Interview

»Die Leute sind verunsichert«

Frau Weber, neue Gesundheitsreform, Wegfall des Elterngeldes für Hartz-IV-Empfänger, jede Woche erreichen uns neue Nachrichten über Einschränkungen im Sozialwesen. Wie verunsichert sind die Gemeindemitglieder dadurch?
Grundsätzlich muss man natürlich sagen, dass dies kein spezifisch jüdisches Problem ist, sondern ein generelles für die Menschen in diesem Land, die darauf angewiesen sind, weiterhin gut versorgt zu sein. Man merkt bei der Klientel, dass eine Verunsicherung besteht, denn die Anfragen kommen gehäuft. Die meisten unserer Hilfesuchenden sind Migranten, die Grundsicherungs- oder Hartz-IV-Empfänger sind. Nach solchen Mitteilungen zu Gesetzesänderungen oder Reformüberlegungen erhöht sich immer die Besucheranzahl bei den Sprechstunden in den Sozialabteilungen.

Wer sucht Hilfe?
Es kommen besonders ältere Menschen, die nicht alles verstehen, sprachlich die Gesetzesvorhaben nicht erfassen können und eine zusätzliche Erklärung benötigen. Der Wegfall von Elterngeld würde bei jüngeren Familien einen Einschnitt bedeuten und die Familienplanung erschweren. Also man kann alles in allem sagen, dass diese Menschen verstärkt auf unsere Unterstützung angewiesen sind und enorm verunsichert sind.

Man kann sicherlich die Gesetzeslage erklären. Wie können Sie den Hilfesuchenden aber die Existenzangst nehmen?
Indem wir die Mitarbeiter der jüdischen Gemeinden, die in diesen Anlaufstellen arbeiten, in Vorträgen und Seminaren schulen. Darüber hinaus veranstalten wir regionale Integrationsseminare. Dort nehmen Personen teil, die von diesen Gesetzen betroffen sind. Dort kann man sie über die veränderte Gesetzeslage informieren. Außerdem spielen natürlich auch die Medien eine große Rolle.

Die Veränderungen in der Gesetzeslage sind größer denn je. Wie bringen Sie Ihre eigenen Mitarbeiter in der Zentralwohlfahrtsstelle auf den neuesten Stand?
Das ist richtig, es ändert sich sehr viel in äußerst kurzer Zeit. Deswegen bieten wir auch verstärkt Informationsveranstaltungen und Seminare für die Mitarbeiter in den Sozialabteilungen der Gemeinden an. Wir unterscheiden dort auch zwischen Anfängern und Fortgeschrittenen und richten das Programm immer passend auf den jeweiligen Bedarf aus.

Bei wem holen Sie sich fachliche Hilfe für die Seminare?
Wir laden dazu Fachleute von den entsprechenden Gesundheitsämtern und von Ministerien ein, von überall, wo es fachlich kompetente Ansprechpartner gibt, die uns in die Materie einführen können.

Haben Sie denn auch mehr Mitarbeiter einsetzen müssen in der letzten Zeit?
Nein, das können wir nicht, das würde unseren Rahmen sprengen.
Man kann beobachten, dass viele Menschen die Krankenkasse wechseln, wenn wieder eine Zusatzversicherung erhoben wird. Wie können Sie den Menschen in diesem speziellen Fall helfen?
Die Gesundheitsreform wird für die Krankenkassen zur Spielwiese für neue Klientel. Was wir machen können, ist bei den Integrationsseminaren, zu denen die Leute vor Ort kommen, Mitarbeiter von den Krankenkassen als direkte Ansprechpartner einzuladen, die Auskunft geben. Wir warnen unsere Leute, nicht vorzeitig die Krankenkasse zu wechseln, denn das kann auch Nachteile bringen. Wir ziehen zu unseren Veranstaltungen auch Vertreter von Verbraucherzentralen hinzu, die Vorträge halten und professionell beraten können.

Sind diese Integrationsseminare heute besser besucht als vor ein paar Jahren?
Es kommen eindeutig mehr Menschen zu unseren Veranstaltungen, weil sich der Informationsbedarf sehr gesteigert hat und weil die Verunsicherung sehr viel größer geworden ist.

In welcher Sprache erfolgen die Seminare?
Zweisprachig: auf Russisch und Deutsch. Bei diesen Themen muss man das machen. Wenn wir auch sonst nur noch sehr selten Dolmetscher einsetzen – bei diesem Klientel, das vorwiegend alt ist, müssen wir die komplizierten Erklärungen in die russische Sprache übersetzen, damit die Teilnehmer auch wirklich alles verstehen können.

Erleben Sie Menschen, die wegen der sozialen Unsicherheit verzweifelt sind?
Wir als Sozialreferat der ZWSt weniger, wir sind ja eher die Anlaufstelle für die Sozialabteilungen der jüdischen Gemeinden, so dass diese Erfahrungen mehr vor Ort gemacht werden.

Sind Ihre Mitarbeiter aufgrund der vielen Neuerungen frustriert?
Von Frustration würde ich nicht sprechen, aber durch diese ständigen Neuerungen entsteht natürlich auch bei ihnen ein zusätzlicher Beratungsbedarf. Aber wir können auch noch keine Aussage darüber machen, wie sich die Reformen auswirken und vor allem wie erfolgreich sie sein werden, denn dazu müsste das Reformpaket erst einmal zum Abschluss gebracht werden.

Das scheint jedoch nicht in Sicht …
Wir bemühen uns zwischen unserer Klientel und den Ämtern zu vermitteln. Das können wir derzeit nur sehr punktuell. Aber es gibt nun mal neue Gesetze, auf die wir reagieren müssen, aber wie, das steht in den Sternen. Die Gelder werden immer knapper und das macht sich überall bemerkbar, leider auch in der Gesundheitsreform. Unter diesen Umständen ist die Zukunftsplanung schwierig.

Mit der Leiterin des Sozialreferats der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland sprach Heide Sobotka

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