Porträt der Woche

Die Kamera als Waffe

Macht Bilder, die von der Kraft und Resilienz Israels zeugen: Halina Hildebrand aus Berlin

Porträt der Woche

Die Kamera als Waffe

Halina Hildebrand fotografierte Leid und Zerstörung durch den Hamas-Terror

von Gerhard Haase-Hindenberg  10.03.2024 17:33 Uhr

Vor wenigen Tagen bin ich aus Israel zurückgekommen – mit Fotos, die auf der einen Seite die Zerstörungen nach dem 7. Oktober 2023 zeigen und auf der anderen die ungeheure Betroffenheit der Menschen. Da gibt es beispielsweise das Bild einer namhaften Galerie im Kibbuz Be’eri, die völlig zerstört ist, und daneben ein einsamer Künstler, der in dieser Galerie ausgestellt hatte.

Ich habe die israelischen Binnenflüchtlinge fotografiert, die beengt in Hotels untergebracht und ihres normalen Lebens beraubt wurden. Es sind aber auch Bilder von der Resilienz und der Kraft Israels. Persönlich erlebte ich diese Tage als eine fast schizophrene Situation zwischen einem emotionalen Zusammenbruch und gleichzeitig einem Aufbäumen, von dem ich nicht dachte, dass ich diese Kraft als 70-Jährige noch in mir habe.

Geboren wurde ich in der Stadt Bytom in der polnischen Woiwodschaft Slaskie, dem früheren Schlesien. Mein Vater war ein polnischer Jude, der in einem Schtetl aufgewachsen und vor den Nazis in Richtung Osten geflohen war. Der Rest seiner Familie ist ermordet und im Massengrab verscharrt worden. Meine Mutter ist in Wladiwostok im fernen Sibirien zur Welt gekommen. In der Sowjetunion haben sich meine Eltern kennengelernt und sind nach dem Krieg in die polnische Heimat meines Vaters gezogen. So habe ich die ersten zehn Jahre meines Lebens in Bytom verbracht.

Es ist einer Anhäufung von Zufällen zu verdanken, dass ich zur Fotografie kam.

Im Nachkriegs-Polen war mein Vater mehrfach antisemitischen Übergriffen ausgesetzt. Schließlich sind meine Eltern mit meiner zehn Jahre älteren Schwester und mir nach München gegangen. Doch ich war in München nicht sehr glücklich. Als meine Schwester in Israel geheiratet hat und mit ihrem Mann nach New York ging, nahm sie mich mit. So lebte ich also in Uptown Manhattan und besuchte eine amerikanische Highschool. Dann kam ich zurück nach Europa, wo ich mal in England und mal in Italien wohnte und von verschiedenen Jobs gelebt habe. Schließlich bin ich mit meinem damaligen Freund nach Taiwan gereist und habe dort eine Akupunktur-Ausbildung gemacht, was einen Grundstein für meine spätere Tätigkeit bilden sollte.

Ein rastloser Vogel, der nicht recht wusste, wohin mit sich

Danach war ich erst einmal wieder ein rastloser Vogel und wusste nicht recht, wohin mit mir selbst. Dann kam ich zurück zu meinen Eltern nach München, habe eine Ausbildung zur Heilpraktikerin gemacht und danach zunächst in verschiedenen Praxen gearbeitet. Schließlich habe ich in München geheiratet und eine eigene Praxis für Naturheilverfahren eröffnet.

Als die Ehe in die Brüche gegangen war, zog ich mit meiner damals siebenjährigen Tochter nach Berlin, habe auch dort eine Praxis eröffnet – und das mit einigem Erfolg. Ich habe sehr viele schwerkranke Menschen behandelt: Frauen mit beidseitigem Brustkrebs, junge Menschen mit HIV und Patienten, die an Mukoviszidose litten. Doch nach einem Vierteljahrhundert war ich müde geworden. Hinzu kam, dass vonseiten der Politik versucht wurde, die Tätigkeit der Heilpraktiker immer mehr zu beschränken. Therapien, die über Jahrzehnte erfolgreich und ohne nennenswerte Nebenwirkungen zur Anwendung kamen, wurden plötzlich verboten.

Im Jahr 2010 habe ich meine Praxis verkauft und meinen Nachfolger noch ein Jahr eingearbeitet, denn die Tätigkeit der Heilpraktiker läuft ja über den persönlichen Kontakt. Ich sah eine Verantwortung darin, meine Patienten mit diesem jungen Kollegen bekannt zu machen.

Ich habe schon immer gern fotografiert

Es ist einer Anhäufung von Zufällen zu verdanken, dass ich schließlich zur Fotografie kam. Ich habe schon immer gern fotografiert. Vor mittlerweile 27 Jahren habe ich meinen Mann geheiratet, der ein hervorragender Fotograf ist. Wenn er sich damals meine Aufnahmen ansah, fragte er immer, warum ich diesen Bildausschnitt so gewählt habe oder jenen Hintergrund oder dies und das. Entmutigt habe ich aufgehört zu fotografieren.

