Stuttgart

Digitale Begegnung

Präsenztreffen nicht möglich. Das Leitthema der Woche der Brüderlichkeit lautet in diesem Jahr: »... zu Eurem Gedächtnis: Visual History«. Foto: Getty Images, Monatage: Marco Limberg

Die »Woche der Brüderlichkeit« steht auch in diesem Jahr unter dem Eindruck der Corona-Pandemie. Die Eröffnungsfeier der vom 8. bis 14. März terminierten Aktionswoche wird ohne Publikum am 7. März live ab 11.35 Uhr im SWR-Fernsehen und über ARD-alpha aus der Liederhalle in Stuttgart übertragen.

Schon im Vorjahr musste der Deutsche Koordinierungsrat der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (DKR) die ursprünglich in Dresden geplante feierliche Eröffnung wegen der Covid-19-Beschränkungen ebenso wie mehr als 80 Mitgliedsgesellschaften vor Ort Veranstaltungen in den Städten und Gemeinden absagen.

Das Leitthema der Woche der Brüderlichkeit lautet in diesem Jahr »… zu Eurem Gedächtnis: Visual History« und soll die Bedeutung visueller Medien für die Erinnerungs- und Gedenkkultur betonen. Dazu passt geradezu, dass die Corona-Realität Präsenztreffen gar nicht zulässt. »Auch die Studientagungen zur Vertiefung unserer Jahresthemen werden vorerst digitalisiert stattfinden«, bestätigt die Generalsekretärin des DKR in Bad Nauheim, Pfarrerin Ilona Klemens.

Preisträger Die Verleihung der Buber-Rosenzweig-Medaille 2020, die im März vergangenen Jahres an Bundeskanzlerin Angela Merkel feierlich in Dresden überreicht werden sollte, wurde wiederholt verschoben und soll nach derzeitigen Überlegungen im Sommer 2021 stattfinden.

Preisträger der nach den jüdischen Philosophen und Pädagogen Martin Buber und Franz Rosenzweig benannten Medaille wird in diesem Jahr Christian Stückl sein. Stückl, der Spielleiter der Oberammergauer Passionsspiele, setzt sich seit 1990 mit dem Vorwurf des christlichen Antijudaismus auseinander. Er hat die Passionsspiele in Oberammergau reformiert und stets Stellung gegen Antisemitismus und Rassismus bezogen.

Das traditionelle Treffen zwischen katholischen, evangelischen Geistlichen und Rabbinern kann nur im virtuellen Raum stattfinden.

Auch für 2021 werden aufgrund des Infektionsgeschehens die mehr als 80 Mitgliedgesellschaften keine der ursprünglich rund 2000 Veranstaltungen vor Ort anbieten. Seit 1952 richtet die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit jedes Jahr bundesweit Hunderte von Veranstaltungen aus, die von den Gruppen in den Orten und Regionen organisiert werden. Das Treffen der evangelischen und katholischen Bischöfe mit Mitgliedern der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK) und der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD), das traditionell am Beginn der Begegnungswoche steht, wird in diesem Jahr ebenfalls im virtuellen Raum stattfinden.

Krisenmanagement Das vergangene Jahr und die Vorbereitungen auf das laufende waren alles andere als einfach, berichtet Pfarrerin Klemens, die die Arbeit im Koordinierungsrat seit ihrem Amtsantritt im Dezember 2019 wegen Corona in einem »permanenten Krisenmanagement« führen muss. Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in Bad Nauheim arbeiten derzeit im Homeoffice und sind digital vernetzt, um ihre Arbeit und die Koordinierung der Einzelgesellschaften gewährleisten zu können. »Aber auch unter diesen Bedingungen wollen wir die Kräfte gegen Antisemitismus bündeln und für eine Verständigung eintreten«, betont Klemens.

Trotz der Kontaktbeschränkungen aufgrund der Corona-Krise sei die Zusammenarbeit und Veranstaltungsplanung innerhalb der GCJZ sehr gut gewesen, sagt auch der jüdische Präsident des Koordinierungsrats, der Berliner Rabbiner Andreas Nachama. »Effizient« hätten sich das Präsidium und der Vorstand zur Planung »zusammengezoomt«, obwohl die Präsenzveranstaltungen jetzt wieder abgesagt worden seien. Auch wenn ihm der persönliche Kontakt während der Treffen fehle, stellt Nachama fest, dass virtuelle Vorträge über Internetanbieter erfolgreich seien und besonders jüngere Interessenten ansprächen.

