Köln

Ein Hit für Esther

Gewaltfrei: Die Purim-Geschichte der Synagogen-Gemeinde hat ein verblüffendes Ende. Foto: Jörn Neumann

Mit bunten Tüchern fuchtelt Noa vor dem König mit dem riesigen Schwellkopf aus Pappe herum. Doch Achaschwerosch, der persische König aus der Purim-Geschichte, hat keine Lust auf diese unterhaltende Einlage. Er scheucht das Mädchen beiseite. »Mit dem Jonglieren habe ich mich beim Casting vorgestellt«, erzählt die elfjährige Noa Kosman in der Aufführungspause. Erfolgreich. Sie ist die jüngste der rund 40 Jugendlichen, die in den Ferien an einem besonderen Projekt teilgenommen haben. Sie haben das Purim-Spiel als Musical einstudiert. »Wir hatten viel Spaß«, fasst Noa die intensiven Vorbereitungen zusammen. Wie die anderen Jugendlichen auch, übernimmt sie verschiedene Rollen: singt im Chor, schiebt Kulissen und spielt ein beobachtendes Mädchen. Dabei hat sie auch einen Part auf Jiddisch vorzutragen. »Das war neu für mich, aber ich habe es schnell gelernt.«

Vorbild Megille Reloaded nennt sich das Stück, eine »wiederaufgelegte Geschichte«. Basis waren die Megille-Lieder des jiddischen Schriftstellers Itzik Manger, der die Begebenheiten rund um Königin Esther und der Judenerrettung 1936 in Warschau in ein eigenes Textgewand fasste. Ende der 60er-Jahre fand die Uraufführung am New Yorker Broadway statt. Diesem Vorbild folgt der Kölner Abend. Erzählende Passagen auf Jiddisch und Deutsch wechseln mit Chorliedern und Solostücken ab. Klesmermusik trägt die Handlung. Das kreative Bühnenbild ist, ebenso wie die Kostüme, selbst hergestellt, mit Liebe zum Detail.

Der große Veranstaltungssaal in der Roonstraße ist voll besetzt. Das Publikum folgt an diesem Abend einem mitreißenden Potpourri aus Musik und Schauspielerei. Bewusst habe man Bezüge zur heutigen Lebenswelt der Jugendlichen hergestellt, sagt der künstlerische Leiter Andreas Schmitges, auf dessen Idee das Projekt zurückgeht. So wurden eigene Texte ergänzt und das Ende der Geschichte sogar umgeschrieben. Schmitges ist Mitglied der Band »Klezmer Alliance« und konnte seine Musikerkollegen für das Musical gewinnen.

Liebe Um eine Brücke zur besseren Identifikation mit der Geschichte zu bauen, wurde eine Figur hinzugedichtet, nämlich die des Schneiderjungen, der unglücklich in Esther verliebt ist. Um seine verlorene Liebe zurückzugewinnen, wird er schließlich sogar gegenüber dem König gewalttätig. Dieser Ausbruch wiederum ist Anlass, eine fingierte Pressekonferenz zum Thema gewaltbereite und angeblich integrationsunwillige türkische Jugendliche à la Sarrazin einzufügen. Fabian Wieschollek hat diese Szene geschrieben. »Es war gut, dass wir selber etwas beitragen konnten«, meint der 16-Jährige, der ein Leverkusener Gymnasium besucht und über die Schule zu dem Projekt gestoßen ist.

Ruth Schulhof-Walter, Koordinatorin der Jüdischen Kulturtage NRW, die das Projekt mit ermöglichten, hatte mehr als 100 Schulen angeschrieben, um Jugendliche für das Purim-Musical zu gewinnen. So war auch Laszlo von Haugwitz dazugestoßen, der wie Texteschreiber Fabian keiner Religion angehört, aber sich für sie interessiert. Der Zwölfjährige spielt Trompete und sitzt in der Band nun seit Tagen neben Levi Orentlikher. Wenn man Levi nach einem muslimischen oder christlichen Teilnehmer fragt, zuckt der 14-Jährige, der Mitglied der Kölner Synagogen-Gemeinde ist, die Schultern. Darüber habe man nicht gesprochen, meint er. Wie selbstverständlich stand das Künstlerisch-Kreative im Mittelpunkt der Probenwoche.

Einsatz Jenny Romaine, Regisseurin aus New York, war neben weiteren Workshoplehrern treibende Kraft hinter der Umsetzung. Sie ist begeistert von dem Engagement der Jugendlichen. »Wie viel möglich ist, auch in so kurzer Zeit.« Sie schwärmt vom musikalischen, schauspielerischen und literarischen Niveau der Jugendlichen. Es sei besser als in den USA.

»Es ist eine ganz besondere Aufführung«, ist auch der Kölner Gemeinderabbiner Jaron Engelmayer überzeugt, »eine erfrischend inszenierte Mischung aus ursprünglicher Geschichte und künstlerischer Kreation.« Das umgeschriebene Ende könnte kontroverse Denkanstöße geben.

