Porträt der Woche

Die Mittlerin

Auch in der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit aktiv: Petra Kunik Foto: Judith König

Das habe ich von meiner Mutter übernommen: Am Freitag bringe ich die Wohnung auf Hochglanz und bereite den Schabbat vor. Deshalb vergeht der Freitagmorgen mit Putzen und Einkaufen. Ich stehe normalerweise jeden Morgen zwischen sieben und acht Uhr auf. Wenn ich am Abend zuvor einen Termin hatte, schlafe ich eine Stunde länger. Dann trinke ich Unmengen Kaffee und lese meine E-Mails.

Freitags verbringe ich nur kurze Zeit am Computer und widme mich dann dem Haushalt. Gegen 16 Uhr beginnt für mich der »Schöne-Mädchen-Tag«, das heißt, ich mache mich für die Synagoge zurecht. Das gehört zur spirituellen Vorbereitung auf den Schabbat.

Dieser Tag ist der Angelpunkt meiner Woche. Wenn nichts dazwischenkommt, gehe ich alle 14 Tage gegen 19 Uhr zum egalitären Minjan in unsere Frankfurter Westend-Synagoge. Dort bin ich aufgewachsen. Ich sage immer, die Synagoge war mein Kinderzimmer. Zwar bin ich 1945 in Magdeburg geboren, aber wir sind, als ich noch klein war, nach Frankfurt gezogen.

Enkel Wenn meine Kinder und Enkel uns besuchen, dann kommen sie oft schon am Freitag. So können wir zusammen zum Gottesdienst gehen oder wenigstens zu Hause gemeinsam den Schabbat begrüßen. Ich habe zwei Töchter und fünf Enkelkinder. Die eine Tochter lebt in Berlin, die andere in Bergisch-Gladbach, ich sehe sie öfter.

Nicht jeden Samstag gehe ich zum Gottesdienst. Manchmal ruhe ich mich auch einfach nur aus. Aber am Schabbat benutze ich keine Elektronik im Zusammenhang mit all dem, was mit Arbeit verbunden ist.

Weder werfe ich die Waschmaschine an, noch schalte ich den Computer ein, um nach meinen E-Mails zu sehen. Doch gelegentlich telefoniere ich und schalte abends auch mal den Fernseher an.

Der Samstag ist auf alle Fälle ein ruhiger und arbeitsfreier Tag. Wenn die Enkelkinder da sind, besuchen wir auch mal den Zoo, den Palmengarten oder ein Museum. Hin und wieder gehen wir auch essen, damit ich nichts zubereiten muss. Ich koche eigentlich gerne, und wenn ich es tue, dann wie eine Meschuggene. Es wird mir auch gesagt, dass ich gut koche. Aber ich tue es nur selten, denn es hält mich zu sehr auf.

Der Sonntag ist integrativ, wie ich gern sage. Mein Mann und ich gehen dann auch mal aus. Es ist ein ruhiger Tag. Ich kümmere mich um meine E-Mails und setze mich an mein Buch. Zurzeit schreibe ich ein belletristisches Stück über Sara und Hagar, die Frauen von Abraham. Es soll zwar kein Jugendroman werden, aber ein Buch, das Jugendliche verstehen. Wenn man für diese Gruppe schreibt, kann man sich nicht rausreden. Neulich, als mich eines meiner Enkelkinder etwas fragte, stand ich voll auf dem Schlauch. Für das Buch lerne ich ganz viele neue Sachen, etwa über den Jahresablauf und den Alltag der Menschen in jener Zeit.

Wenn ich meine Schreibzeit habe, dann beginnt der Tag so gegen 8.30 Uhr. Am Anfang überlege ich immer, wie ich mich vor der Arbeit drücken kann. Ich telefoniere und tue dies und jenes. Aber spätestens ab elf Uhr sitze ich dann doch am Tisch – manchmal bis nachts um elf. Wenn ich merke, dass ich an meine Grenzen komme, gehe ich in die Stadt oder treffe mich mit Freundinnen zum Kaffee.

Am Sonntag sichte ich meinen Kalender und schaue, welche Termine ich in den kommenden Tagen habe. Nächste Woche beispielsweise halte ich zwei Vorträge über Kleidung in den Religionen. Zurzeit bereite ich mich darauf vor.

