Musik

»Die Verbundenheit zwischen Juden und Iranern zeigen«

Die beiden Musiker Alexey Kochetkov (l.) und Kioomars Musayyebi bei ihrem Konzert am vergangenen Sonntag in Düsseldorf. Foto: Anne Orthen

Herr Kochetkov, Herr Musayyebi, Sie sind am vergangenen Sonntag in der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf mit Ihrem Programm »Zwischen Klezmer und Radif – Jüdische und Persische Musiktraditionen im Dialog« aufgetreten. Wie sind Sie auf die Idee zu diesem Abend – gerade jetzt – gekommen?
Alexey Kochetkov: Gerade jetzt – da der Konflikt zwischen dem jüdischen und dem iranischen Staat den Höhepunkt erreicht hat, wollten wir die jahrtausendealte Geschichte dieser beiden Völker genauer anschauen, um besser zu verstehen, was uns verbindet. In der Hoffnung, dass wir eines Tages – hoffentlich eher früher als später – gemeinsam gegen Probleme und Missverständnisse und nicht gegeneinander ankämpfen. Weil wir beide Musiker sind, ist unser Weg, dies anzugehen, eben ein Musikprogramm ins Leben zu rufen, das das Schöne und das Schwierige in dieser Beziehung emotional durch Klänge verarbeitet.

Was haben Sie im Vorfeld recherchiert?
Kioomars Musayyebi: Nach unserer Recherche haben wir keine richtigen Hinweise für ausschließlich jüdisch-persische Musik gefunden; beziehungsweise jüdische Musik im Iran und von iranisch-jüdischen Musikern, aber es ist unsere Recherche. Vielleicht gibt oder gab es sie, und wir können es nicht 100-prozentig sagen. Was für uns sehr offensichtlich war: Juden im Iran hatten die persische Musik komplett akzeptiert, für sich angenommen und sie studiert. Das heißt, es gab eigentlich keinen Unterschied zwischen persischer und jüdischer Musik. Juden lebten früher frei mit ihrer Religion in Persien, sie waren auf vielen Ebenen gut integriert.

Kochetkov: Etwas, das es noch zu recher­chieren gilt: Jeder aus dem jüdischen Kulturkreis weiß zum Beispiel, was Hava Nagila ist. Und ich frage mich, was wäre eine persisch-jüdische Hava Nagila? Es gibt kein Buch in der Art von »100 Lieder persisch-jüdischer Tradition«, keine CDs. Das ist noch ein weites Feld in der Recherche. Wir haben keinen – so wie beim Klezmer – markanten Musikstil der jüdisch-persischen Musik ausfindig machen können, trotz der Existenz der persisch-jüdischen Gemeinde seit über 2600 Jahren. Die persisch-jüdische Musik ist gar nicht so gut dokumentiert. Und die Musikbeispiele, die wir im Internet gefunden haben, hat Kioomars immer als persische-iranische Lieder erkannt, die sich Juden anscheinend angeeignet haben – durch das Schreiben der Texte in judeo-persischen Dialekten oder später, als die persischen Juden bereits in Israel lebten und Hebräisch sprachen.

Herr Kochetkov spielt Violine – was spielen Sie, Herr Musayyebi?
Musayyebi: Das Santur, ein persisches Instrument mit 72 Saiten und zwei Schlägeln. Es stammt aus dem Iran und hat sich allerdings auch in anderen Ländern verbreitet, in der Mongolei gibt es Varianten davon, auch in China. Dort übrigens trägt es einen sehr interessanten Namen: Fremder. In Österreich heißt es Hackbrett.

Jüdische Musik, persische Musik: Wie gelingt dieses Zusammenspiel?
Musayyebi: Alexey spielt ja nicht nur Geige. Er nutzt verschiedene elektronische Techniken und erweitert damit das Geigenspiel. Das hat zwar keinen spezifischen Bezug zu jüdischer oder persischer Musik, ist aber für unser Spiel eine tolle und wichtige Basis.

Kochetkov: Generell ist jede musikalische Konstellation und Kombination möglich, wenn man sie kreativ angeht. Und Geige und Santur zusammenzustellen, ist noch einfacher, weil es in der persischen Musik sowieso eine Art Geige – die Kamantsche, gibt. Diese Instrumente passen einfach sehr gut zueinander. Wir haben bei der Vorbereitung des Programms so viel gelernt, über die Geschichte von Juden in Persien, daher haben wir beide beim Konzert auch viel erzählt. Eben weil das Thema jüdisch-iranische Kultur und Geschichte so wahnsinnig interessant ist, haben wir dem Publikum viel aus der Geschichte sowie aus eigenen Erfahrungen mitgeteilt. Denn gerade in dieser Zeit ist unsere Freundschaft und unser Duo vielleicht nicht ganz offensichtlich für andere.

