Religion

Dem Vermächtnis auf der Spur

Rabbiner Henry G. Brandt (1927–2022) Foto: Gregor Zielke

Religion

Dem Vermächtnis auf der Spur

Rabbiner Henry G. Brandt sel. A. engagierte sich wie kein Zweiter für den interreligiösen Dialog. Mit dem Symposium »Tikkun Olam« wurde nun sein Lebenswerk gewürdigt

von Lilly Wolter  26.10.2022 14:53 Uhr

Als Elfjährigen vertrieben ihn die Nationalsozialisten aus seiner Geburtsstadt München ins Exil nach Tel Aviv. Später absolvierte er das Rabbinatsstudium am Leo Baeck College in London, um dann für die Versöhnung nach Deutschland zurückzukehren. Der im Februar verstorbene Rabbiner Henry G. Brandt ging diesem selbst erteilten Auftrag bis zuletzt unermüdlich nach.

Sein Vermächtnis wird seither von dem Augsburger Verein »Rabbiner Henry Brandt – Brücken bauen für interreligiöse Verständigung e.V.« gewahrt. In diesem Sinne lud der Verein auch am vergangenen Sonntag und Montag zu einem Symposium ein. Der Titel lautete: »Tikkun Olam« – was wörtlich so viel bedeutet wie »die Welt verbessern«. Beziehungen mit Begegnung und Dialog zu verbessern – es war das Lebensthema von Henry Brandt.

herausforderungen Auf dem zweitägigen Symposium diskutierten Wissenschaftler, Experten, Rabbiner sowie Gemeindevertreter gemeinsam über Herausforderungen im friedlichen Miteinander zwischen Juden, Christen und Muslimen. Im Fokus stand vor allem der muslimisch-jüdische Dialog, wie auch die Frage, was die Religionsgemeinschaften voneinander lernen können. An anderer Stelle wurde verhandelt, was Stadtgesellschaften von Religionen erwarten können – und umgekehrt.

2004 hatte Henry Brandt das Rabbinat der Jüdischen Gemeinde in Augsburg übernommen. Bis zu seinem Ruhestand im Jahr 2019 engagierte er sich dort vor allem für den jüdisch-christlichen Dialog, aber auch für interkonfessionelle und andere interreligiöse Begegnungen. 2015 schließlich würdigte ihn die Stadt Augsburg mit dem Ehrenbürgertitel für sein Lebenswerk. Die Begründung: Brandt habe wesentlich dazu beigetragen, den religiösen Frieden in der Augsburger Stadtgesellschaft zu wahren.

Begegnung und Dialog zu verbessern – es war das Lebensthema von Henry Brandt.

Das bestätigt auch Rabbiner Gábor Lengyel. Er kannte Henry G. Brandt gut. Die beiden verband eine jahrzehntelange Freundschaft sowie die Motivation, den muslimisch-jüdischen Dialog voranzutreiben. Diesem Auftrag verpflichtet fühlt sich Lengyel noch immer. So veranstaltete er auf dem Symposium in Augsburg zusammen mit der aus dem Iran stammenden Theologin und Religionswissenschaftlerin Hamideh Mohagheghi an zwei Tagen die Abendveranstaltung »Wir lesen Torah und Qur’an gemeinsam.«

begegnungen Solche Begegnungen seien wichtig, denn zurzeit gebe es in Deutschland kaum einen jüdisch-muslimischen Dialog, hieß es in der Einladung. Beim Lesen der religiösen Schriften sei sowohl auf die Gemeinsamkeiten als auch auf die Unterschiede eingegangen worden, betont Lengyel. »Wir haben nichts unter den Teppich gekehrt.« Diskutiert habe man auch über die Scharia und die Halacha, allerdings nicht mit der Zielsetzung, ein konkretes Ergebnis zu erreichen. »Ich habe immer betont, dass wir die Gespräche auf einem niedrigen Level halten«, sagt der Rabbiner.

Die politische Diskussion, so auch die Probleme in Nahost, werden dabei vorerst ausgeklammert, denn noch sei das Konfliktpotenzial zu groß. Lengyel sagt: »Um die Konflikte gemeinsam zu besprechen, braucht man ein Vertrauensverhältnis, und um Vertrauen aufzubauen, muss erst einmal über leichtere Themen gesprochen werden.« Moses sei beispielsweise ein gutes Thema. Was steht hierzu im Koran? Und was in der hebräischen Bibel? Über solche Parallelen ließe sich gut sprechen.

Rabbiner Henry G. Brandt habe immer gesagt, Tikkun Olam, die Welt zu verbessern, sei eine hohe Messlatte, erinnert sich Lengyel. Verbessern könne man sie nur im unmittelbaren Umfeld. Dies dürfte nun mit dem Symposium in Augsburg erreicht worden sein. Lengyel ist sich sicher: »Henry hätte sich so gefreut.«

Interview

»Alija machen ist wie vom Zehnmeterturm springen«

Sie haben Deutschland verlassen und sich für ein Leben in Israel entschieden. Was hat sie dazu bewogen? Ein Gespräch mit vier »Olim« über Zionismus, einen rastlosen Alltag und die Zukunft des Judentums in der Diaspora

von Joshua Schultheis  19.02.2026

Programm

Lesung, Erkundung, Abrechnung: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 19. Februar bis zum 25. Februar

 19.02.2026

Jewrovision

Unterwegs zum Wettbewerb

Die Lieder stehen fest, die Proben laufen – Hunderte Kinder und Jugendliche in ganz Deutschland fiebern dem Mini-Machane und der Show Mitte Mai schon jetzt entgegen

von Christine Schmitt  19.02.2026

Ukraine-Hilfe

Viele Aufgaben – wenig Geld

Aufwendige Prüfverfahren, zahlreiche Überstunden und unsichere Finanzierung – die Israelitische Gemeinde nimmt auch vier Jahre nach Beginn des Krieges weiterhin Geflüchtete auf

von Anja Bochtler  19.02.2026

Potsdam

Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg und Levinson Stiftung vereinbaren enge Zusammenarbeit

Die Vereinbarung gilt als wichtiger Schritt, um akademische Forschung und rabbinische Ausbildung enger miteinander zu verzahnen und jüdisches Leben in Deutschland langfristig zu stärken

 18.02.2026

Brandenburg

Gesetzestreue Jüdische Landesgemeinde kritisiert Ministerium

Seit vielen Jahren versucht eine streng orthodoxe jüdische Gemeinde in Brandenburg, höhere staatliche Zuschüsse zu bekommen. Dafür werden auch immer wieder die Gerichte eingeschaltet

 18.02.2026

Jugendkongress

400 junge Juden treffen sich in Hamburg

»Strong. Jewish. Here.« - unter diesem Motto kommen rund 400 jüdische junge Erwachsene in Hamburg zu einem bundesweiten Kongress zusammen. Das Treffen soll ein besonderes Signal in politisch angespannten Zeiten sein

von Michael Althaus  18.02.2026

Dresden

Workshops für Polizisten

Der Landesverband Sachsen der Jüdischen Gemeinden und das Sächsische Innenministerium unterzeichneten einen Kooperationsvertrag

von Helmut Kuhn  17.02.2026

Thüringen

Landesgemeinde dringt auf Ehrung von Klaus Trostorff

Klaus Trostorff war Buchenwald-Häftling und leitete später die Mahn- und Gedenkstätte der DDR. Die Jüdische Landesgemeinde will ihm in Erfurt eine Straße widmen

 17.02.2026