Ignatz-Bubis-Preis

»Den Menschen und dem Leben zugewandt«

Salomon Korn Foto: picture alliance/dpa

Ignatz-Bubis-Preis

»Den Menschen und dem Leben zugewandt«

Salomon Korn hat die Auszeichnung der Stadt Frankfurt am Main erhalten. Wir dokumentieren die Laudatio seines langjährigen Weggefährten Dieter Graumann

von Dieter Graumann  13.01.2026 17:20 Uhr

Ich bin ein pathologischer Wiederholungstäter. Denn: Es ist heute schon das vierte Mal, dass ich eine Laudatio auf Salomon Korn halte.
Das erste Mal an seinem 60. Geburtstag, dann an seinem 70. Geburtstag, dann vor wenigen Monaten, als er das Ehrensiegel der Jüdischen Gemeinde bekam.

Und heute nun also zum vierten Mal. So ganz allmählich rede ich mich warm dazu. Und ich freue mich schon jetzt auf das fünfte Mal. Nun, wer zu vierten Mal zum selben Thema spricht, muss sich als erstes auch wiederholen. Das ist sozusagen ein Naturgesetz.

Aber moralische Bedenken, schlechtes Gewissen oder Skrupel hätte ich dabei auch nicht. Denn sogar die fanatischen Plagiatsjäger von heute würden wohl einräumen müssen: Bei sich selbst darf man ja doch wohl abschreiben und hemmungslos klauen ohne Ende. Ein Selbst-Plagiat kann nicht verwerflich sein. Und dass Salomon Korn diese hohe Auszeichnung mehr als verdient, ist natürlich gar keine Frage. Die Zahlen alleine sprechen und leben schon für sich. Und singen eine besondere Melodie.

Sagenhafte 38 Jahre im Vorstand der Jüdischen Gemeinde und 24 Jahre Vorstandsvorsitzender. Diese Marke wird lange, lange stehen. Unsere beiden jungen Vorsitzenden von heute werden es sehr, sehr schwer haben sie zu erreichen. Salomon Korn war über Jahrzehnte das Gesicht unserer Gemeinde. Und wir alle konnten uns auch mit ihm schmücken.
Unsere Gemeinde hat er immer repräsentiert mit Würde und mit Überzeugungskraft. Mit Klugheit, ja Weisheit – sozusagen sogar salomonischer Weisheit -und einer gelassenen Souveränität, die ich immer so bewundert habe.

Niemals autoritär, aber stets mit sehr großer persönlicher Autorität. Was hat er nicht alles erreicht. Gewiss, das Gemeindezentrum im Westend ist sein Opus Magnum als Architekt. Eine architektonische Meisterleistung, in die er sehr bedacht und feinfühlig viele ganz besondere Symbole einfließen ließ, die für das Judentum, aber auch für die Brüche der Schoa stehen.

Aber als Vorstand hat er dieses Zentrum dann doch erst mit Leben und Zweck und Sinn gefüllt. Und auch zu einem Stück Heimat für so viele Menschen gemacht. Und ich bin ja als Präsident des Zentralrats viel herumgekommen und habe alle jüdischen Zentren in Deutschland besucht. Alle sind sie gewiss wunderschön und funkeln und glänzen – aber unseres hier in Frankfurt am Main ist noch immer das aller-, allerschönste im ganzen Land überhaupt!

Salomon Korn ist aber auch in ganz Deutschland hochgeachtet und respektiert. Was er sagte und tat und vor allem schrieb, wurde im ganzen Land beachtet. Und das seit Jahrzehnten. Zu Recht gilt er bis heute als einer der klügsten Köpfe des Landes. Ein geistreicher Denker, ein sensibler Nachdenker, ein wortmächtiger Vordenker. Kein Nachteil dabei ist dabei sicher: Salomon Korn verfügt über ein außergewöhnlich umfassendes Wissen, eine Bildungstiefe und eine Bildungsbreite, wie das heutzutage wirklich nur noch sehr wenige Menschen aufweisen können. Und eine Vielseitigkeit, die oft verblüfft.

Nur wenige wissen zum Beispiel, dass er einmal Fußball-Schiedsrichter war. Nicht ganz Bundesliga. Aber immerhin! Und wer einmal den Fehler macht, ihn etwa über ein Bauwerk in Italien oder Frankreich zu befragen, kommt unter einem 20-minütigen Vortrag garantiert unter keinen Umständen weg. Mit einer geradezu leidenschaftlichen Begeisterung, kann er sprechen, ja regelrecht schwärmen, mit leuchtenden Augen, über Gebäude, über Kirchenbauwerke, über Reisen, über Landschaften, über Opernaufführungen. Und nahezu immer zieht er den Hörer in seine Begeisterung hinein.

