Porträt der Woche

Action als Lebenselixier

»Auch im Dunkeln gibt es immer wieder Licht. Man muss nur die Kraft haben, den Schalter zu finden«: Ruth Frenk (79) aus Konstanz Foto: Matthias Messmer

Porträt der Woche

Action als Lebenselixier

Ruth Frenk ist Gesangspädagogin, lebt am Bodensee und fand im Alter die große Liebe

von Matthias Messmer  18.01.2026 07:53 Uhr

Ich habe ein sehr aufregendes Leben hinter mir und kann mich nicht beklagen. Ich habe viel unternommen und bin weit gereist. Am Ende durfte ich noch etwas erleben, das nicht jedem Menschen vergönnt ist: die große Liebe mit Paul. Dafür bin ich sehr dankbar. Es hätte allerdings ruhig noch etwas länger dauern können. Immerhin waren wir 20 Jahre zusammen.

Mein 80. Geburtstag ist ein Übergang, den ich nicht leichtnehme und der mich auch ein bisschen belastet. Meine Medizin dagegen: Action. Ich mache zweimal wöchentlich Fitness und achte darauf, nicht zuzunehmen. Besonders wichtig ist es für mich, aktiv zu bleiben und keine Angst davor zu haben, noch einmal neue Projekte anzuschieben. Das habe ich schließlich mein Leben lang getan.

Ich wurde 1946 in Rotterdam geboren. Meine Eltern waren beide Überlebende des KZ Bergen-Belsen. In meiner Jugend wurde das Thema jedoch fast nie angesprochen. Mein Vater war Geschäftsmann. Schon damals reisten wir viel, häufig nach New York, wo meine Mutter die erste Strahlentherapie bekam, aber auch oft in die Schweiz. Meine Mutter, die ursprünglich aus Frankfurt stammte, starb, als ich 16 Jahre alt war.

Als ich Jahre später die von ihm gestalteten Fotoalben entdeckte, spürte ich seine große Liebe

Dass mein Vater bereits drei Monate später eine neue Frau mit nach Hause brachte, trug nicht gerade zu einer guten Vater-Tochter-Beziehung bei. Das war mit ein Grund, warum ich im Lauf der Jahre immer mal wieder psychotherapeutische Hilfe suchte. Am Ende haben wir uns jedoch versöhnt. Als ich Jahre später die von ihm gestalteten Fotoalben entdeckte, spürte ich seine große Liebe für uns, die er zu Lebzeiten nicht vermitteln konnte.

So begann ich also schon früh, mein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Zunächst studierte ich Soziologie und Volkswirtschaft, doch bald entdeckte ich meine Leidenschaft für das Singen. Nach drei frustrierenden Jahren in Genf, in denen ich Gesang und Französisch studiert hatte, zog ich nach New York. Dort schloss ich mein Studium an der Manhattan School of Music mit einem Bachelor of Arts ab. Doch der Wunsch, Opernsängerin zu werden, erfüllte sich nicht. Im Nachhinein glaube ich, dass ich in diesem Beruf nie glücklich geworden wäre. Einerseits hätte ich keine Zeit für ein Privatleben gehabt, andererseits besaß ich auch nicht das nötige Nervenkostüm.

Im Jahr 1974 folgte ich meiner Lehrerin Else Seyfert-Grünwald nach Konstanz. Seither lebe ich in dieser Stadt – eine »Jüdin, die so gern in Deutschland wohnt, 100 Meter von der Schweizer Grenze entfernt«, wie ich mich und meine Lebensumstände häufig selbst beschreibe.
Bald nach meiner Ankunft am Bodensee vor mehr als einem halben Jahrhundert traf ich den kürzlich verstorbenen israelischen Pianisten Isaak Tavior – ein glücklicher Zufall. Wir beschlossen, gemeinsame Liederabende zu geben.

Ich lebe im Hier und Jetzt. Ich bin ein neugieriger Mensch und muss immer alles wissen.

Der Erfolg – damals hatte ich auch einige jiddische Volkslieder in das Programm aufgenommen – bedeutete den Beginn meiner Karriere als »Sängerin jüdischer Lieder«. Ursprünglich bestand mein Repertoire aus klassischen Kompositionen. Später erweiterte ich es um jiddische und israelische Volkslieder, jiddische Kunstlieder sowie jiddische und amerikanische Operetten. Auch Ladino-Musik habe ich sehr gern gesungen. Bei der Auswahl meines Repertoires spielte der große amerikanische Tenor sefardischer Abstammung, Nico Castel, eine wichtige Rolle. Er war ein Lebemensch, und unsere Wege kreuzten sich immer wieder.

Damals gab es in diesem Bereich wenig Konkurrenz, und das Interesse des Publikums war riesig. Man wollte nur noch das hören. Esther Bejarano sang im Norden Deutschlands, Lin Jaldati, auch bekannt als Rebekka Brilleslijper, in der DDR, und ich sang in Süddeutschland. Mein größter Erfolg wurde die Theresienstadt-Musik: Mitte der 80er-Jahre stieß ich auf Lieder des kanadisch-jüdischen Komponisten Srul Irving Glick, der Gedichte von Kindern vertont hatte, die nach Theresienstadt deportiert worden waren.

Daraus habe ich eine musikalische Collage gemacht. Kurz darauf fragte ich den österreichischen Kabarettisten Dieter Gogg, ob er Chansons und Satiren aus dem KZ Theresienstadt für mich nachkomponieren könne. Er war sofort Feuer und Flamme. So kam das Programm »Lieder aus Theresienstadt« zustande, später folgte meine CD Der letzte Schmetterling.

