Tagung

Die Zukunft hat längst begonnen

Erstmals in ihrer 14-jährigen Geschichte ist die Leitung der Union Progressiver Juden in Deutschland weiblich. Mit Sonja Guentner übernimmt die 41-jährige studierte Byzantinistin und Gesellschafterin der Internationalen Friedensschule Köln die Führung von rund 3.000 liberalen Gemeindemitgliedern.

Auch die zweite Vorsitzende ist eine Frau. Debbie Tal-Rüttger kommt aus Gudensberg und befasst sich mit liberaler Liturgie. Jan Mühlstein und Michael Lawton kandidierten nach vielen Jahren nicht mehr für den Vorstand.

Bei den fünf weiteren Vorstandmitgliedern machten es die rund 60 Wahlberechtigten im Großen Saal des St. Johannesstift in Berlin-Spandau spannend. Basisdemokratisch wie bei den Vorsitzenden wurde jedes Vorstandsmitglied in einem separaten Wahlgang gekürt.

Heraus kam ein äußerst heterogener aber dadurch auch repräsentativer neuer Vorstand. Es wurden gewählt: Paul Yuval Adam (Bielefeld), Daniel Peiser (Pinneberg), Faina Pelts (Hameln), Michelle Piccirillo (Jung und Jüdisch). Mit Walter Rothschild gehört erstmals auch ein Rabbiner dem Vorstand an.

Heterogen Delegierte wie Vorsitzende lobten zum einen die Zusammensetzung der neuen Führungsriege. Überhaupt zeichneten sich die vier Tage von Spandau durch eine große kreative und engagierte Kraft aus. Traditionell nutzt die Union ihr Jahrestreffen nicht nur für die formalen Dinge wie Rechenschaftsbericht und Finanzplan, sondern vor allem zum Lernen.

Rabbiner Joel Oseran, Vizepräsident der World Union for progressive Judaism wünschte den rund 200 Teilnehmern am Donnerstagabend dazu viel Spaß und überbrachte die Grüße des neuen Weltvorsitzenden Stephen Fuchs. Die deutschen Liberalen seien fester Bestandteil der weltweiten Unionsfamilie.

Ihre Workshops nutzten die Teilnehmer vor allem für eine Standortbestimmung liberalen Judentums in Deutschland. So beschrieb Walter Rothschild provokant, »Warum wir keine Rabbiner brauchen«. »Natürlich brauchen wir sie als Seelsorger, als Menschen, die mehr wissen als wir, als Lehrer, Richter und Wegbegleiter«, korrigierte er sich selbst. »Doch wer bezahlt sie?« Es gibt in den meisten Gemeinden in der Regel kein Geld für sie.

Eine Frage der Prioritätensetzung – so eine Gegenstimme. Walter Blender aus Bad Segeberg hielt eine dritte Version dagegen. »Wie können wir wissen, was uns fehlt, wenn wir nie einen Vergleich hatten?« Man komme seit Jahren ohne Rabbiner aus, was gleichzeitig die Gefahr berge, vieles falsch zu machen, weil man nicht korrigiert werde.

Sie vermisse den Rabbiner vor allem als Helfer in aktuellen Fragen wie etwa der PID, sagt Alexandra Khariakova aus Unna. Der Rabbiner sei wichtiger Ansprechpartner für die Jugend und um vertraulich Probleme besprechen zu können.

Dynamisch Wie dynamisch und engagiert liberale Jugendarbeit geleistet wird, zeigte Jehudit Weinberg. Die Slicha der Jewish Agency regte die Workshopteilnehmer zum aktiven Mitmachen an. »Was heißt Jugendarbeit?«, fragte sie. »Was interessierte euch, als ihr Jugendliche wart?« Fragen, Antworten, freie Assoziationen zeigten, dass Jugendarbeit ein Kernpunkt liberaler Gemeindearbeit ist.

Visionär zu bleiben, scheint ein Schlüsselwort der liberalen Juden in Deutschland zu sein. Die Rabbinatsstudentin am Leo-Baeck-College in London, Lea Mühlstein, charakterisierte dies in ihrem Workshop: »Die Zukunft beginnt heute – der Wert von Visionen für die Gemeindearbeit«, wohin eine Gemeinde steuert, die nur noch ihre Funktionen erfüllt.

Sie erstarrt in einer Konsummentalität, in der wenige Menschen viele Aufgaben übernehmen. Ihr Abgleiten in die Bedeutungslosigkeit sei vorausbestimmt, weil ihr Vorstand gegen jede Veränderungen sei. Die visionäre Gemeinde hingegen zeichne sich durch eine »hohe Mitmachkultur«, Innovation und eine reflektierte Leitung aus. Ein Ziel, dem sich die Union in den kommenden Jahren mit ihrem verjüngten Vorstand widmen wird.

