Porträt der Woche

Der Geheimnisträger

»Schließlich gab mir der Geheimdienst die Genehmigung, die Ukraine zu verlassen«: Leonid Komissarenko (90) aus Freiburg Foto: Rita Eggstein

Porträt der Woche

Der Geheimnisträger

Leonid Komissarenko war Rüstungstechniker – und emigrierte, um seine Frau zu retten

von Anja Bochtler  08.02.2026 09:19 Uhr

Schon als Kind war für mich klar: Ich will Ingenieur werden. Also wurde ich tatsächlich Artilleriespezialist in Donezk, das russische und später das ukrainische Militär benötigten mich. Doch mir ging es nicht um Politik – mich interessierte vor allem die Technik. Alles, was ich lernen konnte, hat mich fasziniert.

Mit Ende 50 bin ich mit meiner Frau nach Deutschland emigriert. Sie war schwer herzkrank und konnte in der Ukraine keine Herzklappe erhalten. Erst waren wir in Trier, dann kamen wir nach Freiburg, wo bereits unsere Kinder lebten. Inzwischen bin ich 90 Jahre alt. Zur aktuellen politischen Situation sage ich lieber nicht viel. Überall herrscht Chaos: in Russland, in der Ukraine, in Deutschland und in Israel.

Was in meinem Leben geschehen ist, als ich sechs Jahre alt war, bleibt für immer sehr stark in meiner Erinnerung. Ich wurde 1935 in der Ukraine geboren. Als ich ein Jahr alt war, zogen wir nach Kosjatyn. Meine Mutter war Arzthelferin. Mein Vater war Funktionär bei der Kommunistischen Partei. Am 22. Juni 1941 war sein 30. Geburtstag. Und genau an diesem Tag überfiel Deutschland die Sowjetunion, und für uns begann der Zweite Weltkrieg.

Mein Vater musste am Tag nach seinem Geburtstag direkt an die Front und wurde in die Kesselschlacht bei Kyjiw geschickt. Meine Mutter, mein drei Jahre jüngerer Bruder und ich wurden ans rechte Wolga-Ufer evakuiert. Im Winter 1941/42 kam plötzlich ein Mann zu uns. Er war sehr schlecht gekleidet und sah schlimm aus. Es war mein Vater, aber ich habe ihn nicht mehr erkannt, obwohl nur wenige Monate seit seinem Abschied vergangen waren. Ich erschrak, als ich diesen Mann sah.

Mit meinen sechs Jahren war ich der Babysitter meines Bruders

Mein Vater war bis Kriegsende als Techniker bei der Luftwaffe und Politkommissar an der Front. Weil die Deutschen vorrückten, zogen meine Mutter, mein Bruder und ich weiter ans linke Wolga-Ufer und dann weiter nach Kasachstan. Meine Mutter hat in einem Krankenhaus gearbeitet. Mein kleiner Bruder und ich waren den ganzen Tag allein. Mit meinen sechs Jahren war ich der Babysitter meines Bruders, der noch nicht ganz drei Jahre alt war. Jener Winter war eine sehr harte Zeit. Alles war vom Hunger geprägt.

Jeden Morgen gab uns meine Mutter jeweils zwei Stücke Brot, für mich und meinen Bruder. Das erste Stück durften wir gleich essen, mit dem zweiten sollten wir vier Stunden warten. Doch wir waren nach dem ersten Stück noch sehr hungrig, und mein Bruder wollte nicht warten. Wir haben irgendwie versucht, die Zeit herumzukriegen. Manchmal haben wir gespielt. Manchmal haben wir geweint. So war das.

Mehrmals habe ich erlebt, dass Freunde den Kontakt abbrachen, weil ihnen der Umgang geschadet hätte.

Nachdem Kyjiw von der Roten Armee zurückerobert wurde, zogen wir 1944 dorthin. Als der Krieg dann zu Ende war, standen meinem Vater, wie allen Offizieren und ihren Familien, einige Länder offen. Wir lebten zuerst in Ungarn, danach in Österreich, dort war ich in einem Internat. Ab 1948 waren wir wieder in der Sowjetunion. Als ich 1953 die Schule abgeschlossen hatte, studierte ich fünf Jahre an der Polytechnischen Hochschule in Odessa und wurde Ingenieur.

Danach lebte ich 35 Jahre in Donezk und arbeitete immer in demselben Betrieb, wenn auch in verschiedenen, aber jeweils höheren Positionen. Ich fing als Maschinenbau-Ingenieur an, war auf Werkbänke und Werkzeuge spezialisiert. Später wurde ich Werkstattleiter und schließlich Cheftechniker. Ich gründete innerhalb des Werks mein eigenes Konstruktionsbüro. Meine Firma stellte Artilleriegeschosse für die Rüstungsindustrie her. Ich konnte ständig Neues ausprobieren und vieles lernen.

1987 wurde ich mit dem Staatspreis ausgezeichnet. Ein Drittel meiner Zeit habe ich im Werk gearbeitet, ein Drittel im Rüstungs- und Verteidigungsministerium in Moskau und ein weiteres Drittel auf dem Testgelände, wo geschossen wurde. Über die Tatsache, dass es bei unserer Arbeit um Waffen ging, haben meine Kollegen und ich damals nicht sonderlich viel nachgedacht.

