Wajischlach

Zwischen Angst und Umarmung

Julius Schnorr von Carolsfeld: »Die Begegnung von Jakob und Esau« (digital verbesserte Reproduktion eines kolorierten Holzstichs von 1860) Foto: IMAGO/H. Tschanz-Hofmann

Die Parascha Wajischlach erzählt uns von einem der bewegendsten Augenblicke der Menschheitsgeschichte: dem Wiedersehen zweier Brüder nach Jahrzehnten der Trennung, nach Jahren voller Angst, Schuld und Sehnsucht.

Jakow und Esaw – die beiden Söhne Jizchaks – verkörpern von Beginn an Gegensätze: der eine ruhig, nachdenklich, am häuslichen Zelt sitzend; der andere wild, jagend, ein Mann des Feldes. Und zwischen ihnen stehen der Segen, das Erstgeburtsrecht, der Streit um Anerkennung und Liebe.

20 Jahre sind vergangen, seit Jakow fliehen musste, weil er Esaw um den väterlichen Segen betrogen hatte. Inzwischen ist er selbst Vater geworden, hat geliebt, gelitten, gearbeitet, gekämpft. Nun kehrt er heim – heim ins Land seiner Väter, heim zu seinem Bruder, heim auch zu sich selbst. Doch die Erinnerung an Esaw lässt ihn nicht los. Der Schatten jener Nacht, als alles zerbrach, zieht mit ihm. Die Tora schildert Jakows Angst mit eindringlicher Offenheit: »Da fürchtete sich Jakow sehr, und ihm wurde bang« (1. Buch Mose 32,8).

Er teilt sein Lager, bereitet Geschenke vor, sendet Boten. Er betet. Und dann, in der Nacht vor dem großen Treffen, ringt er mit einem unbekannten Gegner – einem Engel, einem Boten G’ttes, einem Symbol seines inneren Kampfes.

Jakow ringt nicht nur mit einem Engel, sondern mit sich selbst

Jakow ringt nicht nur mit einem Engel, sondern mit sich selbst – mit seiner Vergangenheit, mit Schuld und Angst, mit dem, was er geworden ist. Und als der Morgen dämmert, trägt er eine neue Spur: eine Wunde, ein Hinken, das ihn von nun an begleitet. Diese Wunde ist Zeichen einer Verwandlung. Jakow wird Israel – »der, der mit G’tt gerungen hat«. Aus dem Listigen wird der Gesegnete. Aus dem Flüchtenden wird der Heimkehrende.

Als Esaw sich nähert, mit 400 Mann, hält Jakow den Atem an. Doch was geschieht, übersteigt alles, was er erwartet hatte: »Da lief Esaw ihm entgegen, umarmte ihn, fiel ihm um den Hals, küsste ihn – und sie weinten« (1. Buch Mose 33,4). In diesem Augenblick fallen Waffen und Wut. Zwei Brüder erkennen einander – nicht mehr als Rivalen, sondern als Menschen.

Esaw steht für Edom, das spätere Rom – jene Welt, die Israel verfolgte

Es ist ein Moment der Gnade, in dem Vergangenheit und Zukunft sich berühren. Unsere Rabbinen sahen in dieser Szene ein Bild, das weit über die Familiengeschichte hinausgeht. Esaw, so lehren sie, steht für Edom, das spätere Rom, und in der langen jüdischen Tradition wurde Rom zum Symbol jener Welt, die Israel verfolgte – für das Christentum des Mittelalters, für Macht, für Unterdrückung.

Und dennoch, so schreibt Rabbiner Naftali Zwi Jehuda Berlin (1816–1893): »Auch Jakow, das heißt Israel, konnte die brüderliche Liebe in sich nicht unterdrücken. In jeder Generation, wenn die Söhne Esaws den Kindern Israels mit ehrlichen Absichten begegnen, sind wir rasch bereit, die Leiden und Schmerzen der Vergangenheit zu vergessen und in Esaws Kindern die Brüder und Schwestern zu erkennen.« Diese Worte sind prophetisch. Sie sprechen von einer Haltung, die Mut braucht: die Bereitschaft, Vertrauen wieder zu wagen, ohne die eigene Identität aufzugeben. Denn Vergebung bedeutet nicht, Unrecht zu leugnen. Versöhnung heißt, der Zukunft eine Chance zu geben, ohne die Wahrheit der Vergangenheit zu verdrängen.

Noch bevor die Brüder einander begegnen, sendet Jakow Boten voraus. Seine Worte sind schlicht: »Bei Lawan habe ich mich aufgehalten und bis jetzt verweilt« (1. Buch Mose 32,5).

Unsere Weisen fragen: Warum erwähnt er das? Was soll Esaw mit dieser Information anfangen? Ein moderner Kommentator meint, Jakow wolle sagen: »Ich habe gelernt, mit Andersdenkenden zu leben, ohne mich selbst zu verlieren.«

Lawan hatte andere Werte – doch Jakow blieb seinen eigenen Überzeugungen treu

Bei Lawan, einem Mann, der andere Werte, andere Maßstäbe hatte, blieb Jakow seiner eigenen Überzeugung treu. Er zwang niemanden, sich zu ändern, und auch er selbst blieb aufrecht in seinem Glauben. Damit sendet er eine Botschaft an Esaw – und an die Welt: Frieden beruht nicht auf Gleichheit, sondern auf gegenseitigem Respekt. Wenn wir lernen, nebeneinander zu leben, ohne einander zu beherrschen, dann kann wahrer Frieden entstehen.

