Dresden

Datenbank für Denkmäler

Auch auf dem Berliner Friedhof Weißensee gibt es ein Denkmal, das an jüdische Soldaten des Ersten Weltkriegs erinnert. Foto: Gregor Zielke

Die Dresdner jüdische Gemeinde war besonders schnell: Bereits im Mai 1916 weihte sie auf ihrem Friedhof ein Denkmal für die Kriegsgefallenen aus ihren Reihen der Jahre 1914 bis 1916 ein. Dabei war die Schlacht um Verdun noch nicht entschieden, und der Erste Weltkrieg sollte noch zwei weitere Jahre andauern.

Später wurde das jüdische Kriegerehrenmal durch eines ersetzt, das an alle toten Soldaten der Jahre 1914 bis 1918 erinnert. Doch eine Skizze und ein Foto des älteren Gedenksteins blieben erhalten. Als Irina Suttner und Gunda Ulbricht von Hatikva, der Bildungs- und Begegnungsstätte für jüdische Geschichte und Kultur Sachsen, darauf stießen, war ihr Interesse geweckt: »Dieses Kriegsdenkmal für die jüdischen Gefallenen war das älteste in Sachsen, wenn nicht in ganz Deutschland«, berichtet Irina Suttner.

Jubiläum Genau 100 Jahre ist es her, dass das Denkmal 1916 aufgestellt wurde. Dieses Jubiläum brachte Hatikva auf die Idee, auch die Geschichte anderer jüdischer Kriegsehrenmale zu erforschen. Suttner und Ulbricht legten den Schwerpunkt auf die östlichen Bundesländer, Bayern und die ehemals deutschsprachigen jüdischen Gemeinden in Tschechien. Die Hatikva-Mitarbeiterinnen suchten und erfassten selbst Denkmäler, schrieben die jüdischen Gemeinden an, kooperierten mit Historikern, Restauratoren und Hobbyforschern. Rund 30 Ehrenamtliche arbeiteten zwei Jahre lang an diesem Projekt. Das Ergebnis ihrer Mühen ist eine Datenbank über jüdische Kriegsmonumente aus dem Ersten Weltkrieg.

Voraussichtlich ab diesem Sommer soll die Datenbank über die Website von Hatikva für jedermann zugänglich sein. Neben den Standorten der Monumente verzeichnet die Datenbank unter anderem die Namen und Lebensdaten der Gefallenen und gibt Auskunft über Symbolik, Architektur und Geschichte der Monumente. Sofern vorhanden, ergänzen Bilder und historische Schriftstücke das Informationsangebot. Abgeschlossen ist das Projekt nicht: Neue Funde werden ständig ergänzt. Wer Informationen beitragen möchte, kann sich an Hatikva wenden.

Familienforscher Die Datenbank soll nicht nur Historikern und Familienforschern nutzen. »Wir hoffen, dass unser Verzeichnis ein Anstoß ist, die teilweise stark beschädigten Denkmäler wiederherzustellen«, sagt Ulbricht.

»Während der NS-Zeit wurden vor allem jene jüdischen Ehrenmale zerstört, die in den Synagogen aufgestellt waren«, erklärt der britische Historiker Tim Grady. Anlässlich der Vorstellung der Denkmäler-Datenbank in Dresden berichtete der Wissenschaftler von der Universität Chester über seinen Forschungsschwerpunkt, die deutsch-jüdischen Soldaten des Ersten Weltkriegs.

1935 verfügte Reichspropagandaminister Joseph Goebbels: »Jüdische Namen sollen niemals auf Kriegerdenkmälern erscheinen.« Doch nicht alle Spuren wurden getilgt. Zum einen standen die Namen der jüdischen Gefallenen zusammen mit denen von Nichtjuden in vielen Orten auf den Ehrenmälern. Zum anderen blieben manche Gedenksteine auf den jüdischen Friedhöfen erhalten. »Die Erinnerung an die jüdischen Soldaten wurde während des Nationalsozialismus nicht 100-prozentig gelöscht«, so Tim Grady. Die jüdische Gemeinde Danzig packte 1939 sogar ihr ganzes Ehrenmal in eine Kiste und verschiffte es nach New York. Dort ist das Monument noch heute zu sehen.