Die mehr als eindrucksvolle Reihe deutsch-jüdischer Intellektueller führt Salomon Korn mit seiner Persönlichkeit auf imponierende Weise fort. Er setzt so eine Kette fort, die seinerzeit brutal zerrissen wurde. Sie gehörte mit zum Besten, was es in diesem Land überhaupt je gab. Zum Nutzen und Blühen dieses Landes beitragend. Freilich gibt es da heutzutage kein naives Träumen von deutsch-jüdischer Symbiose mehr.

Ein Traum, den das deutsche Judentum von früher fast zwanghaft träumen wollte. Es war freilich eine einseitige Liebesbeziehung, die immer unerwidert blieb. Dieser Traum ist ausgeträumt – für lange, lange Zeit. Salomon Korn vergisst daher niemals, wer er ist, was er ist und woher er kommt. Denn: Keiner wird ein besserer Deutscher, indem er aufhört, Jude zu sein. Genau das haben wir alle von Ignatz Bubis gelernt, dessen Name dieser Preis trägt.

Ignatz Bubis war unser gemeinsamer Mentor und politischer Ziehvater. Er holte damals sehr bewusst Jüngere in den Vorstand der Gemeinde, darunter Salomon Korn, Leo Latasch. Michel Friedman und mich, und wir konnten direkt von ihm lernen, wie Politik gemacht wird. Training on the job gewissermaßen. Immer voller Witz und Charme und Esprit, eloquent und konsequent, stets würdig und glaubwürdig.

Ignatz Bubis hat doch die Legitimität von kämpferischem jüdischem Engagement für uns alle erst überhaupt erstritten. Die Kürzel Fassbinder und Walser und Möllemann und Bitburg stehen daher für historische Wegmarken für uns Juden in Deutschland.

Der Streit um Martin Walser hatte im Übrigen seinen Ursprung in einer Rede, die der Autor seinerzeit genau hier an dieser Stelle hielt. Und das Ganze wurde noch zugespitzt, ja: verschlimmbessert, durch ein Streitgespräch, das Walser dann mit Ignatz Bubis und dem damals noch recht jungen Salomon Korn und Frank Schirrmacher führte.

Bei diesem Gespräch hatte Martin Walser Ignatz Bubis vorgehalten, er selbst habe sich ja schon mit dem Holocaust beschäftigt, als dieser noch »mit ganz anderen Dingen« befasst gewesen sei. Eine Äußerung, die unfassbar infam war, einem Holocaust-Überlebenden gegenüber, der zusahen musste, wie sein Vater ins Gas getrieben wurde und der sich zeitlebens fragte, ob er nicht hätte mitgehen sollen. Der Wahrheit die Ehre: Dafür, nicht aber für seine grässliche Rede, hat sich Martin Walser im Übrigen neun Jahre später entschuldigt. Da lebte Bubis schon nicht mehr. Aber: Immerhin.

Ignatz Bubis hat uns allen immer wieder gezeigt: Wenn wir nicht selbst für uns kämpfen. Wer soll es denn dann sonst tun? Wir suchen gewiss keine Konflikte. Vielmehr suchen – und finden – die Konflikte uns schon.
Ignatz Bubis war der heiße Kämpfer mit dem warmen Lächeln. Und in den letzten Monaten hatten wir reichlich davon. Giftige Kübel von reinem Judenhass wurden direkt über uns ausgegossen. Und viel zu viele im Land schwiegen kalt. Diese Zeit hat vieles verändert, vor allem aber auch uns selbst.

Wir haben uns zu oft alleine gelassen gefühlt. Auch zum Teil von unserer Stadt und ihren Repräsentanten. Von der nahezu gesamten Kulturszene im Land. Von frostiger Gleichgültigkeit der Gesellschaft.

Zum allerersten Mal habe ich in diesen Monaten verstanden, dass der große Versöhner Ignatz Bubis auf keinen Fall in Deutschland begraben werden wollte. 26 Jahre lang habe ich gebraucht, um das zu verstehen. Ich wollte, es wäre anders.

