Ringe!

Zu zweit zum Sieg

Gott könnte uns in einem Ringkampf locker aufs Kreuz legen. Aber so wirkt Er nicht. Foto: imago

Du kannst mit Gott ringen. Du kannst dich sogar mit Gott streiten. In jeder ernsthaften Beziehung gibt es Zeiten, in denen man zu kämpfen hat. Gott hat ganz und gar nichts gegen einen guten Streit. Abraham ist der Erste, der sich mit Gott gestritten hat. Die Einwohner von Sodom und Gomorrha, die Abrahams Schwager Lot die Gastfreundschaft verweigerten, als er sein Zelt in der Nähe ihrer Städte aufschlug, werden als »sehr böse und sündig« bezeichnet.

Doch als Gott Abraham seinen Entschluss kundgibt, Sodom zu zerstören, streitet sich Abraham heftig und beredt mit Gott: »Willst du gar den Gerechten mit dem Frevler hinraffen? Vielleicht gibt es 50 Gerechte in der Stadt, wolltest du gar hinraffen und dem Ort nicht vergeben um dieser 50 Gerechten willen, die darin sind? Schmach sei es dir, solches zu tun, den Gerechten zu töten mit dem Frevler, dass der Gerechte gleich dem Frevler wäre. Schmach sei das dir! Sollte der Richter aller Erde nicht Recht üben?«

Gerechtigkeit Das ist atemberaubend. Die Herausforderung liegt in der kühnen Behauptung, dass sogar Gott den moralischen Regeln unterworfen ist, die für die Menschen erstellt wurden. Ein Kommentator vermutet, dies sei weniger eine Frage als vielmehr eine Forderung: Übe nicht strenge Gerechtigkeit an diesen Menschen! Du, Herr, weißt, wie schwach die menschliche Natur ist. Du weißt, wie schwer es ist, in Sodom ein guter Mensch zu sein. Behandele sie nachsichtiger, als es die strikte Gerechtigkeit erfordern würde (Meshech chochma).

Gott lässt sich darauf ein und stimmt Abraham zu: »Wenn ich zu Sodom 50 Gerechte in der Stadt finde, will ich dem ganzen Ort vergeben um ihretwillen.«

Abraham treibt die moralische Frage noch weiter: »Sieh, ich habe mich nun unterfangen, zu meinem Herrn zu reden, ob ich nur Staub auch bin und Asche! Vielleicht fehlen an diesen 50 Gerechten fünf – wolltest du um der fünf willen die ganze Stadt verderben?« Wieder ist Gott einverstanden: Keine Zerstörung, wenn es 45 Gerechte in der Stadt gibt. Und was, wenn es nur 40 gibt?, fragt Abraham. Gott ist einverstanden. 30? Ja. 20? Okay. Abraham bedrängt ihn weiter: »Möge es doch den Herrn nicht verdrießen! Nur noch diesmal will ich reden! Vielleicht finden sich daselbst zehn!« Und Gott antwortet: »Ich werde nicht verderben, um der zehn willen.«

Am Ende gab es keine zehn Unschuldigen in Sodom und Gomorrha, und die Städte wurden vernichtet. Aber das Schauspiel eines Mannes, der so leidenschaftlich mit Gott streitet, wurde zur theologischen Grundlage für die Verpflichtung zu sozialer Gerechtigkeit und zum Vorbild für eine andere Beziehung zwischen Gott und Gottes Partnern in der Welt.

Jakob Zwar ein biblischer Held, ist Jakob doch auch ein moralisch fehlbarer Mensch. Von seiner Mutter ermuntert, betrügt er seinen älteren Bruder um dessen Geburtsrecht und bringt mit einem Trick seinen Vater Isaak dazu, ihm statt, wie eigentlich beabsichtigt, Esau seinen Segen zu geben. Um die Dinge noch etwas komplizierter zu machen, wird Esau als kräftiger, roher Jägersbursche dargestellt, wohingegen Jakob eindeutig ein Milchbubi und Mamas Liebling ist.

Stelle dir nun das Schauspiel vor, als Jakob 20 Jahre später unmittelbar vor der Begegnung mit seinem Bruder steht. Er teilt sein Lager in zwei Gruppen, weil er glaubt, dass so eine Gruppe den bevorstehenden Angriff überleben könnte. Er betet zu Gott um Erlösung. Er schickt Geschenke voraus als Friedensangebot. Eine Nacht vor der Begegnung schickt er seine Familie voraus über den Fluss Jabbok und bleibt allein zurück, schlaflos, ruhelos und voller Sorge.