Eine neue Perspektive für die Toleranz- und Verständigungsarbeit der GCJZ sieht Nachama in der Nutzung neuer Medien. Der »Fluch virtueller Formate«, betont er, biete künftig allerdings auch eine Chance, sich ein junges und netzaffines Publikum mit neuen Formaten wie Podcast-Angeboten und Online-Konferenzen zu erschließen, zusätzlich zu den Präsenzveranstaltungen, die bis 2019 dominierten. Das werde eine neue Herausforderung für die künftige Arbeit der Gesellschaften in Städten, Kreisen und Regionen.

Innovationsschub »Wir wurden durch Corona ins digitale Zeitalter geschossen«, sagt auch Ilona Klemens. Wenn in der bundesdeutschen Gesellschaft die Pandemie-Beschränkungen beendet seien und sich bei Veranstaltungen der Mitgliedsgesellschaften Menschen wieder analog treffen könnten, werde die künftige Arbeit des Koordinierungsrates und der Vereine auch digitalisiert weitergeführt. Der Innovationsschub habe die christlich-jüdische Zusammenarbeit besonders für Menschen attraktiv gemacht, die sich über neue Medien und Social Media informieren, sagt Klemens.

»Unsere Arbeit braucht Präsenz, die konkrete Begegnung vor Ort, das Zwischenmenschliche.«

Pfarrerin Ilona Klemens

Ein eigener YouTube-Kanal biete die Möglichkeit sowohl für den Koordinierungsrat als auch für die Mitgliedsverbände, Veranstaltungen ins Netz zu stellen. Die Mediathek auf der Webseite des DKR präsentiert sich inzwischen mit visuellen (»Soweit das Auge reicht …«) und auditiven (»Hier gibt es was für die Ohren«) Angeboten.

Im Podcast-Kanal können Hörer Kenntnisse zu aktuellen und kulturellen Themen vertiefen. So eröffnet zum Beispiel ein fast 35-minütiges Gespräch mit dem diesjährigen Träger der Buber-Rosenzweig-Medaille, Christian Stückl, die Möglichkeit, dessen Arbeit als Spielleiter der Oberammergauer Passionsspiele kennenzulernen. Trotz aller digitalisierter Innovationen werde allerdings die Arbeit vor Ort Herzstück der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit bleiben, betont Klemens.

»Unsere Arbeit braucht Präsenz, die konkrete Begegnung vor Ort, das Zwischenmenschliche.« Zwar gebe es für die Planung in diesem Jahr nach wie vor unzählige Unwägbarkeiten, aber Klemens hofft auf den Sommer.
Im kommenden Jahr wollen der Koordinierungsrat und die Mitgliedsgesellschaften ein feierliches Jahr begehen. 2022 jährt sich die Woche der Brüderlichkeit zum 70. Mal. Sie soll in Osnabrück gefeiert werden. »Wir planen auf Hoffnung hin«, sagt Ilona Klemens.

Frauenmahl Nach wie vor sind zahlreiche Mitgliedsverbände der GCJZ zurückhaltend bei der Ankündigung von öffentlichen Veranstaltungen und planen, diese später im Jahr zu terminieren. Die Frauenarbeit der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsen lädt jedoch in Zusammenarbeit mit der GCJZ Dresden, der Evangelischen Akademie und der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Dresden, wenn auch nur virtuell, am 7. März zu einem virtuellen Frauenmahl ein. Dann heißt es von 18 bis 19 Uhr »Zu Tisch«.

Rabbinerin Esther Jonas-Märtin und die evangelische Pfarrerin Simone Berger-Lober werden dabei anlässlich des Jubiläums »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland« über das Verhältnis zwischen Christentum und Judentum sowie über die Vielfalt gegenwärtigen jüdischen Lebens sprechen. Das Nachdenken über die Gesellschaft aus religiöser Perspektive sollte ursprünglich bei einem festlichen Essen von Frauen stattfinden. Zwischen den Gängen des Menüs inspirieren kurze, engagierte Tischreden das Gespräch.

Das bereits seit zehn Jahren stattfindende »Frauenmahl« soll später im Jahr – wenn die Pandemie es zulässt – mit Teilnehmerinnen analog wiederholt werden. Zu einem digitalen Besuch einer Kabbalat-Schabbat-Feier lädt die Liberale jüdische Gemeinde München Beth Shalom am 12. März ab 18.30 Uhr per Zoom-Gespräch mit Gemeindemitgliedern ein. Um 19.15 Uhr findet dann ein Gottesdienst mit Rabbiner Tom Kucera und Kantor Nikola David statt. Anmeldung: info@gcjz-m.de oder Tel. 089/594720.

www.deutscher-koordinierungsrat.de;
www.frauenarbeit-sachsen.de/veranst/veranst_21.php?id=27

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