Internationaler Frauentag

Sie machen die Gemeinden

»Frauen machen unsere Gemeinde – und diese Welt – zu einem besseren Ort!«, sagt zum Beispiel Rebecca Seidler von der Liberalen Gemeinde in Hannover. Foto: Getty Images

Der Internationale Frauentag wird  am 8. März gefeiert. Er geht zurück auf die Initiative sozialistischer Organisationen und fand zum ersten Mal am 19. März 1911 statt, bis das Datum 1921 auf der Zweiten Internationalen Konferenz kommunistischer Frauen in Moskau auf den 8. März verlegt wurde. Die Vereinten Nationen übernahmen schließlich das Datum 1975  am ersten »Tag der Vereinten Nationen für die Rechte der Frau und den Weltfrieden« und zelebrierten eine öffentliche Feier.

Seither wird der Tag in mehr als 100 Ländern begangen, um Frauenrechte und Gleichstellung zu fördern, und ist in über 25 Ländern gesetzlicher Feiertag – in Deutschland allerdings nur in Berlin (seit 2019) und Mecklenburg-Vorpommern (seit 2023).

Was bedeutet dieser Tag für Vorsitzende von jüdischen Gemeinden? Wir haben uns umgehört.

Jeanne Bakal, Jüdische Kultusgemeinde Trier:
»Rak tov« – aus dem Hebräischen übersetzt »nur Gutes« – mit diesem Motto gehen die Frauen der Jüdischen Kultusgemeinde Trier durchs Leben. Neben dem Backen von Hamantaschen und dem Kochen am Mitzvah-Day für die Polizei. Vor etwas mehr als einem Jahr wurde unsere Tanzgruppe »Goldene Frauen« gegründet, und wir haben bereits mit dem Tanz »Rak tov!« erfolgreich an einem Tanzfestival in Frankfurt teilgenommen. Frauen, die als Kontingentflüchtlinge nach Deutschland kamen, haben das bewusste und intensive Feiern des 8. März mitgebracht. Für uns war es ein richtiger Feiertag – ein Tag, an dem die Frau im Mittelpunkt steht. Das zog sich wie ein roter Faden durch unser ganzes Leben, vom Kindergarten bis zur Arbeit. Schon kleine Jungen im Kindergarten wussten: Am 8. März werden Frauen gefeiert, respektiert und bekommen Blumen geschenkt. Dieses Kulturgut haben wir heil nach Deutschland gebracht.

Leah Floh, Jüdische Gemeinde Mönchengladbach:
Der Internationale Frauentag hat jüdische Wurzeln. Die jüdische Gewerkschafterin Theresa Serber Malkiel gehörte zu den frühen Initiatorinnen eines Frauentages in den USA. In Europa setzten die jüdischen Sozialistinnen Rosa Luxemburg und Clara Zetkin starke Impulse für politische Teilhabe und internationale Solidarität; Zetkin war Christin, lebte jedoch mit dem jüdischen Revolutionär Ossip Zetkin zusammen. Der Einsatz für Gerechtigkeit, Bildung und Würde – das sind auch zutiefst jüdische Werte. Und in der Jüdischen Gemeinde Mönchengladbach? Dort tragen Frauen seit Generationen das Gemeindeleben – religiös, organisatorisch, kulturell und sozial. Sie planen Feste, gestalten Bildungsangebote, begleiten Schoa-Überlebende, Jung und Alt, und sorgen dafür, dass Tradition im Alltag lebendig bleibt. Im Judentum sagt man augenzwinkernd: »G’tt konnte nicht überall sein, also schuf er die jüdische Mutter.« Ein humorvoller Satz mit ernstem Kern. Denn Frauen halten nicht nur Familien, sondern oft ganze Gemeinden zusammen – mit Herz, Verstand und jüdischem Humor. Ihr »weiblicher Touch« ist kein Etikett, sondern Haltung: Verantwortung übernehmen, auch wenn niemand applaudiert – und dabei den Humor nie verlieren. Denn ohne Humor hätten wir Juden manches Jahrhundert nicht überstanden.

