Restaurants

Ab jetzt nur noch »to go«

Wollte eigentlich im November vor dem Laden ein Zelt aufstellen: Imbissbesitzer Shalom Eivgi Foto: Uwe Steinert

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Ab jetzt nur noch »to go«

Gastronomen trifft die erneute Schließung hart. Viele bieten Alternativen an

von Christine Schmitt  05.11.2020 08:50 Uhr

Wer als Gastronom in Corona-Zeiten ein gut zu öffnendes Fenster hat, ist klar im Vorteil. »Wir werden es weiter aufmachen und ›to go‹ anbieten«, sagt Shalom Eivgi vom Imbiss »Orientalische Hausmannskost« in der Belziger Straße.

Die Speisen werden durch den Fensterrahmen gereicht. Der koschere Speisesalon »Bobbes« hingegen verfügt über eine Tür, durch die sich relativ unproblematisch der Straßenverkauf abwickeln lässt. Und Yoram Feinberg wird über die Eingangsnische des »Feinberg’s« seine Speisen anbieten, ebenso das »Bleibergs«.

Auch in dieser Krisensituation lassen sich viele Köche und Restaurantbesitzer etwas einfallen, um weiter arbeiten zu können. Allerdings ist das sehr von der Lage in der Stadt abhängig. In Mitte hieß es bei jüdischen Gastronomen, dass sie mit ihren Angeboten doch sehr auf Touristen angewiesen seien, die in den Lockdown-Wochen nicht nach Berlin reisen dürfen. Da bleibt nur die vorübergehende Schließung.

SOFORTHILFE Der Lockdown trifft die Gastronomie schwer, denn viele haben in neue Konzepte investiert, sodass sie weiter ihre Gäste bedienen und ihre Angestellten behalten konnten. Doch nun rufen die Politiker nach immer weiter ansteigenden Infektionszahlen alle auf, zu Hause zu bleiben, und verbieten das Öffnen von Res­taurants, Opern, Theatern, Kinos, Fitnessstudios und Schwimmbädern, damit kein Freizeitvergnügen die Menschen vor die Haustür lockt, wie es der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) in seiner Regierungserklärung am Sonntag erläuterte.

Die Restaurantbesitzer werden prüfen, ob ihnen finanzielle Unterstützung im Rahmen der Soforthilfe zusteht. »Der erste Lockdown war schon hart«, sagt Shalom Eivgi. Glücklicherweise habe er viele Stammkunden, die regelmäßig kamen, um Falafel, Hummus oder Pita abzuholen. »Es haben sich richtige Schlangen von Menschen vor meinem Fenster gebildet«, erzählt Eivgi. »Natürlich mit Abstand.«

Desinfektion, Abstand, Kontaktlisten, Masken: Alles wurde bestmöglich umgesetzt.

Auch an diesem letzten Sonntagnachmittag vor dem Lockdown ist bei ihm viel los. Einige Gäste setzen sich an die Tische draußen, andere haben drinnen Platz genommen. Viele holen »Take away«-Hummus und -Falafel. Für jeden Gast hat er ein nettes Wort. Dennoch: Seit Frühjahr wird auf einen Mitarbeiter verzichtet, sodass das Imbiss-Team seitdem zu dritt arbeitet. »Wir kämpfen«, sagt Eivgi.

Seit sechs Jahren gibt es nun schon »Eivgi’s Orientalische Hausmannskost« an prominenter Stelle gegenüber dem Rathaus Schöneberg. Das Lokal hat neben den Stammgästen auch viel Laufkundschaft. »Das war eines der Argumente, die für den Standort hier sprachen«, sagt Eivgi. Was für ihn nun ein Glück ist.

Als sich die Gelegenheit bot, den kleinen Laden an der Ecke zu kaufen, habe er sie, ohne lange zu überlegen, wahrgenommen. Nach elf Jahren als Chef de Cuisine im Berliner Maritim-Hotel wollte er sich selbstständig machen, aber kein Restaurant führen – ein kleiner, persönlicher Ort sollte es sein.