Ein Jahr zuvor standen wir noch unter der Chuppa

Menschliche Beziehungen haben mich mein ganzes Leben lang begleitet. Ohne sie wäre ich nicht die Person, die ich heute bin. Ein Freund sagte einmal zu mir, das Internet sei nur für mich erfunden worden. Während der Corona-Zeit habe ich damit begonnen, meine Memoiren zu schreiben. Kurz zuvor wurde mir mitgeteilt, dass ein bösartiger Tumor an meinem rechten Stimmband entfernt werden müsse. Ich hatte Panik, denn ich hatte mir immer vorgestellt, eines Tages friedlich in der ersten Reihe eines Opernhauses einzuschlafen. Glücklicherweise verlief die Operation erfolgreich.

Im Jahr 2000 kontaktierte mich ein ehemaliger Freund aus Studienzeiten in Amsterdam. Paul hatte Alija gemacht und wohnte damals in Tel Aviv. Es wurde eine große Liebe, und im Jahr 2016 kam er endlich nach Konstanz. Bis dahin weigerte er sich, einen Fuß nach Deutschland zu setzen. Leider wurde er kurz darauf krank, 2021 starb er. Ein Jahr zuvor hatten wir noch unsere wunderbare Chuppa gefeiert. Ich möchte keinen Tag davon missen und musste erst einmal lernen, wie man trauert. Aber wenigstens gibt es auch im Dunkeln immer wieder Licht. Man muss nur die Kraft und den Mut haben, den Schalter zu finden. Meine Lebenslust habe ich mir nicht nehmen lassen.

Natürlich ist mir der Rückblick auf meine eigene Geschichte wichtig. Ich lebe jedoch im Hier und Jetzt. Ich bin ein neugieriger Mensch und muss immer alles wissen. Am liebsten unterrichte ich nach wie vor Sängerinnen und Sänger in den Bereichen Lied, Oper, Chanson oder Musical. Das geschieht bei mir zu Hause, aber auch per Zoom oder Teams. Singen macht bekanntlich gesund und fröhlich. Es ist wunderbar, wenn man in meinem Alter Menschen hat, die etwas von einem lernen wollen. In einem eigens für mich vor mehr als 25 Jahren gegründeten Förderverein organisiere ich zudem regelmäßig Workshops und Konzerte mit Gesang, Kammermusik und Chorwerken.

Die Leute müssen wissen, was ich denke. Als Angehörige der zweiten Generation bin ich es den Holocaust-Opfern schuldig.

Seit vielen Jahren engagiere ich mich für die Verständigung zwischen den Religionen. Bereits seit mehr als 30 Jahren bin ich Vorsitzende in der Deutsch-Israelischen Gesellschaft in der Bodenseeregion. Gerade in diesen für Jüdinnen und Juden schwierigen Zeiten ist es mir wichtig, Solidarität mit Israel zu zeigen.

Wenn Unwahrheiten über einen angeblichen Völkermord in Gaza oder andere verzerrte Meinungen über die Erinnerung an den Holocaust und die Opferrolle verbreitet werden, dann regt mich das wahnsinnig auf. Das sage ich auch ganz direkt. Die Leute müssen wissen, was ich denke. Als Angehörige der zweiten Generation bin ich es den Holocaust-Opfern schuldig. Nach Israel auszuwandern, habe ich nie geschafft. Doch mit meiner Entscheidung, in Deutschland zu bleiben, bin ich zufrieden. Nach wie vor reise ich viel herum, etwa zu Vorträgen über meine Lebensgeschichte. Meine Memoiren Bei uns war alles ganz normal sind bereits in zweiter Auflage als Buch erschienen.

Sie war meine blinde Tante, eine eigenwillige und etwas exzentrische Dame

Eine andere Lesung, die ich auf Anfrage von literarisch interessierten Zirkeln als »One-Woman-Show« anbiete, befasst sich mit dem Leben und Werk der Lyrikerin Emma Kann. Sie war meine blinde Tante, eine eigenwillige und etwas exzentrische Dame. Lebenswege sind manchmal unergründlich: Ich habe sie mehr als ein Vierteljahrhundert fast jeden Sonntag in einer Seniorenresidenz in der Nähe besucht. Emma publizierte vier Lyrikbändchen, die ich unter dem Titel Heimatlos neu herausgegeben habe. Unser Verhältnis war schwierig, auch weil sie in mir ihre Schwester sah und ich nie verstand, was für mich und was für meine Mutter bestimmt war. Noch heute ruft es bei mir tiefe Emotionen hervor, wenn ich ihre Gedichte vorlese.

Für mich sind Vorträge und Diskussionen an Schulen besonders bereichernd. Ich spreche sehr gern mit Kindern und Jugendlichen über meine eigene Geschichte und das Judentum im Allgemeinen. Viele von ihnen haben noch nie einen Juden oder eine Jüdin persönlich kennengelernt. Ich bin der Meinung, dass solche Besuche in Bildungseinrichtungen der einzige sinnvolle Weg sind, um junge Menschen über unsere Religion und Kultur aufzuklären. Diese Gespräche kommen immer gut an. Am Schluss duzen mich die Kinder. Das ist wirklich schön.

Aufgezeichnet von Matthias Messmer

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