Zentralrat

Der große Ratschlag

Die Ratsversammlung des Zentralrats der Juden in Deutschland am Sonntag in Frankfurt am Main war einzigartig. Im 63. Jahr seines Bestehens besuchte mit Angela Merkel erstmals ein deutsches Regierungsoberhaupt die Tagung. Und so waren Samstagabend und Sonntag auf ihren Auftritt ausgerichtet – das Tagungsprogramm straff und die Samstagsreden knapp.

Und wenn sich auch der ein oder andere Delegierte wunderte, das umfangreiche Programm – vom Jahresbericht des Zentralratspräsidenten, der Entlastung des Haushalts, dem Wirtschaftsplan mit einem Betrag über elf Millionen Euro für 2013 – waren in einem zügigen Durchgang zwischen 9.30 und 13 Uhr erledigt.

Denn auch das neue Tagungspräsidium mit Judith Neuwald-Tasbach aus Gelsenkirchen, Daniel Neumann aus Frankfurt und Alexander Chraga aus Bochum führte die Versammlung souverän und straff. Die Delegierten folgten den mahnenden Worten vom Tagungspräsidenten Neumann, bei allen Wortmeldungen doch »den Atem der Bundeskanzlerin im Nacken zu spüren«.

Juristen Der Hinweis war überflüssig, die Wortmeldungen rar. Bevor die Kanzlerin zu den rund 100 Delegierten und Gästen – unter ihnen viele Rabbiner – sprach, war eine Pause von einer Stunde entstanden, während der die Teilnehmer in kleinen Gruppen über dringliche Themen sprachen. Und wie Rabbiner Andrew Steiman sagte, waren dies weniger der Raketenbeschuss im Nahen Osten als vielmehr die Beschneidungsdebatte im vergangenen halben Jahr.

So diskutierten die beiden Frankfurter Leo Latasch und Steiman heftig darüber, wie sich manche Juristen zu medizinischen Fachleuten aufschwangen. Diese glaubten, nachweisen zu können, dass die Zirkumzision sogar lebensbedrohend sei, indem sie Literatur aus dem 19. Jahrhundert für ihr Argument heranzogen.

Dagegen waren die Stuttgarter Gemeindevertreter ganz und gar mit der Eröffnung des Ulmer Gemeindezentrums und der Neuwahl zum Gemeindevorstand beschäftigt. Die Mainzer freuten sich über ihren neuen Rabbiner, der Wuppertaler Gemeindevorsitzende über das bevorstehende zehnjährige Jubiläum des Synagogenneubaus und die Niedersachsen über Auszeichnungen, die der ein oder andere für seine langjährige Arbeit erhalten werde.

Rückzug Die Thüringer Gemeinde in Erfurt nimmt langsam und wehmutsvoll Abschied von ihrem Vorsitzenden Wolfgang Nossen, am 2. Dezember stehen dort Neuwahlen an. Der bald 82-Jährige hatte bereits im Frühjahr seinen endgültigen Rückzug angekündigt. Und so bestimmten kleine und große Sorgen die Stunde vor dem Auftritt von Kanzlerin Angela Merkel, die gern die Delegierten besuchte.

Mit stehendem Applaus sei Merkel empfangen und verabschiedet worden, berichteten diese und unterstrichen damit, dass eine warmherzige authentische Kanzlerin zu einem Freundschaftsbesuch gekommen war. »Es beweist sich mal wieder, dass sich vor allem in der Not Freundschaft zeigt«, sagte Dieter Graumann anschließend vor der Presse. Was sie nicht mitbekam, spürten und erlebten die Delegierten umso intensiver: eine Angela Merkel, die sich ernsthaft und ehrlich über die Beschneidungsdebatte empörte.

brauner sumpf In seinem Grußwort für die Allgemeine Rabbinerkonferenz zeigte sich Henry G. Brandt erschrocken über das »dunkle Phänomen von Vorurteilen und Antijudaismen«, die während der Diskussion um die Beschneidung aus einem braunen Sumpf hervorgekrochen seien. Andererseits habe die Solidarität untereinander und von außen gezeigt, dass man nicht allein sei. Sein Dank galt auch dem Zentralrat und der Rabbinerkonferenz für die Stellungnahmen .

Rabbiner Julien Chaim Soussan (Mainz) von der Orthodoxen Rabbinerkonferenz zog das Beispiel Jakovs heran, um zu zeigen, dass Unterdrückung und Widerstände Juden auch stark machten. »Wir bemerken ein Aufblühen der jüdischen Landschaft«, sagte Soussan und verwies darauf, dass sich Jugendliche immer mehr für ihre Religion interessierten. Auch er betonte, man habe im vergangenen Jahr erlebt, wie Kirchen und Regierung an der Seite der jüdischen Gemeinschaft standen.