Und doch: der Ignatz Bubis, den ich immer am meisten bewundert habe, ja, den ich liebte, war der, der sich, bei allem Trubel, immer ein Herz, eine Antenne für die Menschen bewahrt hatte, und zwar für jeden einzelnen Menschen. Er verkehrte mit Präsidenten und Exzellenzen, aber niemals vergaß er, dass es ihm am Ende bei jedem Einsatz immer nur um die Menschen ging. Und ganz genau so war und ist es auch bei Salomon Korn.

Denn, bei aller unbestreitbaren Intellektualität: Salomon Korn ist gerade nicht der Typ des blassen Intellektuellen, der deprimiert in seiner Studierstube hockt, um unablässig über die Tragik der menschlichen Existenz zu grübeln. Ein Intellektueller begegnet uns ja zu oft als ein Mensch, der so viel weiß und dabei doch oft so wenig versteht. So ist Salomon Korn aber nun gerade nicht: Dazu ist er doch viel zu sehr den Menschen und dem Leben zugewandt.

Denn sein großes Wissen hat er immer mit dem konkreten Tun verbunden. Immer zum Besten der Gemeinschaft und der Menschen. Salomon Korn und ich haben 20 Jahre lang sehr eng zusammen gearbeitet. Im Vorstand der Jüdischen Gemeinde haben wir zu zweit zusammen Hunderte von Terminen wahrgenommen. In jener Zeit waren wir gefühlt eigentlich immer zusammen. Und ich weiß noch, dass ich ihn einmal fragte: »Sallek, ich sehe dich inzwischen viel öfter als meine Frau. Was soll nur werden?«

Im Zuge dieser intensiven Arbeit wuchsen Nähe und Vertrauen. Und das trug uns dann auch, als wir später im Zentralrat der Juden zusammen waren. Im Präsidium und auch lange als die beiden Vizepräsidenten. Und später auch, als ich selbst Präsident wurde. Seine klugen, scharfsinnigen Ratschläge wurden immer gesucht. Und unsere freundschaftliche Zusammenarbeit hielt allen Belastungen immer stand.

Dabei weiß ich schon: In der Politik bedeutet das Wort »Freundschaft« oft gar nicht dasselbe, nicht einmal das Gleiche, wie im richtigen Leben. Ja oft sogar fast das genaue Gegenteil. Und die Frage ist, ob es Freundschaft in der Politik denn überhaupt jemals gibt – oder ob wir hier eventuell mehr von einem Phänomen reden, das zwischen Lüge und Legende liegt, etwas, was noch kein Mensch auf Erden je mit eigenen Augen wirklich sah. Wie beim Ungeheuer von Loch Ness etwa, oder bei Außerirdischen. Denn oft wird uns ja erklärt: Die Politik sei ein fürchterliches Haifischbecken, in dem einer den anderen fast auffressen will, ein moralisch verseuchtes, übel kontaminiertes Gebiet ohne jede Spur von Loyalität, durchsetzt, durchseucht mit Intrigantentum und verpestet, vergiftet mit bissiger Konkurrenz.

Politik, so wird daher nicht selten behauptet, ist eine absolut freundschaftsfreie Zone. Nun: Das sind natürlich allesamt böse, gemeine und hässliche Vorurteile. Das Problem ist nur: Sie sind alle, alle wahr. Umso schöner, dass es auch einmal ganz anders geht.

Raritäten schätzt man ganz besonders. Salomon Korn hatte viele Aufgaben und Funktionen. Aber jede Würdigung wäre unvollständig, wenn nicht erwähnt würde: Am allerliebten ist er doch immer Familienmensch gewesen. Jeder weiß, wie viel ihm seine Familie bedeutet. Seine drei Kinder, die neun Enkelkinder. Und natürlich seine Frau.

iebe Maruscha: Auch heute kommst Du mir nicht davon: Dein Lächeln, Deine Wärme und Herzlichkeit haben schon Tausende von Herzen gewonnen. Du bist und bleibst die Sympathieträgerin unserer Gemeinde überhaupt!

Lieber Sallek, bei dieser Gelegenheit kann man so viele schöne Dinge über Dich und zu Dir sagen. Und ich hoffe, dass es mir wenigstens ein bisschen gelungen ist. Aber ich denke, mehr noch freilich ich fühle und spüre ich, das Beste zuletzt: Das Schönste, was ich Dir heute sagen kann, ist dies: Lieber Sallek, Ignatz wäre heute sehr sehr stolz auf Dich gewesen.

ZWST

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