Wie lange kennen Sie einander?
Kochetkov: Über zehn Jahre. Wir haben viel zusammen musiziert, viel Zeit miteinander verbracht. Oft werden wir gefragt, wie unsere Freundschaft besteht bei der politischen Lage, aber wir haben eine gute menschliche Ebene miteinander. Die wollten wir auch bei diesem Konzert zeigen. Es gibt dieses gewisse Verbundenheitsgefühl zwischen dem jüdischen und dem iranischen Volk, diese Grundhaltung. Es ist vielleicht zu vergleichen mit einer Beziehung, in der es auch ab und zu Schwankungen gibt: Manchmal, wenn es turbulent ist, verbindet das die Leute mehr, als wenn alles immer harmonisch ist.

Musayyebi: Ich sehe es genauso, denn ich habe ja ganz praktische Erfahrung aus dem Iran: Ich bin dort geboren und aufgewachsen. Diese Verbindungen, die Alexey gerade geschildert hat, die habe ich selbst erlebt, selbst gesehen. In Israel können die Menschen auch darüber reden, über gute jüdisch-persische Verbindungen, aber umgekehrt im Iran leider nicht. Ich weiß, wie groß das Interesse von Iranern an anderen Kulturen ist; sie sind offen für die ganze Welt, aber bedauerlicherweise leben sie in einem geschlossenen System.

Wie verfolgen Sie die politische Lage?
Musayyebi: Ich bin seit 2011 nicht mehr im Iran gewesen, aber natürlich tut es mir weh, was gerade passiert, und ich denke an meine Familie, an meine Freunde. Man darf nicht vergessen, dass es auch ganz normale Zivilisten, ganz normale Menschen gibt. Krieg ist niemals gut, egal wo. Das betrifft nicht nur diese Region, das gilt für die ganze Welt. Es gibt Menschen, die sind tief geprägt von einer Ideologie, und jeder denkt von seiner Überzeugung, dass sie die richtige sei, ohne dass man sich ein bisschen Zeit nimmt, um nachzudenken, sich zu hinterfragen. Stattdessen werden Kriege geführt, und dann heißt es schnell: wegen der Religionen.

Kochetkov: Der Konflikt zwischen dem Iran und Israel basiert darauf, dass das iranische Regime seit der Revolution von 1979 kompromisslos antizionistisch ist und Israel als illegitime Einheit ansieht. Auch für mich ist das ja ein kompliziertes Thema. Ich habe Familie in Israel. Neulich habe ich ein Meme im Internet gesehen – und das fand ich richtig. Es zeigte zwei Politiker in einem Boxring, und es hieß so ungefähr: Wenn Politiker einen Krieg anfangen wollen, muss man sie in einen Boxring stellen, sie müssen kämpfen, und der Gewinner bekommt das, was er bekommen wollte. Ich glaube ganz generell, dass Kriege, in denen Bomben aufeinander geworfen werden, in denen Menschen getötet werden, ein Resultat von fehlendem Dialog zwischen den Machthabern sind, was auch die Kompetenz von Machthabern deutlich infrage stellt. Außer Kioomars kenne ich noch andere Iraner, und es gibt kein Gen, das Juden zwingt, Iraner zu hassen und auch umgekehrt. Oder eines, das Juden zwingt, Palästinenser zu hassen und umgekehrt. Fehlende Politik führt zu Kriegen.

Zurück zur Musik: Werden Sie das Programm weiterverfolgen?
Musayyebi: Unbedingt. Wir müssen zeigen, dass sich die Leute lieben und dass das nichts mit Religion zu tun hat. Gar nichts, es ist alles nur zwischenmenschlich. Wir sind beide Musiker, wir können gemeinsam auf die Bühne gehen, und das ist auch unsere Pflicht. Wir sind Menschen – egal ob Christen, Juden oder Muslime.

Kochetkov: Und unser beider Programm hat Potenzial, es hat eine starke Aussage und hat uns beide auch neugierig gemacht. Wir wollen noch mehr über diese besondere Beziehung lernen, um vielleicht doch eine persische Hava Nagila zu finden.

Mit den beiden Musikern sprach Katrin Richter.

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