Gemeinde

Die nächste Generation

Sprachen über junge Menschen in den Gemeinden: Barbara Traub, Philipp Stricharz, Moderatorin Anna Staroselski, Arthur Bondarev, Sima Purits und Noam Petri (v.l.) Foto: Stephan Pramme

Arthur Bondarev erinnert sich noch ganz genau, wie er zum ersten Mal Kontakt zu einer jüdischen Gemeinde hatte. er war 14 Jahre alt und auf der Suche »nach einer Gruppe, nach Halt, nach Identität«, und da kam das Angebot des Jugendzentrums gerade richtig. In seiner Gemeinde fand er Stabilität, traf freundliche Menschen, stieß auf Offenheit und hatte die Möglichkeit, sich mit eigenen Projekten selbst zu entfalten. Man sieht: Wenn man jungen Menschen die Gelegenheit gibt, sich am Gemeindegeschehen zu beteiligen, dann wird auch etwas daraus.

Genau darum, wie sich junge Menschen in den Gemeinden engagieren können, ging es bei der Session »Jung, jüdisch, direkt: Gemeindevertreter und junge Juden im Diskurs« aus der Reihe Religion und Gemeinschaft. Neben Bondarev diskutierten Sima Purits, Philipp Stricharz, Barbara Traub und Noam Petri über die Frage aller Fragen: Wie kann sich die jüngere Generation in die Gemeinden einbringen, ohne den »Älteren« auf die Füße zu treten? Und wie können die »Älteren« entspannt bleiben, wenn die Jüngeren mit vielleicht ganz neuen Herangehensweisen an sie herantreten?

Sehr klug moderiert von Anna Staroselski, trafen Mitglieder mit ganz unterschiedlichen Gemeindebiografien und unterschiedlichen Alters aufeinander. Barbara Traub vom IRGW-Vorstand berichtete aus der Stuttgarter Gemeinde: Man habe schnell gemerkt, dass man etwas ändern müsse. Jugendliche sollten sich nicht nur miteinander verknüpfen, sondern auch Teil der Gemeinde werden. Und das, so Traub, bedeutete auch, dass die jungen Mitglieder zwischen 30 und 45 Jahren motiviert wurden, für den Vorstand zu kandidieren. So hätten wesentliche Anliegen der jüngeren Generation gehört werden können.

Was dabei herauskäme, wenn es eine gute und heterogen gewachsenen Gemeinde gebe, das zeige unter anderem auch Staroselski selbst, denn, so erklärt Traub, Staroselski ist heute Vizepräsidentin der Deutsch-Israelischen Gesellschaft und eine engagierte Jüdin. Fingerspitzengefühl sollte auch bei allem, was das Religiöse anbelangt, bei der jüngeren Generation herrschen. Erfahrungsgemäß rücke das Religiöse ohnehin wieder mehr in den Lebensmittelpunkt, sobald sie eigenen Familien hätten.

Junge Leute brauchen vor allem Räume, um sich zu entfalten.

Philipp Stricharz, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Hamburg, hat vor allem in den vergangenen Wochen gelernt, dass es die »echten Themen« sind, die bei den jungen Gemeindemitgliedern ankommen. So habe er sich nach dem 7. Oktober offen zur Situation in Israel geäußert – und das sei auch bei jungen Menschen, die vielleicht sonst nicht so engen Kontakt zur Gemeinde haben, gehört worden. Es gelte aber auch, kritisch in die Gemeinde zu schauen und den langjährigen Gemeindemitgliedern beim Diskurs mit der Jugend zu helfen. Dinge müssten vor allem sachlich besprochen werden.

Den jungen Mitgliedern müsse auch Raum gegeben werden für ihre Ideen. Dieses Anliegen hatte Sima Purits, Vorstandsmitglied und Regionalbeauftragte des Jüdischen Studierendenverbandes Nordrhein-Westfalen. Junge Menschen wollten bei aller Aktualität nicht ausschließlich über Antisemitismus sprechen. Feiertage oder andere Aspekte des Judentums seien doch relevanter.

Flagge Noam Petri von der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD) sieht, das machte er in der Schlussrunde zur Frage »Kann es eine Zukunft für Jüdinnen und Juden in Deutschland geben?« klar, eine Zukunft, wenn drei Faktoren gegeben seien: Die jüdische Gemeinschaft müsse sich der Zeitenwende bewusst werden, die Mehrheitsgesellschaft müsse verstehen, dass ein demokratisches Deutschland kein jüdisches Partikularinteresse ist. Politik dürfe nicht nur reden, sondern müsse vor allem auch handeln. Dafür gab es Applaus aus dem Publikum – wie es auch die ganze Session verdient hatte, denn es ging um die nächste Generation, und die beginnt jetzt.

Schule

Vernetzt für die Zukunft jüdischer Bildung

Direktoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz treffen sich in München zum Austausch

von Esther Martel  22.03.2026

Porträt der Woche

Sprache als Zuhause

Michal Zamir betreibt eine hebräische Privatbibliothek und einen literarischen Salon

von Alicia Rust  22.03.2026

Flora

Sehnsucht nach Kirschblüten

Neben einigen Synagogen gibt es Gärten, um die sich Gemeindemitglieder kümmern. Sie ernten Äpfel, grillen oder feiern im Grünen. Ein Streifzug zum Frühlingsanfang

von Christine Schmitt  21.03.2026

Geburtstag

Holocaust-Überlebender Abba Naor wird 98

Der Zeitzeuge, dessen Mutter und Bruder in Auschwitz ermordet wurden, kämpfte in Israels Unabhängigkeitskrieg und war später Mossad-Agent

 20.03.2026

Eröffnung

Ausstellung in Osnabrück beleuchtet Antisemitismus

2026 jährt sich das Ende der ersten jüdischen Gemeinde in Osnabrück zum 600. Mal. Mit einer Ausstellung erinnert das Museumsquartier an diese frühe Phase jüdischer Geschichte. Auch die Wurzeln des Antisemitismus werden sichtbar

 19.03.2026

Musik

»Die Verbundenheit zwischen Juden und Iranern zeigen«

Alexey Kochetkov und Kioomars Musayyebi haben ein Konzert mit jüdischer-persischer Musik gegeben. Ein Gespräch über Santur-Klänge, Politik und eine besondere Freundschaft

von Katrin Richter  19.03.2026

Berlin

Berliner Rabbinerin wird Präsidentin der Rabbinical Assembly

Mit Gesa Ederberg übernimmt erstmals eine Europäerin das Spitzenamt der internationalen Organisation

 18.03.2026

Angriffe

Schmierereien und Drohungen: Antisemitismus an NS-Gedenkstätten nimmt zu

Lehrer hätten bereits Führungen abgesagt, aus Angst, dass Schüler das Programm boykottieren

von Leticia Witte  18.03.2026

Ehrung

Ein pflichtbewusster Optimist

Fritz Neuland war einer der Wiederbegründer und später Präsident der Münchner Kultusgemeinde. Nun ist eine Straße nach ihm benannt

von Esther Martel  16.03.2026