Im Laufe der Geschichte wurde das Verhältnis zwischen Jakow und Esaw, zwischen Israel und Edom, zum Sinnbild des Spannungsverhältnisses zwischen Judentum und den Völkern der Welt. Doch die Tora lässt uns mit einer Hoffnung zurück: dass die Begegnung zwischen Jakow und Esaw nicht das Ende, sondern ein Vorgeschmack auf eine künftige Versöhnung ist. Eine Welt, in der sich Brüder und Schwestern wieder in die Augen sehen können, ohne Angst, ohne Hass.

In der Prophezeiung des Owadja heißt es: »Und das Reich wird dem Ewigen gehören« (Owadja 1,21). Nicht einem Volk über dem anderen, sondern einer Menschheit, die Gerechtigkeit, Mitgefühl und Treue erkannt hat.

Auch wir, die wir diese Geschichten am Schabbat lesen, stehen vor der gleichen Herausforderung. Wie gehen wir mit unseren »Esaws« um – mit jenen, die anders denken, anders glauben, anders leben? Wie begegnen wir Menschen, mit denen uns die Geschichte getrennt hat – vielleicht durch Schmerz, durch Misstrauen, durch Vorurteil? Der Weg Jakows ist ein Weg der Vorbereitung, des inneren Ringens, des Gebetes und der Demut. Jakow begegnet Esaw nicht als Sieger, sondern als Bruder. Und genau darin liegt seine Größe.

In einer Welt, die oft laut, polarisiert und misstrauisch ist, ruft uns diese Parascha zu: »Mach dich auf, geh deinem Bruder entgegen!« Nicht aus Schwäche, sondern aus Stärke. Denn wahrer Frieden ist kein Geschenk – er ist ein Werk des Mutes.

Am Freitagabend erinnern uns die Schabbatlichter an diese Begegnung

Wenn wir am Freitagabend die Schabbatlichter entzünden, erinnern uns die Flammen an diese Begegnung zwischen Dunkel und Licht, zwischen Angst und Hoffnung. Jakow und Esaw – zwei Brüder, zwei Wege, zwei Welten – finden für einen Moment zueinander. Und vielleicht liegt in diesem Augenblick ein Vorgeschmack auf die messianische Zeit: wenn kein Volk mehr das andere unterdrückt, wenn jedes Kind G’ttes seinen Platz im Frieden findet.

So lernen wir aus dieser Parascha: Die größte Macht liegt nicht in der List, nicht im Schwert, sondern in der Fähigkeit zu vergeben und neu zu beginnen. Denn »Frieden«, »Schalom«, ist nicht nur ein Gruß – er ist die Verheißung, die der Allmächtige mit uns allen teilt.

Der Autor ist emeritierter Landesrabbiner von Württemberg.

inhalt
Der Wochenabschnitt Wajischlach erzählt davon, wie Jakow sich aufmacht, seinen Bruder Esaw zu treffen. In der Nacht kämpft er am Jabbok mit einem Mann. Dieser ändert Jakows Namen in Jisra-El (»G’ttes Streiter«). Jakow und Esaw treffen zusammen und gehen anschließend wieder getrennte Wege. Später stirbt Rachel nach der schweren Geburt Benjamins und wird in Efrat beigesetzt. Als auch Jizchak stirbt, begraben ihn seine Söhne Jakow und Esaw in Hebron.
1. Buch Mose 32,3 – 36,43

Meinung

Wer definiert das Judentum?

Die Theologische Fakultät der Universität Freiburg im Üechtland verleiht dem messianischen Rabbiner Mark S. Kinzer die Ehrendoktorwürde. Das belastet das jüdische Verhältnis zu einem katholischen Partner

von Zsolt Balkanyi-Guery  12.05.2026

Israel

In Deboras Fußstapfen

Seit 2018 versuchen Frauen, an den Halacha-Prüfungen des Oberrabbinats teilzunehmen. Nun ist es ihnen gelungen

von Sophie Goldblum  08.05.2026

Talmudisches

Die Zahl 80

Was unsere Weisen über die wahre Stärke im Alter lehren

von Avi Frenkel  07.05.2026

Redaktion

Die Menschen hinter der Jüdischen Allgemeinen

Wer textet und redigiert, gestaltet, illustriert und organisiert heute die Jüdische Allgemeine? 18 Menschen, neun Ressorts – wir stellen uns vor

 07.05.2026

Essay

Brandbeschleuniger Hass auf Israel: Der Gesetzgeber darf nicht länger wegschauen

Wer auf unseren Straßen »Tod Israel« ruft, kann bislang in der Regel ohne strafrechtliche Konsequenzen bleiben. Das zermürbt die Demokratie

von Volker Beck  07.05.2026

Medien

Worte wiegen schwer

Was dürfen Journalisten? Auch Pressekodex und Gesetz kennen Grenzfälle. In der jüdischen Ethik wirft der Chafetz Chaim einen interessanten Blick auf die Frage, was an die Öffentlichkeit gehört

von Mascha Malburg  07.05.2026

Behar–Bechukotaj

Vom Joch befreit

Wie der Ewige seinem Volk die Last der Unterdrückung nimmt

von Rabbiner Avraham Radbil  07.05.2026

Jubiläum

Starke Stimme

Vor 80 Jahren erschien die erste Ausgabe der Jüdischen Allgemeinen. Mehr denn je braucht es eine präsente und selbstbewusste jüdische Zeitung in Deutschland

von Philipp Peyman Engel  07.05.2026

Interview

Josef Schuster: »Juden und Muslime sind keine Erzfeinde«

Bald startet der Katholikentag in Würzburg. Mit dabei: der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster. Welche Tipps er für Gäste hat - und wie er auf Juden, Christen und Muslime in aufgeheizten Zeiten blickt

von Leticia Witte  06.05.2026