Zusammenarbeit Israels Botschafter Yakov Hadas-Handelsman bedankte sich für die bedingungslose Solidarität mit dem jüdischen Staat. Sie sei eine Säule der Verteidigung. Sein Dank galt daher vor allem der deutschen Bundesregierung – namentlich Außenminister Guido Westerwelle – aber auch dem Zentralrat und der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland, mit denen er eng zusammenarbeite.

Ungewohnt lang, und das hatte Dieter Graumann bereits am Abend zuvor beim festlichen Diner im Ignatz-Bubis-Saal des Gemeindezentrums angekündigt, fiel der Rechenschaftsbericht des Präsidenten aus. Er erwähnte viele Schockmomente, beginnend mit dem Anti-Israel-Gedicht von Günter Grass.

Das unsensible Verhalten der Fußballnationalmannschaft bei der Europameisterschaft, die Mini-Delegation, die die Gedenkstätte Auschwitz besucht habe, und die »vereiste Seelenlosigkeit« der IOC-Spitze, die 40 Jahre nach dem Attentat von München 1972 keine Gedenkminute in London eingeplant hatte.

Ein Highlight war für Graumann der Besuch von Bundespräsident Gauck in der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem. Gauck habe mit seiner Eintragung in das Besucherbuch einen »Gegen-Grass-Text« geschrieben, dessen letzter Satz: »Vergiss nicht! Niemals. Und steh zu dem Land, das hier derer gedenkt, die nicht leben durften« besonders beeindruckt habe.

Hassmails Der Iran, Raketen auf Tel Aviv und die andauernde Beschneidungsdebatte waren weitere prägende Ereignisse. Hassmails, die zu Tausenden bei ihm, Generalsekretär Stephan J. Kramer oder auch in den Gemeinden und jüdischen Institutionen eingegangen sind, seien das eine, das andere der brutale Angriff auf Daniel Alter in Berlin. Die vier Täter sind immer noch nicht gefasst.

Nach den Negativnachrichten konnte der Zentralratspräsident auch viel Versöhnliches vermelden. Herzlich gratulierte er Charlotte Knobloch zu ihrem 80. Geburtstag am 29. Oktober noch einmal vor allen Ratsdelegierten. Er bedankte sich bei Wolfgang Nossen, der die Leitung in Erfurt anderen überlasse, für ein »großes Leben« und ein enormes Engagement. Graumann lobte den Teamspirit des Zentralrats, Mitarbeiter wie den Generalsekretär und die vielen Ehrenamtlichen in den Gemeinden.

Die im vergangenen Jahr aufgestockte Zuwendung mittels Staatsvertrag mit der Bundesregierung auf zehn Millionen Euro habe eine Vielzahl von Projekten ermöglicht. Sehr erfolgreich sei der Gemeindetag in Hamburg verlaufen. Nach Jahren konnten sich Gemeindevertreter erstmals wieder in lockerer Atmosphäre austauschen, hatten Zeit, sich kennenzulernen und »mussten sich nicht dem starren formalen Gerüst einer Ratsversammlung unterordnen«.

Jewrovision Die Jugendarbeit werde verstärkt. Deshalb werde es zur Jewrovision im nächsten Jahr eine noch größere Party geben. Es werde viel Geld für die Bildung ausgegeben, zum Beispiel für die Ausbildung von Rabbinern und Kantoren im Abraham Geiger Kolleg sowie im Hildesheimer Seminar in Berlin. Sie bürgten für »Rabbiner made in Germany und vor allem made for Germany«. Er danke den Verantwortlichen für ihre Arbeit, schloss Graumann in diesem Zusammenhang an: »Ihre Arbeit ist unser jüdisches Grundnahrungsmittel.«

Der Zentralrat selbst habe neue Mitarbeiter eingestellt, um Service und Kompetenz weiter zu erhöhen, ganz besonders zu erwähnen sei die jüdische Akademie. »Bildung ist der Herzmuskel des Judentums«, sagte Graumann. Die Akademie solle eine »auf Rädern« werden, die nicht nur starr in Berlin beheimatet sei, sondern mit ihrem Angebot in die Gemeinden gehen werde.

Die knapp 100 Delegierten entlasteten Präsidium und Direktorium. Der Wirtschaftsplan für 2013 wurde mit einer Gegenstimme und sechs Enthaltungen angenommen. Leonid Goldberg, Gemeindevorsitzender in Wuppertal, zog Bilanz: »Es war in diesem Jahr eine besondere Ratsversammlung.«

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