Ich strukturiere mir die Woche aber auch mit Freizeit. Mein Mann achtet ebenfalls darauf, dass das Gesellige nicht zu kurz kommt und ich unter Menschen bin. Mein Mann war in der Erwachsenenbildung tätig. Seit ein paar Jahren ist er pensioniert und unterstützt mich wunderbar. Er liest viel und trifft eine Vorauswahl für mich. Oft legt er mir aus den Zeitungen die Seiten mit den Artikeln hin, die ich lesen sollte, weil sie von meinen Themen handeln.

Ich muss darauf achten, dass ich mich im Schreiben nicht verliere, sondern mich immer mal mit Freunden oder mit meinen Geschwistern verabrede. Heute Abend zum Beispiel treffe ich mich mit einer Gruppe zum Äppelwein im »Gemalten Haus«.

Mein Mann und ich besuchen an der Goethe-Uni Veranstaltungen im Rahmen des Exzellenzclusters »Die Herausbildung normativer Ordnungen«. Wir haben uns Vorträge herausgesucht, die sich mit der Frage von Menschenwürde und Menschenrechten beschäftigen. Diese Themen sind der Faden, den wir beide aufnehmen. Wenn man so will, ist das unser gemeinsames Hobby. Wir beschäftigen uns damit, lesen und diskutieren darüber.

Termine Regelmäßige Termine habe ich eigentlich nur über meine Arbeit für die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit. Ich bin Vorsitzende des Vereins. Jeden Monat gibt es eine Vorstandssitzung, und einmal im Monat habe ich eine Veranstaltung zu organisieren und zu betreuen. Zudem bin ich in einer Fraueninitiative, der Sarah-Hagar-Gruppe, da bin ich auch im Vorstand. Sonstige Termine sind regelmäßige Treffen mit meinem Bruder und meiner Schwester. Etwa alle 14 Tage sitzen wir zusammen im Café Laumer. Das ist eine Tradition, die auf unsere Studentenzeit zurückgeht. Wir verabreden uns auch mal für einen Sonntag oder schauen uns gemeinsam einen Film an.

Ich gehe gern ins Kino, auch ins Theater und die Oper, aber nicht so oft, wie ich gern würde. Das ist schade. Denn im Kino gibt es alle vier bis sechs Wochen einen Film, bei dem ich denke: Da muss ich unbedingt hin. Almanya zum Beispiel fand ich so toll! Da war im Kino eine Gruppe von Jugendlichen, die haben nach der Aufführung getanzt. Sie waren so glücklich. Man hat gemerkt, dass dieser Film ihnen eine Identität geschenkt hat. Das waren Jugendliche, um die ich sonst einen Bogen mache, wenn ich sie in der Stadt sehe.

Vor Kurzem habe ich gemeinsam mit meinem Bruder und meiner Schwägerin einen anderen Film gesehen, der mir auch sehr gut gefallen hat, der aber meiner Ansicht nach völlig falsch angekündigt wird: Alles koscher. Das ist keine Komödie, kein Schenkel-Klopfer, sondern eine Super-Satire.

Fahrrad Was ich überhaupt nicht mache, ist schwimmen, diverse Kurse besuchen oder zum Turnen gehen. Ich fahre gern Fahrrad – aber nur, wenn ich die Zeit dazu habe. Wir wohnen ein bisschen außerhalb. Wenn ich Termine in der Stadt habe, versuche ich, mit dem Fahrrad zu fahren, damit ich mich etwas bewege. Das kommt bei mir zu kurz.

Mein großes Problem ist, alle Pläne im Tag unterzubringen. Es kommt vor, dass ich einen ganzen Vormittag lang telefoniere, obwohl ich mir etwas ganz anderes vorgenommen hatte. Wenn ich dann abends so sitze, dann denke ich: Ach, da hast du wieder dies und das nicht gemacht, nicht an deinem Buch gearbeitet.

Ich laufe der Zeit hinterher. Dann denke ich an den schönen Satz meiner Schwester. Die sagte zu mir, als ich einmal hektisch wurde: »Petra, bleib ganz ruhig! Du hast doch bis jetzt immer alles geschafft, auch wenn es im letzten Moment war.«

Aufgezeichnet von Canan Topçu

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