Gemeindetag

Berliner Begegnungen

Heißt diesmal Gemeindemitglieder aus ganz Deutschland in Berlin willkommen: Zentralratspräsident Dieter Graumann Foto: Rafael Herlich

Konkrete Erwartungen, klare Ziele – die Teilnehmer des Gemeindetages in Berlin sind schon Tage vorher gut vorbereitet. Die Anmeldungen für die besonders interessanten Workshops sind erledigt, Treffen vereinbart. Was man dann als neue Anregungen mit in die Gemeinden zurücknehmen möchte, ist jedoch höchst unterschiedlich. »Ich freue mich ganz besonders darauf, viele Leute wiederzutreffen und neue Kontakte zu knüpfen«, sagt Judith Neuwald-Tasbach.

Die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen sieht im Gemeindetag vor allem »eine gute Gelegenheit, zu hören, wie es bei anderen Gemeinden aussieht, und darüber zu sprechen, wie die Probleme, die wir alle haben, gelöst werden können«. Das jüdische Gemeinschaftsgefühl werde zudem gestärkt, »die Gemeinden sind nun einmal quer durch Deutschland verteilte Inseln«. Im Alltag gebe es nur wenig Gelegenheit zum Austausch, »sich mit weiter entfernten anderen Gemeinden telefonisch oder per Mail zu unterhalten, dazu fehlt oft einfach die Zeit«.

Netzwerke Aus Mannheim werde eine »Riesendelegation« anreisen, verrät Gemeindevorsitzende Schoschana Maitek-Drzevitzky, »fünf von uns werden als Mentoren bei der Veranstaltung Young Jewish Professionals daran mitarbeiten, Netzwerke aufzubauen«. Die Möglichkeit, »jungen Leuten zu helfen, die richtigen Kontakte zu knüpfen, hat uns gleich begeistert, also haben wir Gemeindemitglieder angesprochen, die in ganz unterschiedlichen Bereichen aktiv und erfolgreich sind, und waren dann natürlich sehr glücklich, als wir ausgewählt worden sind«, freut sich Maitek-Drzevitzky.

Für Maitek-Drzevitzky wird es der erste Gemeindetag sein. »Ich bin freudig gespannt«, sagt sie, »klar wird es sicher anstrengend, aber schlafen kann man dann zu Hause.« Am liebsten wolle sie an allen angebotenen Workshops teilnehmen, »aber ich will mich nicht zupflastern«. So bleibe genug Zeit, Kontakte zu knüpfen und Erfahrungen auszutauschen. Auf einen Workshop freue sie sich aber jetzt schon besonders. »Es wird um zeitgemäßes Gedenken gehen, das ist für Gemeinden natürlich ein ganz wichtiges Thema.«

Diskussionen Leah Floh, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Mönchengladbach, wird mit ihrer Stellvertreterin Marianna Hamburg nach Berlin reisen. »Beim letzten Mal habe ich so viel für die Gemeindearbeit mitgenommen, es wurde häufig diskutiert, der Austausch von Meinungen und Erfahrungen, der abends weiterging.« Und auch persönlich habe sie ganz neue Erfahrungen machen können: »Ich habe an einem liberalen Gottesdienst teilgenommen und wurde zur Tora aufgerufen, das war schon ganz besonders.«

Floh ist besonders gespannt auf den Workshop »Altern in Würde«. »Ich verspreche mir viele Anregungen und Ratschläge für die Arbeit mit Holocaust-Überlebenden in unserer Gemeinde. Es ist mir sehr wichtig, mehr darüber zu lernen, wie wir den Lebensabend der Senioren würdevoll gestalten können.« In Mönchengladbach gibt es kein eigenes Altersheim, das nächste liegt in Düsseldorf.

Floh verspricht sich vom Gemeindetag »allgemein viele nachhaltige Erfahrungen«. Beim letzten Mal habe sie sehr viel gelernt, auch im Austausch mit Leuten von anderen Gemeinden. Und Kontakte geknüpft, die in Berlin wieder aufgefrischt werden sollen, »mit Berlinern, Bochumern, Bad Kreuznachern haben wir schon verabredet, uns dann dort zu treffen«. Insgesamt sei »so vieles bereichernd und hilfreich, angefangen von den vielen jüdischen Künstlern, die sich vorstellten, bis hin zu Buchempfehlungen und Tipps zu Spielfilmen. Ich freu’ mich darauf.«

Reinhard Schramm, Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde Erfurt, fährt dagegen zum ersten Mal zum Gemeindetag. Allerdings mit einem klaren Ziel: »Ich möchte mehr über nachhaltige Jugendarbeit erfahren«, betont er. Ein Großteil der alltäglichen Arbeit in der Gemeinde bestehe zwar in der Arbeit mit älteren Leuten, »aber wir müssen einfach auch mehr für unsere Jugend tun, wenn wir auch in 20, 30 Jahren noch eine funktionierende Gemeinde sein wollen«.

Wurzeln Das Gehaltsgefälle zwischen den westlichen und östlichen Bundesländern sei für viele der gut ausgebildeten jungen Erwachsenen beispielsweise immer noch ein wichtiger Grund, wegzuziehen: »Die Fluktuation bei jungen Juden aus Thüringen ist größer als bei ihren nichtjüdischen Altersgenossen«, weiß Schramm. »Sie haben einfach nicht so viele Wurzeln, es gibt oft keine Großeltern, kein Familienhaus – sie haben sich in Deutschland eingelebt, sind aber nicht in Thüringen verwurzelt.«

Aus dem ostdeutschen Bundesland werden fünf Teilnehmer zum Gemeindetag fahren, zwei junge und drei ältere, sie wollen sich über »alles, was das jüdische Leben interessanter macht, informieren«, sagt Schramm. Damit hofft man nicht nur, Abwanderungen zu verhindern, sondern möchte in der Zukunft auch neu Zugezogene begrüßen. »Thüringen wird zunehmend attraktiver, Erfurt und Jena sind ja auch Städte, die viel zu bieten haben, im Moment haben wir es aber noch schwer.«

In dem Moment, in dem Ostdeutschland sich wirtschaftlich besser entwickelt, ist sich Schramm sicher, werde sich der Trend umkehren und Menschen nach Thüringen kommen, um dort nicht nur zu studieren, sondern auch zu leben und zu arbeiten. »Dann sollen nicht nur unsere jungen Mitglieder nicht weggehen, es sollen Juden aus anderen Städten Deutschlands und der Welt zu uns kommen«, sagt Schramm. Und dazu sei »mehr jüdisches Leben wichtig, Cafés, Restaurants und irgendwann auch ein koscherer Laden, das wäre schön«. In den nächsten zehn Jahren wolle man deswegen eine Atmosphäre schaffen, »wie sie zuletzt vielleicht vor 100 Jahren existiert hat, mit lebendiger jüdischer Kultur«.

Nicht alle Gemeindevorstände werden es schaffen, zum Gemeindetag zu kommen. Max Privorozki aus Halle bedauert: »Ich werde nach Schabbat nur zur Ratsversammlung nach Berlin fahren können, wir haben im Moment sehr viele Veranstaltungen hier in Halle. Und dann ist ja auch schon bald Chanukka.«

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