In der ukrainischen Rüstungsindustrie war ich geschätzt

Mehrmals habe ich erlebt, dass Freunde den Kontakt zu mir abbrachen, weil ihnen der Umgang geschadet hätte. Manche emigrierten in die Vereinigten Staaten oder nach Israel. Das wäre für mich wegen meines Berufs unmöglich gewesen. Doch dann änderten sich die Zeiten. Als die Sowjetunion zerfiel, wurde die Ukraine 1991 unabhängig und organisierte ihr eigenes Militär mitsamt eigener Rüstungsindustrie. Ich war ein qualifizierter Artilleriespezialist, und in der Übergangszeit war ich manchmal Verbindungsmann zwischen dem russischen und dem ukrainischen Militär.

In der ukrainischen Rüstungsindustrie war ich geschätzt, man schlug mir vor, nach Kyjiw umzuziehen und Generalkonstrukteur für die ukrainische Artillerieproduktion zu werden. Das wäre die höchste Position gewesen. Diese Möglichkeit war für mich sehr verlockend. Aber noch wichtiger war mir meine Frau, die sehr krank war. Man sagte mir, dass sie ohne Herzklappe innerhalb eines Jahres sterben würde. Ich fragte im Ministerium nach, ob es möglich wäre, eine Herzklappe für sie in der Ukraine zu bekommen. Doch das war nicht der Fall.

Ich hatte meine Frau 1958 am Strand in Odessa kennengelernt. Es war Ende August. Mir war dieses Mädchen mit Sonnenbrille aufgefallen. Als sie die Sonnenbrille abnahm, habe ich mich sofort in ihre Augen verliebt. Fünf Tage später haben wir geheiratet und waren über 50 Jahre glücklich zusammen, bis sie im Mai 2009 starb. Auch meine Frau war als Kind während des Krieges evakuiert worden. Der Hunger und die Qualen von damals wirkten sich ihr ganzes Leben lang stark auf ihre Gesundheit aus. Unsere beiden Kinder, die 1960 und 1968 geboren wurden, hatten die Ukraine 1992 verlassen.

Fünf Tage später haben wir geheiratet und waren über 50 Jahre glücklich zusammen, bis meine Frau im Mai 2009 starb.

In dieser Zeit begann die Emigration von Jüdinnen und Juden. Meine Frau wäre gern mit unseren Kindern mitgegangen. Doch für mich wäre das nicht infrage gekommen. Ich war Geheimnisträger. Deshalb war ich nie im Ausland gewesen. Aber in den turbulenten Zeiten gab es ein großes Durcheinander, und alles war im Übergang. Ich erfuhr von einem Anwalt in Moskau, der Geheimnisträger beriet, dass es für einige Monate eine rechtliche Lücke gab: Vorübergehend existierten keine Gesetze mehr, die mich an der Emigration hätten hindern können.

Er sagte mir, dass ich mich beeilen müsse, weil die Ukraine sehr bald wieder solche Gesetze schaffen würde. In meinem Werk wurde ein Sonderausschuss für diese Entscheidung gebildet, und der Geheimdienst gab mir die Genehmigung zu gehen. 1993 kamen meine Frau und ich nach Trier. Wir verbrachten ein Jahr in einem Übergangswohnheim. Meine Kinder lebten in Freiburg, und meine Frau wurde in der Herzklinik in Bad Krozingen operiert. Es war eine schwere Operation.

Weil es meiner Frau nicht gut ging, suchte meine Tochter eine Wohnung für uns in ihrer Nähe. Im November 1994 konnten wir in eine Wohnanlage der Arbeiterwohlfahrt für ältere Menschen ziehen, dort lebe ich nach wie vor. Ich war 60 Jahre alt und wollte unbedingt arbeiten. Ich lernte Deutsch – zum Glück hatte ich früher in meiner Jugend Deutsch in der Schule gehabt. Bald fand ich Arbeit: Über ein Praktikum kam ich zum Lambertus-Verlag, der zum Deutschen Caritasverband gehört. Dort sortierte ich Bücher ein und verpackte sie.

Ich kümmere mich um die russischsprachige Internetseite »Notizen über die jüdische Geschichte«

Meine Frau, die Lehrerin für Russisch und Geschichte war, konnte als Näherin in einer türkischen Änderungsschneiderei arbeiten. Bis ich 68 Jahre alt war, habe ich gearbeitet. Nun lebe ich mit einer kleinen Rente und Grundsicherung. Seit meine Frau vor 16 Jahren starb, bin ich allein. Aber meine Kinder leben in Freiburg, außerdem habe ich drei Enkel und einen Urenkel.

Obwohl ich nicht sonderlich religiös bin, gehe ich häufiger in die Synagoge der Israelitischen Gemeinde in Freiburg. Außerdem kümmere ich mich um die russischsprachige Internetseite »Notizen über die jüdische Geschichte« und habe einige Bücher auf Russisch geschrieben, unter anderem über meine Frau, mein Berufsleben und über Daniel Oswald Rufeisen, der im Nationalsozialismus mit jüdischen Partisanen zusammenarbeitete und Hunderte Menschen rettete. Ich werde weiterforschen und weiterschreiben. Ich bin immer sehr beschäftigt, denn ich interessiere mich für vieles. Ich hatte ein sehr interessantes Leben.

Aufgezeichnet von Anja Bochtler

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