»Nicht versetzt«

Die Ehrenrunde

Schlechte Noten führen oft zu Ärger und Stress. Manche Schüler empfinden es als Befreiung, ein Jahr Zeit geschenkt zu bekommen. Foto: Thinkstock

»Nicht versetzt«

Die Ehrenrunde

Eine Klasse zu wiederholen, ist erst einmal peinlich. Aber oft läuft dann alles besser

von Rivka Kibel  22.07.2015 09:44 Uhr

Das war ein Hammer, aber auch wie eine Befreiung. Ich hätte heulen können – und gleichzeitig jubeln!» Als für Luis* feststand, dass er die siebte Klasse wiederholen muss, wusste der heute 15-Jährige nicht, wohin mit sich und seinen Gefühlen. Party oder stilles Kämmerlein? «Irgendwie konnte ich mich nicht entscheiden, wonach mir war», sagt der Gymnasiast rückblickend.

Entscheidung Schnell überwog aber das Gefühl der Erleichterung. «Ich hatte Monate mit Stress, Lernen, Ärger mit meinen Eltern, Frust und Hoffnung hinter mir», erzählt Luis. Als dann schließlich feststand, dass er nicht versetzt würde, fiel auch eine große Last von ihm ab. «Die Entscheidung war endlich getroffen, und ich konnte mich in meinem Leben wieder einrichten.»

Beim Start ins neue Schuljahr war Luis ordentlich flau im Magen: «Da saßen 27 Schüler und haben den Sitzenbleiber erwartet. Als ich in die Klasse kam, haben mich alle angestarrt. Zumindest hab’ ich das geglaubt.»

Freunde Schnell wurde für Luis jedoch klar, dass die anderen «einfach neugierig auf das neue Gesicht waren». Die ersten Wochen waren geprägt vom Vermissen seiner alten Freunde, aber auch von guten Noten: «Da ich den Stoff ja schon kannte, habe ich endlich mal wieder Zweier und sogar Einser geschrieben. Das hat mich irre entspannt und motiviert, den Schnitt möglichst weit oben zu halten.»

Vierer im Zeugnis gehören für Luis seit dem Wiederholen der Klasse der Vergangenheit an: «Irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich seitdem alles besser verstehe.»

Leo*, der heute die fünfte Klasse eines Gymnasiums besucht, wechselte innerhalb des Schuljahres von der dritten zurück in die zweite Klasse. «Sein Ego hat sehr darunter gelitten», sagt sein Vater rückblickend, der Leo deshalb nicht wieder mit dem Thema konfrontiert sehen möchte: «Sie haben ihn auf dem Pausenhof gehänselt, das hat geschmerzt.» Trotzdem sei es der richtige Schritt gewesen.

Kann-Kind «Wir hatten Leo als sogenanntes Kann-Kind früher eingeschult. In der Eingangsstufe der Lichtigfeld-Schule war auch noch alles wunderbar», erinnert sich der Vater. Als Leo dann aber von der beschaulichen Eingangsstufe im Frankfurter Westend ins große Philanthropin-Gebäude wechselte und plötzlich Lerndruck aufkam, begann der Junge, sich unwohl zu fühlen.

In der dritten Klasse machten seine Schulfreunde dann «plötzlich alle einen Schuss nach oben». Leo blieb körperlich eher klein. «Er machte auf süß, wurde nicht mehr ernst genommen und hat sich immer mehr von der Klasse distanziert», sagt der Vater. Der Wechsel in die niedrigere Klasse folgte, «weil wir ihn aus der Schusslinie nehmen wollten und auch seine Leistungen schwächer wurden».

Rückblickend war dies für Leo der richtige Schritt: «Er war wieder so alt wie seine Mitschüler und auf derselben Entwicklungsstufe». Sein Vater ist mit der Entscheidung zufrieden. Eines würde er aber nie wieder tun: sein Kind zu früh einschulen.

Drama Ebenfalls von der dritten in die zweite Klasse wurde Chloe* zurückgestuft. Ein Drama: «Es war schlimm, ich wollte nicht mehr auf diesem Planeten sein, sondern irgendwo im All», erinnert sich die Viertklässlerin heute.

Sie hatte Angst, plötzlich völlig ohne Freunde dazustehen. Unbegründet, wie sich zum Glück herausstellte: «Ein paar Kinder aus meiner neuen Klasse kannte ich schon aus den AGs vom Nachmittag», erzählt die Elfjährige. Und sie sei sehr freundlich aufgenommen worden: «Mittlerweile ist die ganze Klasse mein Freund», berichtet Chloe stolz.

Auch mit dem Schulstoff klappt es jetzt: Wie bei Luis und Leo hat ihr das Wiederholen von bekannten Lerninhalten Auftrieb und Selbstbewusstsein gegeben. Und wie die Jungs ist auch Chloe jetzt «glücklich und zufrieden».

* Alle Namen von der Redaktion geändert

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