DISTANZ Vor Kurzem hat er ein »offenes« Zelt bestellt, damit auch bei schlechtem Wetter die Möglichkeit besteht, im Trockenen mit Distanz draußen zu stehen. Die Genehmigung, wie viele Meter vom Bürgersteig er in Anspruch nehmen kann, hängt im Fenster. Aber ob ihm das Zelt jetzt noch erlaubt wird? Er zuckt mit den Schultern, er weiß es nicht. Fest steht, dass er seine Gäste weiter bekochen will. »Das macht mir Spaß, und ich möchte sie glücklich wissen.«

Die Genehmigung, wie viele Meter vom Bürgersteig er in Anspruch nehmen kann, hängt im Fenster.

Für seinen privaten Lockdown hat er sich auch schon etwas vorgenommen: »Ich möchte ein Instrument lernen, vielleicht Gitarre oder Akkordeon.« Da hat er noch die Qual der Wahl.

»Die Leute schauen jetzt sehr aufs Geld«, vermutet »Feinberg’s«-Inhaber Yoram Feinberg. Auch aus diesem Grund hat er entschieden, die Preise für Selbstabholer um 30 Prozent zu reduzieren. Das gelte allerdings nicht für Bestellungen über Lieferando. »Viele Menschen haben nun Angst vor der Zukunft«, sagt der Restaurantbesitzer.

Auch er musste beim ersten Lockdown Mitarbeiter entlassen, suchte dann allerdings von Juli bis August Personal. Mehr als 20 waren bis jetzt im Einsatz. »Nun werden wir auf eine Art Imbiss vor dem Eingang umsteigen.« Das mache ihn zwar traurig, doch seien Schakschuka, Kebab und Sabich »to go« besser als gar nichts. Auch die Öffnungszeiten bleiben bei 14 bis 22 Uhr.

TERRASSE Glück im Unglück war allerdings, dass ein Projekt vom Bezirk abgelehnt wurde: Er wollte nämlich die Terrasse vergrößern, was ihm nicht erlaubt wurde. Wer auf der Website nachschaut, sieht, welch ausgeklügeltes Reservierungssystem Feinberg sich ausgedacht hat. »Meine Gäste sollen nicht krank werden, und ich möchte ja auch gesund bleiben.« Er habe alles, was möglich war, umgesetzt. Da sei es jetzt schon bitter, für mindestens einen Monat zu schließen. »Zumal die Gastronomie kein Corona-Hotspot ist«, sagt Feinberg.

»Meine Gäste sollen nicht krank werden, und ich möchte ja auch gesund bleiben.«

Yoram Feinberg

Das koschere Bleibergs in der Nürnberger Straße ist am Freitag vor dem Lockdown gut besucht. »Wir bleiben mit einem Selbstabholerservice offen«, sagt Oksana Smila, die gerade im Laden bedient. Auch Caterings werden weiter übernommen.

Dass die Lage sich verändert, hat Ariel Ehrenberg vom koscheren Speisesalon »Bobbes« in der Motzstraße schon im Oktober bemerkt. Denn da kamen weniger Gäste in sein Restaurant. Doch am Sonntag war noch einmal sehr viel los, sodass er kaum eine ruhige Minute hatte. Es sei ein Schlag, jetzt wieder schließen zu müssen. Drei Monate musste der Speisesalon schon im Frühjahr coronabedingt geschlossen bleiben. »Wir haben dann jede notwendige Maßnahme ergriffen: Desinfektion, Mund-Nasen-Schutz für unsere Mitarbeiter, Kontaktlisten.« Jetzt gehe die Schließung an die Existenz.

Glücklicherweise hatte der Betrieb Anfang des Jahres einen Boom und war oft ausgebucht, sodass er Rücklagen bilden konnte. »Deshalb konnten wir bisher die Situation noch stemmen. Ich habe nicht vor, jemanden zu entlassen«, sagt Ehrenberg. Er plant nun einen Verkauf für Selbstabholer. Und denkt über ein »Schabbat Food to go« nach.

APP Ebenso hat er daran getüftelt, eine App für sein Geschäft zu entwickeln, mit der ein Lieferdienst aufgebaut werden könnte. »Aber so etwas kostet Geld, und in dieser Lage weiß ich nicht, ob ich es mir noch leisten kann.« Wenn seine Kunden die Speisen nicht mehr aus dem Inneren des Ladens abholen dürfen, würde er eben einen Tisch vorm Eingang aufbauen. Er selbst werde die freie Zeit – sofern es sie überhaupt für ihn geben sollte – mit Papierkram ausfüllen. Zum Beispiel die Steuererklärung – die muss noch gemacht werden.

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