Sachsen

Der vergessene Torwart

Der VfB Leipzig mit Torhüter Raydt (r.o.) Foto: Thomas Fritz

In den 30er-Jahren war Daniel David Katzmann einer der angesehensten jüdischen Bürger in Leipzig. 1895 in Flieden in Hessen-Nassau geboren, leitete er die Jüdische Volkshochschule und den jüdischen Sportverein SV Schild. Während andere Juden längst aus Sachsen emigriert waren oder deportiert wurden, versuchte Katzmann – nach Lagerhaft in Buchenwald – verzweifelt, ein Land zur Ausreise zu finden.

Doch keines wollte ihn, seine Frau Hilde und die Tochter Inge aufnehmen. Als eine der letzten jüdischen Familien der Messestadt deportierten die Nationalsozialisten die Katzmanns 1942 zunächst ins KZ Theresienstadt. Im Vernichtungslager Auschwitz verlieren sich ihre Spuren.

ausstellung Dass diese Familiengeschichte nun aufgearbeitet werden konnte, zusammen mit den Schicksalen 72 anderer jüdischer Sportler, Sportfunktionäre und Familienangehörigen, ist dem Fanprojekt Leipzig zu verdanken. Aus Anlass des 70. Jahrestages der Befreiung von Auschwitz haben Ulrike Fabich und Mitstreiter seit Anfang 2014 Zeugnisse zusammengetragen. Gemeinsam mit Fußballfans verschiedener Vereine, dem Leipziger Sportmuseum sowie dem Netzwerk »blau-gelb« konnte einigen Namenlosen wieder eine Identität zugeordnet werden.

Im Rahmen der Wanderausstellung »Kicker, Kämpfer, Legenden – Juden im deutschen Fußball« waren die Schautafeln bislang im Neuen Rathaus zu sehen. Die Schau soll im Sommer im Rahmen der Jüdischen Wochen erneut präsentiert werden. »Wir zeigen, wie es den jüdischen Leipzigern gelungen ist, trotz widrigster Umstände ein sportliches Leben zu organisieren«, sagt Fabich.

In Leipzig durften Juden in den sozialistisch geprägten Arbeitersport-Vereinen wie andernorts nur bis 1933 Sport treiben. Auch aus anderen Vereinen wurden sie nach der Machtübernahme der NSDAP schrittweise ausgeschlossen. Bis November 1938 erlaubten die Gesetze sportliche Aktivitäten nur noch in jüdischen Vereinen, danach gab es ein Verbot aller Sportaktivitäten für Juden. Wem nicht die rechtzeitige Flucht oder Ausreise gelang, auf den warteten meist Deportation und Tod.

Nachforschungen Der zionistisch geprägte SK Bar Kochba und der SV Schild waren die beiden größten jüdischen Sportvereine der Stadt. Nach Schätzungen waren 1933 mehr als 2000 Sportler in ihnen organisiert. Weil die Dokumente entweder verbrannt oder von den Nationalsozialisten vernichten wurden, sind kaum noch Zeugnisse aus der NS-Zeit vorhanden. »Die Nachforschungen waren sehr zeitaufwendig, und die Dokumentenlage ist schwierig«, erklärt Ulrike Fabich.

Obwohl Leipzig als Gründungsort des Deutschen Fußball-Bundes und als Stadt des ersten deutschen Fußballmeisters – der VfB (heute Lok Leipzig) holte 1903 den Titel – eine große Fußballtradition aufweist, liegt das Schicksal der jüdischen Sportler weitgehend im Dunkeln. »Über den VfB Leipzig ist viel veröffentlich worden, aber die NS-Zeit wird dabei immer ausgeklammert«, sagt Fabich.

So war lange unbekannt, dass Ernst Raydt, der erste Präsident des VfB und zugleich Torwart der Meistermannschaft, Jude war. Auch dass sich auf dem Vereinsgelände des 1. FC Lok in Probstheida und auf dem Trainingsgelände von RB Leipzig unweit der Red-Bull-Arena Lager für Zwangsarbeiter befanden, ist für viele Leipziger neu.

»Es ist wichtig, diesen Teil der Stadtgeschichte zu erschließen«, sagte Oberbürgermeister Burkhardt Jung bei der Eröffnung. Wenn die Schau im Sommer erneut gezeigt wird, soll sie um weitere Sportlerbiografien ergänzt werden. »Es wäre wichtig, die Ausstellung dauerhaft zu präsentieren«, sagt Ulrike Fabich. »Auch für ein Buch hätten wir mittlerweile genügend Material zusammen.«

Engagement

Erstklassig, Digga!

Der Fußballverein Hannover 96 ist nun beim Projekt »Shalom, Digga« in Niedersachsen mit dabei

von Katrin Richter  24.09.2026

Kommentar

Sprecht mit uns. Nehmt uns ernst

Herr Ramelow, die jüdische Gemeinschaft, die vor Judenhass warnt, ist nicht das Problem. Antisemitismus ist das Problem - insbesondere in Ihrer Partei

von Avitall Gerstetter  24.09.2026

Deutschland

»Existenzgefahr für Berlins Juden«

Die Linke macht immer wieder mit Judenhass und Forderungen nach der Auslöschung Israels von sich reden. Der Wahlsieg der Partei veranlasst nun den israelischen Botschafter zu einer ungewöhnlich deutlichen Stellungnahme

 23.09.2026

Hellerau

Tscheburaschka und WBS70

Die Ausstellung »Jüdische Ossis IV – Räume der Freiheit und des Rückzugs« stellt Fragen nach privater und öffentlicher Identität

von Katrin Richter  22.09.2026

Hillel

»Man fühlt sich bei uns willkommen«

Die neue Geschäftsführerin Liora Jaffe über das Zuhören, Visionen und Aha-Momente

von Christine Schmitt  22.09.2026

Wuppertal

Brandanschlag auf Synagoge: Frauen weggeschickt

Mitten am Tag soll ein 37-jähriger Afghane einen Brandsatz an der Bergischen Synagoge gezündet und sich danach antisemitisch geäußert haben. Vorher soll er zwei Passantinnen weggeschickt haben

 22.09.2026

Meinung

Berlin bekommt, was es verdient!

Ein Kommentar von Chefredakteur Philipp Peyman Engel zum Erdrutschsieg der Linkspartei in der Hauptstadt

von Philipp Peyman Engel  20.09.2026

Feiertage

Chatima towa, oder was?

Was von Rosch Haschana über Jom Kippur bis Sukkot die korrekte Grußformel ist

von Rabbiner Yaacov Zinvirt  25.09.2026 Aktualisiert

Porträt der Woche

Damit die Namen bleiben

Jorge Steffen ist Germanist und engagiert sich für den Erhalt von Grabsteinen

von Gerhard Haase-Hindenberg  20.09.2026