Es dauert nicht lange, dann trudeln sie ein. Die Gäste, die für Pessach am Sedertisch zusammenkommen, kennen einander nicht immer alle. Viele Familien laden Freunde oder Bekannte ein, die das Fest nicht allein verbringen sollen. An diesem Abend wird es spät, der Seder beginnt erst nach Einbruch der Dunkelheit. Dann erfüllen Stimmen den Raum, Kinder lachen, aus der Küche klirrt es. Auf dem Tisch steht die Sederplatte mit Bitterkraut, Charosset, Ei, Knochen und Mazzot – schlicht und doch voller Bedeutung.
Nach und nach füllen sich die Plätze. Und wenn die große Tafel von vielen Gästen gesäumt wird, meldet sich manchmal ein Gefühl des Vermissens. Es ist diese Sehnsucht nach jemandem, den man liebt und von dem man weiß, er kann heute Abend nicht dabei sein. Vielleicht nie mehr. Es ist dieser Stich ins Herz, mitten in der Heiterkeit. Der Blick fällt auf den leeren Stuhl.
Das Pessachkind
Masha Goldman kennt dieses Gefühl. Für sie ist es das zweite Pessachfest ohne ihre Mutter. Die heute 47-Jährige ist Evaluatorin beim Europarat und lebt in Straßburg. Vor etwas mehr als einem Jahr hat sie ihre Mutter verloren – für die Pessach mehr als nur ein Fest war. »Sie war sozusagen ein Pessachkind«, erzählt Goldman. Fast immer sei der jüdische Geburtstag ihrer Mutter mit Pessach zusammengefallen.
Aber für Goldmans Mutter ging es um weit mehr als das: »Mit Pessach verbanden meine Eltern ihren eigenen Auszug aus der damaligen Sowjetunion. Für meine Familie war die ganze Frage rund um die Erlangung von Freiheit und Exil sehr bedeutsam, zumal sie erst nach dem Ende der Sowjetunion wieder frei ihr Judentum ausleben konnten.« Die Familie kam 1991 aus Riga nach Deutschland. Es sei ein Befreiungsschlag gewesen, endlich zu seinen Wurzeln zu stehen.
Andere Bedeutung von Freiheit
Das jüdische Erbe war zwar tief in ihnen verwurzelt, sagt Goldman. »Aber gerade an Pessach versinnbildlichte sich später, was es heißt, frei zu sein und ein Erbe zu haben. Richtig Pessach zu feiern, wie wir dies heute als große Familie mit drei Generationen tun, konnten wir damals nicht.« Erst ihr neues Leben in Deutschland habe dies ermöglicht.
Goldman, heute selbst mehrfache Mutter, erklärt: »Deshalb hat der Seder über den religiösen Aspekt hinaus für uns eine andere Bedeutung als vielleicht für jemanden, der immer an ein und demselben Ort gelebt hat und nie wirklich über Freiheit nachdenken musste. Meiner Mutter war das alles sehr bewusst, weshalb sie später in Deutschland das Projekt ›Judentum begreifen‹ mitentwickelt hat.« Es diente dazu, in Schulen ein tieferes Verständnis für das Judentum zu vermitteln und Vorurteilen entgegenzuwirken.
Es ist dieser Stich ins Herz, mitten in der Heiterkeit.
Manchmal habe sie dorthin auch ihre Enkel mitgenommen, die bereits in Deutschland und mit viel mehr Judentum groß wurden. »Sie machte es für alle begreifbar.« Das gestalte es heute so schwierig, Pessach ohne sie zu begehen. Masha Goldmans Mutter starb mit 71 Jahren, »aber von ihr habe ich auch gelernt, meinen Kindern zu zeigen, was jüdisches Leben und seine Kontinuität bedeuten. An keinem anderen Feiertag wird das, finde ich, deutlicher als an Pessach.«
Es ist die immer wiederkehrende Erzählung des Auszugs aus Ägypten, die diese Kontinuität spürbar macht. Die Worte sind alt, über Generationen hinweg weitergegeben, und doch werden sie jedes Jahr neu gesprochen, neu verstanden: Warum ist diese Nacht anders als alle anderen Nächte?
Der frühere Landesrabbiner von Württemberg, Joel Berger, erinnert sich daran, wie anders die Sederabende waren, als er mit seiner Familie noch in Budapest lebte: »Vor dem Krieg saßen wir an Pessach mit allen Brüdern und Schwestern meines Vaters und der Familie meiner Mutter zusammen. Es kamen Verwandte aus Siebenbürgen und anderen Gegenden Ungarns. Wir hatten auch Wischnitzer Chassidim in unserer Familie.«
Seder ist mehr als ein festes Ritual
Bis heute erinnere er sich, wie lebhaft es am Sedertisch zuging, sagt Rabbiner Berger. »Jeder Platz war besetzt mit einem Onkel oder einer Tante. Doch der Krieg raubte mir die ganze Familie – bis auf meine Eltern.« 40 Verwandte hat er im Holocaust verloren. Am 19. März 1944 besetzte das Deutsche Reich Ungarn. Zwischen Pessach und Schawuot wurden mehr als 400.000 ungarische Juden nach Auschwitz deportiert. Umso bitterer sei es für die Familie Berger gewesen, »als wir nach 1945 nur noch zu dritt am Sedertisch saßen: mein Vater, meine Mutter und ich. Es war nicht nur ein Stuhl leer, sondern es standen 15 leere Stühle da!« Da habe er gewusst, sie werden nie mehr besetzt sein.