Wie jung aber auch die »älteren« Delegierten sind, zeigte sich schon am Eröffnungsabend. Vom Klesmertrio Rosenthal und Band ließen sie sich immer wieder zum Mitklatschen und Tanzen mitreißen. Ein beschwingter Auftakt, wie ihn auch Jan Mühlstein noch nicht erlebt hatte.

Sachlich kurz ließ der Münchener die vergangenen Jahrestagungen Revue passieren. Fasste zusammen, was man in den zurückliegenden Jahren erreicht hat. Er sieht das liberale Judentum wieder fest verankert mit guten Strukturen. »Um die Zukunft mache ich mir keine Sorgen, denn diese hat längst begonnen«, sagte er in seiner Eröffnungsrede, die für ihn zur Abschiedsrede wurde.

Die Neuen Einen Wandel wird es auch bei Jung und Jüdisch geben. Gally Reich überlässt im Herbst Adrian Michael Schell das Feld. Und Michelle Piccirillo – Kulturwissenschaftlerin und Geschäftsführerin der Leo Baeck Summer University der Humboldt-Uni in Berlin – wechselt von Jung und Jüdisch in den Unionsvorstand, wo sie mit 29 Jahren die Jüngste ist. Gregor Wettberg zog nach zehn Jahren »Jung und Jüdisch« Bilanz für die Nachwuchsorganisation der Liberalen, einer Erfolgsgeschichte, die mit heißen Diskussionen in langen Nächten begonnen hatte.

Gestärkt durch ein Mittagessen, setzte sich schließlich der Vorstand am Sonntagnachmittag zu seiner konstituierenden Sitzung zusammen. Auf der Terrasse des Christophorus-Hauses, seit 2003 Gastgeber der Jahrestagung, nutzen die Vorstandsmitglieder die Zeit, um sich einander vorzustellen, schließlich kommt man aus 22 Gemeinden in ganz Deutschland.

Medien

Kristin Helberg, der Hass auf Israel und der urdeutsche Wunsch nach Entlastung

Ein Kommentar von Jan Fleischhauer

von Jan Fleischhauer  10.05.2026

Gedenken

»Beklemmende Aktualität«

Charlotte Knobloch und Josef Schuster sprachen zum 81. Jahrestag der Befreiung des KZ Dachau

von Vivian Rosen  10.05.2026

Meinung

»Boykottlisten« gegen »Zionisten«? Die 30er-Jahre lassen grüßen

Streit um eine Palästina-Halskette: Was wirklich im Berliner Café »The Barn« passierte, was das Café »Acid« damit zu tun hat und welche Rolle die Lokalpresse spielt

von Ayala Goldmann  08.05.2026

Andenken

Vier Schulen und mehrere Plätze nach Margot Friedländer benannt

Vor einem Jahr - am 9. Mai - starb die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer mit 103 Jahren. Für viele war sie ein Vorbild. Inzwischen tragen immer mehr Schulen, Straßen und Plätze ihren Namen. Eine Übersicht

von Karin Wollschläger  08.05.2026

Meinung

LMU München: Ein Abschiedsbrief an meine geliebte Alma Mater

Ein Liebesbrief aus Enttäuschung an eine Universität, die sich selbst zu verlieren droht

von Guy Katz  08.05.2026

Redaktion

Die Menschen hinter der Jüdischen Allgemeinen

Wer textet und redigiert, gestaltet, illustriert und organisiert heute die Jüdische Allgemeine? 18 Menschen, neun Ressorts – wir stellen uns vor

 07.05.2026

Andenken

Berlin hat jetzt einen Margot-Friedländer-Platz

Bei der Einweihungszeremonie sagt Cornelia Seibeld (CDU), die Präsidentin des Abgeordnetenhauses, die »Herzkammer der Demokratie« habe nun eine neue Adresse

 07.05.2026

Deutschland

»Die Jüdische Allgemeine gehört einfach dazu«

Seit drei Generationen ist die Jüdische Allgemeine ein Kompass für die jüdische Welt. Prominente Leserinnen und Leser erzählen, warum ihnen die Zeitung wichtig ist

 07.05.2026

Jubiläum

Starke Stimme

Vor 80 Jahren erschien die erste Ausgabe der Jüdischen Allgemeinen. Mehr denn je braucht es eine präsente und selbstbewusste jüdische Zeitung in Deutschland

von Philipp Peyman Engel  07.05.2026