. Aber Glück ist wichtig, schließlich muss man auch den Geschmack der Jury treffen.

Wie war eure Arbeit, um ein gutes Video zu drehen?
Wir haben zusammen im Team die Idee gehabt, eine Geschichte mit einer Message zu erzählen. Es hat sich quasi um die Freundschaft eines jüdischen Jungen mit einem palästinensischen Jungen gedreht. Beide sind Freunde, beide kann nichts trennen, beide sind ganz normal, spielen jetzt Fußball, schauen Fußball. Dann passiert der 7. Oktober, und die arabische Familie sieht zusammen mit der jüdischen Familie die Nachrichten. Sie sind fassungslos. Die Eltern verbieten den Kindern quasi den Kontakt. Die Kinder wissen auch nicht, wie man damit umgehen soll. Sie sind keine Freunde mehr. Dann treffen sie sich, und am Ende des Tages ist egal, ob man Jude, Palästinenser, Muslim oder Christ ist. Es gibt Frieden auf der Welt.

Was steht nun an? Bleiben die Kinder im Juze aktiv?
Die bleiben definitiv bei uns. Sie träumen schon von der nächsten Jewrovision, die dann hier bei uns in Stuttgart stattfinden wird. Das war mein Traum, seitdem ich als Jugendlicher auf der Jewro-Bühne stand. So geht nun mein Kindheitstraum in Erfüllung.

Mit dem Leiter des Stuttgarter Jugendzentrums Halev sprach Christine Schmitt.

Sachsen-Anhalt

Drohungen gegen jüdische Studenten nach Aktion vor Synagoge

Eine Menschenkette hinderte den AfD-Politiker Tillschneider an der Teilnahme an einer Gedenkfeier in Halle. Das hat Folgen für die Studierenden

 16.10.2026

Frankfurt/ Main

Einst Provisorium, heute selbstbewusst

Zum 75. Jubiläum beleuchtet ein Almanach die Geschichte der jüdischen Gemeinde nach der Schoa, ihre inneren Konflikte und ihren Weg zu einem festen Platz in der Stadtgesellschaft

von Leon Stork  15.10.2026

Dresden

Tora-Projekt wird verlängert

Mitten in Dresden wird derzeit in aller Öffentlichkeit eine Tora-Rolle geschrieben. Das Projekt soll jüdisches Leben sichtbar machen. Die Schreiberin sitzt in einem gläsernen Pavillon

 14.10.2026

Gedenken

Vier Stolpersteine erinnern in Erfurt an Familie Rosenblüth

Ein Poesiealbum bewahrte die Erinnerung an eine jüdische Mitschülerin über Generationen. Am 9. November werden in Erfurt vier Stolpersteine für Sara Rosenblüth und ihre drei Töchter verlegt

 14.10.2026

Sachsen-Anhalt

Eine Woche voller Eklats

Nach der Wahl des Landtagspräsidiums bröckelt die »Brandmauer« in der CDU weiter. Das Gedenken in Halle bot einen Vorgeschmack auf ein Land unter AfD-Regierung

von André Anchuelo  14.10.2026

Meilenstein

Endlich Batmizwa

Unsere Autorin hatte vor Kurzem ihren großen Tag. Wie sie sich darauf vorbereitet hat, was ihr Dvar Tora war und wie das Motto ihrer Party lautete, das hat sie uns erzählt

von Madeleine Prinz  13.10.2026

München

Einstimmige Zwiesprache

Kunstexperte Konrad Bernheimer stellte seine Familiengeschichte zwischen Südamerika und Deutschland in Briefen an den Vater vor

von Vivian Rosen  13.10.2026

9. November

Bautzen erinnert an Novemberpogrome 1938

Der Bautzener Kornmarkt war Schauplatz der Novemberpogrome von 1938. Eine temporäre Installation soll am authentischen Ort an NS-Opfer erinnern

 13.10.2026

Berlin

Guy Katz mit Margot-Friedländer-Preis ausgezeichnet

Geehrt wurden neben dem Hochschullehrer, eine Europaschule und ein Projekt des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend

 13.10.2026