1970 heiratete Joel Berger und gründete eine eigene Familie. Drei seiner sechs Enkelkinder leben in Israel, drei in Antwerpen. Alle kommen jedes Jahr nach Stuttgart. Der 89-Jährige liebt es, sie um den Sedertisch versammelt zu sehen. Er weiß noch, wie er als Rabbiner durch die Sederabende im fränkischen Kurort Bad Kissingen führte und manchmal zählte, wer von seiner Familie mit am Tisch saß: »Ich kam auf zwölf Bergers. Das war meine eigene kleine ›Wiedergutmachung‹ – zu wissen, dass die Zukunft meiner Familie gesichert war. Aber jedes Pessachfest versetzte es mir auch diesen Stich, dass mein Vater dies nicht mehr miterleben durfte.«
Vierte Mazza gilt jenen auf der Flucht
Der Rabbiner hört noch die Stimme seines Vaters, »der die schönsten Smirot sang. Mit der Auslöschung meiner fast gesamten Familie erlosch auch seine Stimme. Erst viele Jahre später hörte ich meine älteste Enkelin Yael dieselben Melodien singen. Das berührte mich sehr. Es war für mich ein Zeichen: Das jüdische Leben meiner Familie geht weiter.«
An Pessach wird viel gesungen. Dazwischen wird diskutiert, gefragt, gegessen. Man lehnt sich zurück, isst zuerst von der ersten, dann von der zweiten, dann von der dritten Mazza. Die Familie von Dalia Teplitz aus Zürich hat irgendwann angefangen, am Seder eine vierte Mazza unter die Sederschüssel zu legen. »Aus einem einfachen Grund«, wie Dalia Teplitz sagt, »weil sehr viele jüdische Menschen Pessach entbehren müssen und keine Möglichkeit haben, den Sederabend in Freiheit zu feiern.«
Für all jene Menschen würde sie am liebsten einen eigenen Stuhl bereitstellen. »Das sind Menschen, die auch fehlen. Nämlich an ihrem eigenen Sedertisch.« Sie und ihre Familie überlegen sich jedes Jahr neu, wem die vierte Mazza gilt. »Es muss in den 70er-Jahren angefangen haben, als die russischen Juden ihre Religion nicht ausüben durften«, erinnert sich die heute 73-Jährige. Später sollte es an die Opfer des Holocaust erinnern und auch an die israelischen Soldaten, die den Seder nicht zu Hause verbringen konnten.
Als der Krieg in der Ukraine ausbrach, widmete die Familie die vierte Mazza all jenen Menschen, die auf der Flucht waren. Nach dem 7. Oktober galt sie den Geiseln im Gazastreifen. »Heute sind es andere, die in Gedanken mit am Tisch sitzen: jene, die fern von zu Hause sind, die keinen sicheren Ort haben oder niemanden, mit dem sie den Seder begehen können«, sagt Teplitz. So bleibt die vierte Mazza unangetastet – und sagt vielleicht am meisten über das, was fehlt.
Seder in der verwinkelten Synagoge
Dennoch geht es auch um Gemeinschaft und darum, sich als Teil einer langen Kette zu begreifen. Aber diese Kette ist manchmal unterbrochen. So fühlt es Shoshannah Brombacher, wenn sie von ihrem ersten Seder in New York erzählt: »Es war 1992, und ich war frisch verheiratet. Nach unserer Chuppa in Amsterdam, wo ich herkomme, war es direkt nach New York gegangen. Zuvor hatte ich in Berlin gelebt. Aber für meinen Mann, einen New Yorker, kam Berlin nicht infrage. Und so bin ich zu ihm gezogen.«
Es war Pessach, und das frisch verheiratete junge Paar entschied sich, zum Sederabend in eine kleine, verwinkelte Synagoge der ehemaligen Podhaitzer Chewra an der Lower East Side zu gehen. Shoshannah Brombacher trug ein neues Kleid, »weil meine Sachen noch auf dem Schiff waren«. Viele Leute seien dort zusammengekommen, neben der Rabbinerin mit zwei dicken Katzen, die ständig gefüttert wurden, und Holocaustüberlebenden saßen Alkoholiker und Drogenabhängige bei ihnen am Tisch.
Natürlich sei sie allen Menschen gegenüber offen, sagt Brombacher, »aber ich fühlte mich als Europäerin dort sehr fremd. Es war eine seltsame Stimmung, und ich vermisste meine Familie in Amsterdam und meine Freunde in Berlin«.
Der Seder ist ein Gespräch zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Jahre später verarbeitete Brombacher, die auch Künstlerin ist, diesen »Seder an der Lower East Side« in einem Ölgemälde: »Es ist ein Sehnsuchts-Seder mit vielen fremden Menschen und ihrer zum Teil seltsamen Vergangenheit. Die leeren Stühle auf dem Bild symbolisieren all jene Menschen, die ich damals stark vermisst habe. So wie die Schatten und die Figuren mit den Engelsflügeln um den Sedertisch herum. Sie stehen für die Verwandten, die meine Familie im Holocaust verloren hat und die nie mehr mit uns an einem Tisch sitzen werden.«
Der Seder ist mehr als ein festes Ritual – er ist ein Gespräch zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen den Generationen. Zu diesem Gespräch gehören auch jene, die nicht mehr mit am Tisch sitzen, symbolisiert durch den leeren Stuhl. Ihre Spuren bleiben – in Worten, Gesten und im gemeinsamen Erleben von Pessach.