Zehn Jahre später habe ich mir dann doch wieder eine kleine Kamera gekauft und hatte sehr viel Freude, wenn ich etwa meine Tochter fotografierte. Plötzlich gefielen meinem Mann die Aufnahmen, und er hat mir eine professionelle Kamera geschenkt. Und als ich mich mit den Möglichkeiten beschäftigt habe, die solch eine Kamera bietet, brach die Leidenschaft bei mir richtig aus. Ich habe Stunden vor einem tropfenden Wasserhahn verbracht oder fotografierte die Wolken. Ich besuchte zwei Seminare in Fotoschulen und verstand, was Fotografie ist und welche Möglichkeiten sie bietet.

Plötzlich konnte ich Erfahrungen aus meiner Tätigkeit als Heilpraktikerin nutzen. Viele Jahre habe ich mich mit Menschen beschäftigt, die physisch oder psychisch nicht ganz in ihrer Mitte waren. Da war es wichtig, dass man diese Menschen in ihrer Ganzheit begreift. Als ich nun zu fotografieren begann, war es daher naheliegend, dass ich auf Menschen zuging. Um ein gutes Porträt zu machen, musste ich sie eben auch in ihrer Ganzheit erfassen. Nach einer Weile veränderte sich meine Fotografie, indem der Mensch kleiner und das soziale Umfeld wichtiger wurde.

Eines Tages habe ich eher zufällig jemanden kennengelernt, der für eine gemeinnützige Sozialorganisation namens »VIA Berlin« arbeitete. Diese Organisation richtet Wohngemeinschaften für Behinderte ein, auch für Menschen mit psychischen Störungen oder Demenz. Sie stellen gleichsam Arbeitsplätze für behinderte Menschen zur Verfügung – in einer Holzwerkstatt, einer Metallwerkstatt oder einer für Keramikarbeiten. Es hat mich total berührt, dass es dabei nicht nur darum geht, dass diese Leute beschäftigt sind.

Nein, von ihnen wird Qualität erwartet. Und da sie diesem Anspruch gerecht werden, haben sie auch eine Würde. Ich bin durch diese Werkstätten gegangen und habe überall fotografiert. Auch das Theater Rambazamba, eine Theatergruppe, in der geistig und körperlich behinderte Darsteller mit professionellen und teils prominenten Schauspielern zusammenarbeiten, gehört zu VIA Berlin. Dort habe ich während der Proben fotografiert.

Schließlich kam es zu meiner ersten großen Ausstellung mit 144 Bildern, zu deren Vernissage 800 Menschen kamen. Das war für mich eine großartige und berührende Veranstaltung. In der Corona-Zeit war ich dann gezwungen, mit meinem Mann in unserem Haus auf dem Land zu bleiben. In dieser Zeit ging ich viel in den Wald und habe dort fotografiert. Dabei rutschte ich in den Bereich der künstlerischen Fotografie. Mittlerweile habe ich auch eine Galerie, die mich vertritt.

In vielen verschiedenen Ländern gelebt und nirgendwo Wurzeln geschlagen

Da ich schon in jungen Jahren in so vielen verschiedenen Ländern gelebt habe, hatte ich nirgendwo Wurzeln geschlagen. Das Einzige, was sich wie ein roter Faden durch mein Leben zog, war, dass ich Jüdin bin. Eine typische säkulare Jüdin, die höchstens mal zu Rosch Haschana in die Schul geht. Meine Beziehung zum Judentum ist nicht religiöser Natur, aber ich bin das, was heutzutage für viele ein Schimpfwort ist: eine Zionistin. Ich fühle mich unserer Tradition und mit zunehmendem Alter vor allem Israel verbunden.

Zum ersten Mal war ich als Teenager in Israel, als meine Schwester dort geheiratet hat.

Zum ersten Mal war ich als Teenager in Israel, als meine Schwester dort geheiratet hat, bevor wir in die USA gingen. Als nun am 7. Oktober dieses grauenvolle Massaker passierte, war ich entsetzt über die Berichterstattung in den hiesigen Medien, die aus meiner Sicht den Antisemitismus massiv befeuert. Auf der einen Seite wird das Leid der Zivilbevölkerung in Gaza gezeigt, und diese Bilder werden oft nur mit Bildern der israelischen Armee gegengeschnitten. Das steht aber nicht in Relation.

Will man das Leid der Menschen in Gaza zeigen, was unbestritten vorhanden ist, so muss man auch das Leid der Israelis zeigen. Das derjenigen, die das Massaker erleben mussten, das der Angehörigen der Geiseln und, worüber gar nicht berichtet wird, das der 200.000 israelischen Binnenflüchtlinge, die ihre Häuser im Süden wie im Norden verlassen mussten.

Und wenn man die Soldaten der israelischen Armee zeigt, dann im Gegenschnitt bitte die Terroristen der Hamas und nicht die Zivilisten. All das hat mich bewegt, zu meiner Waffe zu greifen – der Kamera – und hinzufahren. Es ist für mich eine große Freude, dass mich die Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin eingeladen hat, ab dem 21. März meine in den letzten Wochen in Israel entstandenen Fotos zu zeigen.

Aufgezeichnet von Gerhard Haase-Hindenberg

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