Berlin

»Ausgegrenzt, gedemütigt, verfolgt und ermordet«

Jeder Mensch hat einen Namen» – um an jeden Einzelnen zu erinnern, hatten Schüler, Gemeindemitglieder und Passanten am Donnerstagmorgen mit der Lesung der Namen aller 55.696 der ermordeten Berliner Juden begonnen.

Am frühen Abend, kurz vor Beginn der feierlichen Gedenkveranstaltung der Jüdischen Gemeinde zum 9. November, verlas Petra Pau aus dem «Gedenkbuch an die ermordeten Juden aus Berlin» die Namen, die mit dem Buchstaben «S» beginnen.

studie Die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages gehörte anschließend ebenso zu den Ehrengästen wie der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller, der Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses, Ralf Wieland, der israelische Botschafter Jeremy Issacharoff, der Geschäftsführer des Zentralrats der Juden, Daniel Botmann, sowie weitere hochrangige Vertreter aller Parteien, aus Politik und Gesellschaft sowie der Kirchen und Diplomatie.

«Der 9. November war ein erster, deutlich zu sehender, landesweit durchgeführter Höhepunkt physischer Gewalt», sagte Gideon Joffe in seiner Begrüßungsrede. Doch nicht erst dieser Tag sei Auftakt zur Ermordung der Juden in Deutschland und Europa gewesen, betonte der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, sondern die Richtung hätten die Wähler bereits im November 1932 an den Wahlurnen vorgegeben. Er verwies in diesem Zusammenhang auch auf den Einzug der rechtspopulistischen AfD in den Bundestag.

Joffe stellte fest, dass es immer schwieriger werde, das Thema Schoa in Schulen zu vermitteln. Der Berliner Gemeindechef berief sich dabei auf die jüngste Studie der Körber-Stiftung, derzufolge mehr als 40 Prozent der über 14-Jährigen mit dem Begriff «Auschwitz» nichts anzufangen wissen. Joffe appellierte insbesondere an die Politik, aber auch an die Kirchen, dem aktiv und vehement entgegenzuwirken.

antisemitismus Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller griff in seinem Grußwort die Themen seines Vorredners auf. «Wenn wir heute der Novemberpogrome gedenken, so tun wir dies, um die Erinnerung an all die Menschen wachzuhalten, die ausgegrenzt, gedemütigt, verfolgt und ermordet wurden», sagte Müller. «Heute dürfen wir nicht wegsehen, wenn anderen Menschen Unrecht geschieht.»

Die Weltoffenheit in Berlin sei «keine Selbstverständlichkeit». Mit ausgesprochen deutlichen Worten verurteilte Müller daher scharf insbesondere jegliche Form von Antisemitismus, der «keinen Platz in dieser Stadt» habe.

«Jede einzelne Attacke ist ein Angriff auf uns alle, auf unsere Gesellschaft, unsere Freiheit, unsere Art, wie wir zusammenleben.» Wer wie die Bewegung für Boykott, Desinvestition und Sanktionen gegen Israel (BDS) ausgerechnet am 9. November am Brandenburger Tor zum Boykott Israels aufrufe, sei «kein Demokrat» und «schändet das Gedenken an die Holocaust-Opfer», stellte Müller klar.

Programm Das musikalische Rahmenprogramm der Gedenkfeier, die im Rahmen der 30. Jüdischen Kulturtage stattfand, gestalteten der Pianist Naaman Wagner und die Klarinettistin Shelly Ezra sowie die Schauspielerin Nadine Schori, die aus den Memoiren von Holocaust-Überlebenden las.

Zum Abschluss wurden am Mahnmal des Jüdischen Gemeindehauses Kränze niedergelegt. Das Gedenkgebet El Male Rachamim sang Kantor Isaac Sheffer. Anschließend sprach Rabbiner Jonah Sievers das Totengebet Kaddisch.

In der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 gingen die Nationalsozialisten zur offenen Gewalt gegen die deutschen Juden über. Etwa 1400 Synagogen wurden deutschlandweit angezündet, Tausende jüdischer Geschäfte zerstört und Wohnungen verwüstet. Etwa 30.000 Juden wurden in Konzentrationslager deportiert, rund 400 bei den Pogromen ermordet.

Dessau-Roßlau

Buch zur jüdischen Geschichte Anhalts vorgestellt

Ein neues Buch informiert über jüdische Orte in Anhalt und soll zum Besuch anregen

 16.01.2026

Weimar

Trauer um Raymond Renaud

Der französische Überlebende des NS-Konzentrationslagers Buchenwald wurde 102 Jahre alt

 15.01.2026

Antisemitismus

Schriftstellerin Funk lebt lieber in Tel Aviv

Künstlerinnen und Künstler aus Israel klagen seit Langem über Schwierigkeiten in Deutschland

 15.01.2026

Hamburg

Espresso für die Seele

Der Jugendkongress der ZWST und des Zentralrats ist für viele das Highlight des Jahres. Hier findet eine Generation, die gestalten möchte, Impulse, Gespräche und Resilienz

von Eugen El  15.01.2026

Makkabi

Slalom und Schabbat

Rund 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen in diesem Jahr zur Wintersport Week in die Südtiroler Alpen

von Helmut Kuhn  15.01.2026

Leipzig

»Jeder Hass macht blind«

Das koschere Café »HaMakom« wurde in der vergangenen Woche angegriffen. Was genau ist passiert? Fragen an den Eigentümer

von Katrin Richter  15.01.2026

Mainz

Neue Ausstellung erinnert an Synagogen, Rabbiner und Matzenbäcker

Vom uralten Grabstein bis zum KI-generierten Rabbiner-Avatar reicht die Spannweite. Die Ausstellung »Shalom am Rhein - 1000 Jahre Judentum in Rheinland-Pfalz« im Landesmuseum Mainz präsentiert so umfangreich wie nie das jüdische Erbe im Land

von Karsten Packeiser  15.01.2026

Hessen

Brandanschlag auf Gießener Synagoge: Was bislang bekannt ist

Ein 32-Jähriger setzte vor der Beith-Jaakov-Synagoge einen Papiercontainer in Brand und zeigte den Hitlergruß. Er wurde von der Haftrichterin in die Psychiatrie eingewiesen

von Michael Thaidigsmann  15.01.2026

Thüringen

Juden fordern klare Haltung zu Iran-Protesten

Der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde in Thüringen, Reinhard Schramm, zeigt sich solidarisch mit den Demonstranten im Iran und wirbt für deren Unterstützung

 14.01.2026