Plötzlich befindet er sich in einem Kampf: Da rang ein Mann mit ihm, bis die Morgendämmerung sich hob. Als er sah, dass er (der Mann) ihm (Jakob) nicht beikommen konnte, fasste er an seinen Schenkelknauf; da zerrte sich der Schenkelknauf Jaakobs, als er mit ihm rang. Wer war dieses mysteriöse Wesen? Ein Mann? Ein Engel? Der Geist Esaus? Esau selbst? Ein böser Flussgeist? Gott?

Kämpfen Die Antwort könnte in dem zu finden sein, was dann geschieht: Und er (der Mann) sprach: »Lass mich ziehen, denn die Morgendämmerung hat sich gehoben.« Er (Jakob) aber sprach: »Ich lasse dich nicht ziehen, du segnetest mich denn.« Da sprach er zu ihm: »Wie ist dein Name?« Und er sprach: »Jaakob«. Da sprach er: »Nicht Jaakob soll fortan dein Name heißen, sondern Jisraël (Gott kämpft), denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast gesiegt.«

Die Namensänderung ist Anzeichen einer Wesensänderung in Jakob, jetzt Israel – »der mit Gott kämpft«. Gleich, ob die Auseinandersetzung nun mit Dämonen, seinem Gewissen oder seinem Gott stattgefunden hat, sie hat Israel für immer verändert. Er macht sich immer noch Sorgen wegen der bevorstehenden Begegnung mit seinem Bruder Esau, aber sie geht glücklich aus. Im Text heißt es wörtlich: »Da lief Esaw ihm entgegen, umarmte ihn und fiel ihm um den Hals und küsste ihn; und sie weinten.«

Das Ringen mit Gott spiegelt die rabbinische Auffassung, wonach jeder Mensch ständig zwei entgegengesetzte Neigungen gegeneinander abwägen muss, den Jezer Hara, die Neigung zum Bösen, und den Jezer Hatov, die Neigung zum Guten. In Jakobs Ringkampf geht es um den Kampf zwischen seiner menschlichen Neigung, vor schwierigen Situationen davonzulaufen, und dem göttlichen Funken in seinem Inneren, der ihn dazu bringt, das Richtige zu tun.

Er überschreitet den Fluss als ein verwandelter Mensch, er lässt seine Identität als Jakob – der Betrüger, der Lügner und der Schwindler – zurück und geht als Israel daraus hervor, derjenige, der sich Gott und den Menschen stellt. Aber der Kampf hat natürlich seinen Preis; Israel ist verletzt, körperlich und seelisch, und fortan hinkt er. Dennoch schildert die Bibel später, dass er in der Stadt Schechem als Schalem ankam – als ein Ganzer. Schalem ist eine Variante des Wortes Schalom.

Adam und Eva In seinem Buch A Time to Mourn, A Time to Comfort: A Guide to Jewish Bereavement and Comfort beobachtet Rabbi Jack Reimer die besondere Widerstandsfähigkeit von Menschen, die mit Gott gerungen haben: Das wahre Wunder von Adam und Eva ist, dass sie auf einen Schlag zwei Kinder verloren haben – Kain und Abel – und es dann in der Bibel heißt: »Und Adam liebte seine Frau wieder.«

Das lehrt uns, dass wir, wenn wir einen Verlust erleiden, eines Tages wieder aufstehen und von vorne beginnen. Andernfalls würden wir alle entweder von einem Mörder oder seinem Opfer abstammen. Adam und Eva lehren uns zu lieben, zu verlieren und aufs Neue zu lieben.

Noah steigt aus der Arche und betrinkt sich. Ich habe nie verstanden, warum er das macht, bis ich mit einem Überlebenden des Holocaust gesprochen habe. Er sagte: »Ich verstehe Noah. Ich habe es genauso gemacht. Ich kam nach Hause, und alles war weg. Alle Häuser, alle Freunde, alle Verwandten. Auch ich habe mich sinnlos dem Alkohol ergeben, weil ich nicht mehr leben wollte. Irgendwann bin ich dann wieder aufgewacht, aber ich kann verstehen, was Noah getan hat.«

Wunden Aaron verliert zwei Kinder am Tag seiner Einsetzung. Moses versucht, ihn mit einem religiösen Klischee zu trösten, und Aaron schaut ihn einfach nur an. Die Bibel – die mit Worten nicht verschwenderisch umgeht – deutet an, dass Aaron schwieg. Er hätte Gott lästern können, aber er tat es nicht. Er hätte weitermachen können, als sei nichts geschehen, aber Gott ist nicht so bedürftig, dass er Lobpreis von Menschen braucht, die es nicht ernst meinen. Stattdessen zog sich Aaron zurück, er pflegte seine Wunden, und als er bereit und in der Lage war, sein Amt wieder zu übernehmen, tat er es.