Veteranenverband Jüdische Veteranen des Ersten Weltkriegs, die während der NS-Zeit fliehen konnten, nahmen ihre Erinnerungen mit ins Exil. Bis in die 70er-Jahre hinein hielt die amerikanische Vereinigung »Immigrant Jewish War Veterans« das Gedenken an die Gefallenen hoch. Die Namenslisten dieser Organisation sowie des »Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten«, der in den Zwischenkriegsjahren von 1918 bis 1939 in Deutschland aktiv war, sind heute noch wertvolle Quellen bei der Rekonstruktion zerstörter Ehrenmäler. Zum Beispiel in Görlitz: In der dortigen Synagoge waren alle Namen irgendwann von der Gedenktafel entfernt worden. Anhand von Gefallenenlisten machte sich Ende vergangenen Jahres der Dresdner Restaurator Wolfgang Benndorf in wochenlanger Puzzlearbeit daran, die verschwundenen Namen zu rekonstruieren.

Als Anhaltspunkte dienten ihm dabei nur die Halterungen, an denen die Buchstaben früher befestigt waren. Anhand der Abstände zwischen den Punkten erriet er, welcher Buchstabe wo gestanden haben muss. Alle 25 Namen konnte der Restaurator wiederherstellen. Sie sollen auf einer separaten Tafel unterhalb des zerstörten Ehrenmals bald wieder zu lesen sein.

www.hatikva.de

Porträt der Woche

Aus Erfahrung handeln

Marina Koren hat Ausgrenzung erlebt und unterstützt heute Betroffene von Hassgewalt

von Gerhard Haase-Hindenberg  09.08.2026

München

Klassiker des Humors

Im früheren Gemeindehaus in der Reichenbachstraße sorgte ein Abend mit Sketchen in jiddischer Sprache für Spaß und Unterhaltung

von Ellen Presser  09.08.2026

Porträt

Stil auf Rädern

Der Swing-Musiker Andrej Hermlin sammelt Oldtimer – und fährt sie, statt sie nur in der Garage zu bewundern. Ein Besuch in Pankow

von Imanuel Marcus  09.08.2026

Karlsruhe

Altes Amt mit Zukunft

Die Jüdische Kultusgemeinde ernannte erstmals einen Oberrabbiner, erinnerte an 55 Jahre Gemeindehaus und gab ihrer Synagoge den Namen eines berühmten Gelehrten der Stadt

von Mascha Malburg  09.08.2026

Reform

Hilfe im Alltag

Familien mit behinderten Kindern sorgen sich, dass ausgerechnet die Unterstützung gekürzt wird, die ihnen ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht

von Christine Schmitt  05.08.2026

Erfurt

Schicht um Schicht

Dort, wo eben noch Parkplätze waren, wird seit wenigen Tagen nach einem Stück jüdischer Geschichte gegraben. Erst mit dem Bagger, dann von Hand

von Katrin Richter  05.08.2026

Geschichte

Bedrohlich aktuell

Ein Forschungsprojekt von NS-Dokuzentrum und Lenbachhaus untersucht, wie völkische Gedanken vor dem Ersten Weltkrieg wirkten

von Luis Gruhler  05.08.2026

Programm

Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 6. August bis zum 13. August

 05.08.2026

Hamburg

Ruine mit Herz

Einst das Zuhause des Reformjudentums, stand der Israelitische Tempel kurz vor dem Verfall. Eine Bürgerinitiative und die Stadt wollen den historischen Ort nun neu beleben. Ein Besuch im Hinterhof

von Heike Linde-Lembke  02.08.2026