Hameln

Dem Ziel ganz nah

Rohbau: Der Richtkranz hängt, im Februar soll Einweihung gefeiert werden. Foto: Katlewski

Das Trinkglas des Poliers zerbricht auf dem Pflaster vor der künftigen Synagoge. Es ist Richtfest in der Hamelner Bürenstraße. Die Liberale Jüdische Gemeinde Hameln hat ihr Gemeindezentrum auf dem Grund und Boden gebaut, auf dem bis zum 9. November 1938 die alte Synagoge stand. Rachel Dohme, die Gemeindevorsitzende, ist zufrieden: »Wir sind dort, wo wir hingehören.«

Sie steht vor einem zweistöckigen ovalen Gebäude, das rot verklinkert und mit einem Flachdach versehen ist. Nicht sehr groß, aber moderner und geräumiger als die Unterkunft, in der die Gemeinde derzeit zur Miete an der Bahnhofstraße untergebracht ist. »Ein Grundriss wie ein Ei«, amüsiert sich die Vorsitzende. Aber das passe durchaus: »Wir sind zwar aktiv, aber wir sind immer noch eine Gemeinde im Werden.«

Anfänge Dass in Hameln wieder jüdisches Leben Fuß gefasst hat, ist vor allem ihr zu verdanken. Die Liebe hatte die Amerikanerin einst von der US-Ostküste ins Weserbergland verschlagen. Als Anfang der 90er-Jahre die ersten Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion im benachbarten Hasperde ein Wohnheim bezogen, begann sie, den Kindern im Heim Religionsunterricht zu erteilen, mit den Familien Schabbat zu feiern und sie willkommen zu heißen.

Die Verständigung lief zunächst über ein paar Brocken Jiddisch, den Einsatz von Händen und Füßen und russisch-deutschen Wörterbüchern. Einfacher wurde es, als Polina Pelts mit ihrer Familie kam. Sie hatte in ihrer Jugend in Odessa Deutsch studiert und war bereit, zu lernen und zu übersetzen. Seitdem bilden die beiden Frauen ein dynamisches Gespann, das auch andere zur Mitarbeit zu motivieren vermag. 1997 gründen sie in Hameln die neue Jüdische Gemeinde. In der Hamelner Öffentlichkeit finden sie dafür breite Unterstützung. Abgeordnete, Stadtrat, Kirchen, Initiativen und einzelne Bürger halfen und helfen bis heute.

Vertrautes »Es ist nicht so, dass ich nur anderen dienen wollte«, betont Rachel Dohme. »Ich wollte auch etwas für mich tun. Ich wollte mit jüdischen Menschen zusammen sein, aber die gab es zuvor in dieser Gegend nicht. Aufgewachsen im liberalen «Conservative Movement» der USA, war die Gleichberechtigung von Männern und Frauen in Kultus und Kultur für sie selbstverständlich. Die neue Gemeinde bot die Möglichkeit, in diesem Sinne ans Werk zu gehen. Im April 1997 schließt sie sich dem eben gegründeten nationalen Verband der liberalen Gemeinden an, der Union progressiver Juden.

Noch bevor die niedersächsische Landesregierung ihnen Mittel aus dem Staatsvertrag zur Verfügung stellt, schickt die World Union for Progressive Judaism gelegentlich Rabbiner und Kantoren. Später senden die liberalen Rabbinerseminare in London und Potsdam Rabbinerstudenten zum Praktikum. Seit 2003 kommt jeden Monat Rabbinerin Irit Shillor für einige Tage aus England an die Weser, hält Gottesdienste, gibt Schiurim, unterrichtet Bar- und Batmizwa-Kandidaten und unterweist die Giur-Anwärter. Aber auch ohne sie oder die Unterstützung eines Rabbinerstudenten feiert die Gemeinde jeden Freitagabend den Beginn des Schabbat und lädt am Samstagmorgen zu Schacharit und Torastudium ein.

Im jüngsten Monatsprogramm finden sich darüber hinaus Sprachkurse, Termine für Kinder und Jugendliche, ein Seniorencafé, Tanzworkshops, ein Chor, ein Einführungskurs ins Judentum auf Russisch, ein Bücherkreis und die Öffnungszeiten für die gemeindeeigene Bibliothek.

Was wird sich ändern, wenn im Februar die neue Synagoge eröffnet wird? Alles geht normal weiter, ist Rachel Dohme überzeugt. Der Name, den die 200 Mitglieder der Gemeinde ihrer Synagoge gegeben haben, fasst am besten zusammen, was die meisten dabei empfinden: «Beteinu» – Unser Haus!

Engagement

Grenzenlose Solidarität

Spenden und Gespräche: Die jüdische Community ist schockiert über die dramatische Lage in der Ukraine und hilft – jeder so, wie er kann

von Christine Schmitt  05.02.2026

Gesellschaft

Einfach machen!

Seit dem Jahr 2000 zeichnet die amerikanische Obermayer Foundation ehrenamtlich engagierte Bürgerinnen und Bürger aus. So wie am vergangenen Sonntag im Jüdischen Museum in Berlin

von Katrin Richter  05.02.2026

Hilfe

Wärme schenken

Die Mitzwe Makers unterstützen mit der »Warmnachten«-Aktion obdachlose Menschen in der kalten Jahreszeit mit Sachspenden

von Esther Martel  04.02.2026

Podcast

Von Adelheid bis Henriette

Journalisten und Historiker gehen dem Leben jüdischer Frauen im 19. und 20. Jahrhundert nach

von Katrin Richter  04.02.2026

Umwidmung

Kein Zeitplan für Yad-Vashem-Straße in Berlin

Nach der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem soll ein Straßenabschnitt im Herzen von Berlin benannt werden. Bislang ist unklar, wann dies erfolgt

 03.02.2026

Tu Bischwat

Erste Blätter

Wie stellen sich jüdische Kinder das Neujahrsfest der Bäume vor? Wir haben einige Mädchen und Jungen gebeten, für uns zu malen

 02.02.2026

Berlin

Lehrerin und Heimatforscher mit Obermayer Awards ausgezeichnet

Seit dem Jahr 2000 verleiht die US-amerikanische Obermayer-Stiftung jährlich einen Geschichtspreis an Heimatforscher und Gedenk- und Aufarbeitungsprojekte in Deutschland. In diesem Jahr wurden vier Personen und eine Initiative geehrt

 01.02.2026

Porträt der Woche

Willkommen zu Hause

Laurette Dassui wuchs in Paris auf und entdeckte in Berlin ihr Jüdischsein neu

von Gerhard Haase-Hindenberg  01.02.2026

München

Wege aus dem Hass

Der amerikanisch-israelische Psychologe Dan Ariely und Guy Katz sprachen im »Prof-Talk« über Antisemitismus aus unterschiedlicher Perspektive

von Esther Martel  31.01.2026