Als Hiob sieben Kinder verloren hatte, gab ihm Gott den Mut und die Kraft zu der Bereitschaft, noch einmal alles zu riskieren und erneut Kinder zu haben.

Das jüngste Beispiel dieser Fähigkeit, sich von einem Verlust wieder zu erholen, findet sich in der modernen jüdischen Ge‐
schichte. Von 1945 bis 1948 lebten Juden, die den Zweiten Weltkrieg überlebt hatten, in einem »Vertriebenenlager«, wie es korrekt heißt. Sie konnten nicht wieder nach Polen zurück – es war kontaminiert. Sie konnten nicht nach Palästina, die Tore waren verriegelt. Sie konnten nicht nach Amerika.

Drei Jahre lang waren sie in Vertriebenenlagern zusammengepfercht. In diesen drei Jahren fanden diese gebrochenen Menschen – Versehrte, Witwen, Witwer und Trauernde – zueinander, heirateten und brachten Kinder zur Welt.

In diesen drei Jahren wurden mehr Kinder geboren als zu allen anderen Zeiten, für die uns demografische Angaben zur jüdischen Bevölkerung vorliegen. Heute sagen viele Menschen, sie hegen Zweifel, ob sie Kinder in diese Welt setzen sollen. Hätten unsere Eltern gewartet, bis die Zeiten gut sind, um Kinder in die Welt zu setzen, dann wäre unsere jüdische Gemeinde heute deutlich kleiner.

Sie haben geliebt und verloren und von Neuem etwas riskiert – genau wie Hiob. Es gibt keine theologische Rechtfertigung für das Böse oder das Leid – nur eine Antwort darauf. Die Antwort, die wir von Adam, Aaron, Hiob und den Überlebenden des Holocaust lernen können, lautet: Versuche es noch einmal.

Herausforderung Vielleicht ringst du mit den unvermeidlichen Herausforderungen in deinem Leben. Vielleicht wurdest du in einer Beziehung misshandelt und ringst damit. Vielleicht steckst du in einer belastenden finanziellen Situation und ringst damit. Vielleicht bist du oder ein lieber Mensch krank, und du ringst damit.

Vielleicht kämpfst du mit einer Sucht und ringst damit. Vielleicht steckt deine Ehe in der Krise, und du ringst damit. Vielleicht machst du dir Sorgen um deine Kinder und ringst damit. Vielleicht fragst du dich, wie du für deine alten Eltern sorgen sollst und ringst damit. Zweifellos gibt es viele Momente im Leben, in denen wir ringen. Die Frage ist: Vertraust du darauf, dass Gott mitten in diesem Kampf bei dir ist und dich zu einem Leben voller Segnungen führt?

Gott könnte dich in einem Ringkampf locker aufs Kreuz legen. Aber so wirkt Gott nicht. Gott nimmt dein Ringen an und steht dir bei, Hand in Hand. Es bleibt die Frage: Kannst du aus dem Kampf hervorgehen wie Jakob/Israel, verwandelt zum Besseren, auch wenn du hinkst?

Ron Wolfson stammt aus Omaha/USA, und ist eine der bekanntestesten jüdischen Stimmen der USA. Er lehrt als Professor für Pädagogik an der American Jewish University Los Angeles. Wolfson ist Bestsellerautor zahlreicher Bücher zu verschiedenen Themen des jüdischen Lebens (»The Shabbat Seder« u.a.). Der Crotona Verlag hat zwei davon (»Der Himmel sucht Mitarbeiter« und »Sieben Fragen, die auch im Himmel gestellt werden«) in deutscher Übersetzung veröffentlicht.

Nachdruck aus »Der Himmel sucht Mitarbeiter – Gottes Aufgaben‐Liste für seine irdischen Helfer«, Crotona, Amerang 2011, 175 S., 15,95 €

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