Rebecca Seidler, Liberale Jüdische Gemeinde Hannover:
Vor 30 Jahren wurde die Liberale Jüdische Gemeinde Hannover gegründet – ohne den Mut und die Entschlossenheit der Frauen jener Anfangszeit wäre sie heute nicht die größte Reformgemeinde Deutschlands. Drei Frauen, darunter meine Mutter, machten aus einer Idee Wirklichkeit: Sie telefonierten, organisierten, verhandelten und legten das Fundament für die Gemeinde. Bis heute wird liberales jüdisches Leben in Hannover von Frauen getragen. Sie entwickeln die Gemeinde weiter, verantworten Personal und Finanzen, treffen mutige Entscheidungen und sichern Kontinuität. Aus gemieteten Büroräumen entstand ein lebendiges Gemeindezentrum mit Kindergarten, Jugendzentrum, Seniorencafé und Synagoge. Aus einer geliehenen Torarolle wurden fünf eigene – ein Ausdruck von Beharrlichkeit und Tatkraft. Frauen haben vor 20 Jahren die erste liberale jüdische Kindertagesstätte nach der Schoa aufgebaut und leiten sie bis heute. Damit stärken sie die jüdischen Wurzeln unserer Kinder. Die Gemeinde ist dank Frauenpower zu einem jüdischen Zuhause geworden – wo Tora, Avodah und Israel zusammenkommen: Lernen, Gebet und gelebte Gemeinschaft. Es ist daher mehr als angebracht, all diesen mutigen, tatkräftigen und klugen Frauen zu danken. Sie machen unsere Gemeinde – und diese Welt – zu einem besseren Ort!

Barbara Traub, IRGW Stuttgart:
Die Übernahme von gesellschaftspolitischer Verantwortung durch Frauen war nicht immer selbstverständlich. Althergebrachte, traditionelle Rollenbilder schrieben uns Frauen einerseits Haushalt und Familie zu. Andererseits gab es gemeindeintern die Bereiche soziale Arbeit sowie Lehramt und Bildung von Frauen für Frauen. Frauen konnten Geschäfte führen, wie das Beispiel von Chaile Kaulla sel.A. beweist, doch beanspruchten Männer mehrheitlich die Berufswelt und politische Positionen exklusiv für sich. Mitunter sind regelrechte »Übereinkünfte« dokumentiert, Frauen nicht in den Vorstand zu wählen. Mikhail Fundaminski sel. A., aufgewachsen in St. Petersburg und erster Zuwanderer im Vorstand unserer Gemeinde, entdeckte dies einst verwundert in alten Protokollen unserer Repräsentanz. Freilich hat sich das längst geändert und zunehmend mehr Männer setzten sich aktiv für Gleichberechtigung ein. Durch meine Tätigkeit als Psychotherapeutin beziehungsweise Psychoonkologin steht für mich die Vereinbarkeit von Beruf und ehrenamtlicher Gemeindearbeit für Frauen aber auch für Männer im Fokus. Wir müssen gute und stabile Strukturen schaffen, um die jüngere, arbeitende Generation für die Aufgaben in den unterschiedlichen Gremien zu gewinnen. Als Frauen bringen wir dabei spezifische Qualitäten in diese Gremienarbeit ein. Wir zeichnen uns häufig durch ein systematisch höheres Durchhaltevermögen und Flexibilität aus, während unsere männlichen Kollegen nicht selten erstaunlich impulsiv reagieren. Möglicherweise hängt das auch mit traditionellen Rollen zusammen: Als Mutter von Kindern stand für mich am Anfang meines gesellschaftspolitischen Engagements beispielsweise das klare Ziel klar vor Augen, Angebote für Kinder, junge Menschen und Familien zu schaffen. Meine Rolle als Mutter verstärkte gewissermaßen das Bewusstsein für Werte und Normen, für die unser jüdischer Glaube und unsere jüdische Kultur stehen. Die Folge ist ein Handeln aus einem Guss, in dem sich Werte und Normen in den unterschiedlichen Strömungen des Judentums mit dem konkreten Handeln in den unterschiedlichen Bezügen des modernen Lebens wechselseitig stützen. Vielleicht ist dies auch ein tieferer Grund, warum Familientraditionen meist durch uns Frauen weitergegeben werden: Gelebte Tradition, Werte und Normen bedürfen gleichermaßen der Verlässlichkeit und des Durchhaltevermögens!

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