»Stopp!«, ruft Fabian in seiner Rolle als Erzähler laut, als Hamann, der die Juden vernichten lassen wollte, schon auf dem Stuhl vor dem Galgen steht. Denn nun ist jener selbst zum Tod verurteilt. »Was wollen wir denn heute tun? Rache ist überholt.« Diese Ansage löst Tumult aus. Aufhören mit der Gewalt. Gleiches nicht mehr mit Gleichem vergelten. Geht das? Die Bürger von Persien einigen sich darauf, weiter zu diskutieren. Ob sie sich einigen konnten, bleibt offen, aber Hamann kann derweil seinen Platz am Galgen verlassen und das Stück nimmt einen ungewohnt gewaltfreien Ausgang. Unter begeistertem Applaus ziehen die Beteiligten tanzend durch den Saal. Die Zuschauer bekunden stehend ihren Beifall.

Guy Kosman, Noas Vater, kann seinen Stolz nicht verbergen. »Es war eine ganz tolle Überraschung, meine Erwartungen sind weit übertroffen worden«, sagt er auch als Gemeindemitglied, das schon einige Purimspiele gesehen hat. Viel über die Proben verraten hatte die Tochter nicht. Gemerkt habe er, dass das soziale Miteinander sehr gut gewesen sei. »Ich habe viele Freunde hier gefunden«, ergänzt Noa, die ein wenig traurig ist, dass nun der normale Schulalltag wieder anfängt.

»Einen Geist des Miteinanders« machte Herbert Rubinstein, Projektleiter der Jüdischen Kulturtage, aus. »Herrlich, was hier entsteht, das nenne ich Völkerverständigung.« Er freut sich, dass das Musical im Rahmen der Jüdischen Kulturtage noch mehrmals aufgeführt wird, unter anderem in Dortmund und Bonn.

www.juedische-kulturtage-nrw.de

Alan Meltzer

»Die Demokratie ist robust«

Am 4. Juli werden die USA 250 Jahre alt. Ein Gespräch mit dem Chargé d’Affaires der amerikanischen Botschaft in Berlin, über Freiheit, Kritik und Hoffnung

von Katrin Richter  03.07.2026

Thüringen

Achava-Festspiele: Dialog zwischen Religionen und Kulturen

Die Achava-Festspiele gehen mit mehr als 80 Veranstaltungen in ihre zwölfte Ausgabe. Neben Konzerten umfasst das Programm Ausstellungen, Filme, Vorträge, interreligiöse Begegnungen sowie Angebote für Familien und Schulen

 02.07.2026

Sport

Maccabiah Chai!

170 Athletinnen und Athleten sind in Israel beim größten jüdischen Sportevent – Wir stellen Ihnen sechs vor

von Katrin Richter, Helmut Kuhn  01.07.2026

Sachsen-Anhalt

»Eine offene Tür ist unsere Antwort«

Landesverbands-Geschäftsführerin Rimma Fil über wachsenden Antisemitismus, Sorgen vor der Landtagswahl und den festen Willen der jüdischen Gemeinden, sichtbar zu bleiben

von Christine Schmitt  01.07.2026

Verlegung

Magdeburg erhält 900. Stolperstein

Seit 2007 wird in Magdeburg mit Stolpersteinen an Opfer des Nationalsozialismus erinnert. Die nunmehr 47. Verlegung wurde auf zwei Tage verteilt

 01.07.2026

Kommentar

»Eigentlich habe ich noch nie mit einem Juden gesprochen«

Als Antisemitismusbeauftragter jüdisch zu sein ist kein Manko. Im Gegenteil: Es braucht an deutschen Universitäten mehr jüdische Beauftragte

von Guy Katz  30.06.2026

Meinung

Maccabiah ist gelebte Selbstbehauptung

Gerade jetzt ist es für jüdische Sportler wichtig, in Israel Kraft zu tanken. Es geht nicht nur um Sport, sondern auch um Selbstbehauptung und ein tieferes Verständnis für das Land

von Alon Meyer  30.06.2026

Aufruf

Jüdische Hochschullehrer fordern besseren Schutz gegen Antisemitismus

Hochschulen können ihre jüdischen Studierenden und Lehrenden nicht ausreichend gegen Antisemitismus schützen. Das NJH will das ändern und fordert unter anderem die Möglichkeit zur Exmatrikulation von Störern

 30.06.2026

Forschung

Historiker Gerber: Erinnerung an Holocaust verschwindet

Der Leipziger Historiker Jan Gerber wendet sich gegen ein kontinuierliches Verschwinden der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Schoa. Der Tod der letzten Zeitzeugen ist für ihn dabei nicht entscheidend

von Volker Hasenauer  29.06.2026