Hannover

1983: der erste Staatsvertrag

1963 wurde die neue Synagoge in Hannover eingerichtet. Foto: Christian Wyrwa

Vorträge und Diskussionsveranstaltungen können nach wie vor nicht vor real anwesendem Publikum stattfinden. Dass interessante Veranstaltungen problemlos auch per Zoom möglich sind, zeigte sich auch am vorvergangenen Dienstag.

Unter dem Titel »Jüdisches Leben in Hannover nach der Schoa« fand »ein Abend mit Michael Fürst« statt, der die Nachkriegsgeschichte nicht nur als Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Hannover und des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen hautnah miterlebte. Geboren 1947 in Hannover, wuchs er in der Landeshauptstadt auf.

Und stellte sich an diesem Abend den Fragen von Ursula Rudnick, Referentin für das Arbeitsfeld »Kirche und Judentum« im »Haus kirchlicher Dienste« der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. Die studierte Theologin und Judaistin engagiert sich seit Langem im christlich-jüdischen Dialog.

Befreiung Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatten rund 5000 Juden in Hannover gelebt. Am 10. April 1945, als amerikanische Truppen die Stadt befreiten, waren nur noch rund 100 vor Ort.

Wie es war, als jüdisches Kind in Hannover aufzuwachsen, fragt Rudnick den Gemeindevorsitzenden. Weder er noch sein Bruder hätten damals antisemitische Anfeindungen erlebt, berichtet Michael Fürst. »Wir sind in einer nichtjüdischen Welt groß geworden und konnten frei mit unserem Judentum umgehen.« Auf die Frage von Ursula Rudnick, ob die Mitschüler denn wussten, dass die beiden Juden waren, antwortet er: »Ja, das wusste jeder, wir hatten ja beispielsweise an den jüdischen Feiertagen immer schulfrei.«

Es gab aber auch andere Erfahrungen, sagt Fürst: »Meine erste Frau war als Kind von ihren Eltern aus der Waldorfschule genommen worden, nachdem sie auf der Schulbank ein Hakenkreuz entdeckt hatte. Sie wurde dann nach Frankreich in die Schule gegeben.«

Zweiteilung Die jüdische Gemeinde in Hannover sei »zweigeteilt« gewesen, erinnert sich Michael Fürst, »es gab die ursprünglich deutschen Mitglieder und die polnisch-stämmigen, die nach Bergen-Belsen deportiert worden waren und nach der Befreiung in Hannover blieben«. Man sei eher unter sich geblieben, »die deutschen Juden hatten eine andere Mentalität, sie saßen nicht so sehr auf gepackten Koffern«.

Noch heute habe er zu denjenigen, mit denen er Abitur gemacht habe, guten Kontakt. Wie prägend diese Zeit war, zeigt sich auch wenig später im Zoom-Chat, als sich mitten im Vortrag ein Mann meldet, der mit ihm bis zur Mittleren Reife zur Schule ging. Michael Fürst kann sich sofort an seinen Namen erinnern.

1963 wurde die neue Synagoge in Hannover eingerichtet. »Wir hatten große Veranstaltungen in der Gemeinde, Bälle zu Rosch Haschana zum Beispiel«, erinnert sich Fürst. »Das waren die größten in Hannover, und die dortige Bar war der bekannteste Ort, den man sich vorstellen konnte. Es wurde gesoffen wie sonst was«, fügt er lachend hinzu. »Man hatte überlebt und wollte Freude am Leben haben. So muss man die Feste sehen, die damals gefeiert wurden – die ganze Nachkriegsgeneration hat alles im Übermaß getan«, erklärt er.

Bundeswehr Nach der Bundeswehrzeit entschied sich Fürst auf Anregung eines Freundes zum Jurastudium in Göttingen. 1980 wurde er zum Vorsitzenden des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen gewählt. Rund 400 Juden lebten damals in diesem Bundesland, in dem es zu der Zeit mit Hannover, Braunschweig und Osnabrück nur drei jüdische Gemeinden gab. »Ich war schon immer ein Vereinsmeier«, stellt Fürst fest, die Übernahme eines Amtes sei für ihn nichts Ungewöhnliches gewesen, »meine Motivation war ja außerdem, für meine Töchter das Judentum in Deutschland zu erhalten.«

Für den niedersächsischen Landesverband handelte er 1983 den ersten Staatsvertrag in Deutschland aus. »Davor gab es lediglich Zuweisungen in Höhe von ungefähr 150.000 Mark.«

»Dass wir Juden waren, wusste jeder, wir hatten an jüdischen Feiertagen schulfrei.«

Michael Fürst

Und dann kamen die jüdischen Zuwanderer aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion, für die Fürst in Zusammenarbeit mit der Landesregierung sofort Hilfen wie Sprachkurse organisierte. »Ich wurde mal als einer der größten Networker in Niedersachen bezeichnet«, sagt Fürst, »Networking kann man eben, wenn man das so lange macht.«

Mittlerweile gibt es in Hannover mehr Juden als vor dem Krieg. Drei Gemeinden haben sich in der Landeshauptstadt etabliert, neben der Jüdischen und der Liberalen Jüdischen Gemeinde noch das Jüdisch-bucharisch-sefardische Zentrum. Und auch in Niedersachsen gibt es mittlerweile von C wie Celle bis W wie Wolfsburg eine Vielzahl jüdischer Gemeinden.

Herausforderungen Bleiben denn noch Herausforderungen? Ja, sagt Michael Fürst und nennt einige, betont aber sofort: »Das größte Problem wird die Bekämpfung des Antisemitismus.« Dass Judenhass offen geäußert werde, »hätte ich mir 1980 nicht vorstellen können. Andererseits, wir hätten uns bis vor Kurzem auch nicht vorstellen können, dass das Kapitol in Washington von einem Mob gestürmt werden würde«. Rechtsradikale und verschwörungsideologische Bewegungen wie unter anderem Reichsbürger und QAnon sollten »als Kriminelle vom Staat bekämpft« werden.

Deswegen habe er auch Beschwerde gegen die Entscheidung der Braunschweiger Staatsanwaltschaft eingelegt, die die Ermittlungen gegen einen Funktionär der Partei »Die Rechte« eingestellt hatte. Der Mann hatte am Rande einer Demonstration am Volkstrauertag 2020 Journalisten unter anderem als »Judenpresse« beschimpft. »Wer den Begriff Judenpresse benutzt, gebraucht einen rechtsradikalen Begriff aus der NS-Zeit«, sagt Michael Fürst. Das Wort stehe für die Propagandalüge, nach der Juden die Presse und die Welt beherrschten, diese »unerträglichen Äußerungen« müssten weiterverfolgt werden.

Hat Michael Fürst nicht doch manchmal daran gedacht, auszuwandern? »Nein«, sagt er, »mein Vater ist nicht nach Deutschland zurückgekommen, um wieder wegzugehen.« Michael Fürst bleibt.

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