Omerzeit

Zählen und segnen

»Ihr sollt die erste Garbe eurer Ernte zu dem Priester bringen«, heißt es in der Tora. Foto: Thinkstock

Woher kommt der Brauch des Omerzählens zwischen Pessach und Schawuot? Im Tempel in Jerusalem brachte das jüdische Volk am zweiten Tag von Pessach Gerste als Opfer dar. Im 3. Buch Mose 23, 9–11 steht: »Und der Herr redete mit Mose und sprach: ›Sage den Kindern Israel und sprich zu ihnen: Wenn ihr in das Land kommt, das Ich euch geben werde, und es aberntet, so sollt ihr die erste Garbe eurer Ernte zu dem Priester bringen. Der soll die Garbe als Schwingopfer schwingen vor dem Herrn, dass sie euch wohlgefällig mache.‹«

Von der lebenspraktischen Seite her betrachtet signalisierte das »Omer« (wörtlich »Garbe«), das Schwingopfer, dass es jetzt gestattet war, das kurz davor geerntete Getreide zu verzehren. Die Tora sagt, dass es ab dem zweiten Tag von Pessach eine Mizwa ist, jeden Tag »das Omer zu zählen«. In der Diaspora beginnt das Omerzählen am zweiten Sederabend, dem 16. Nissan (in diesem Jahr war es also am Abend des 11. April).

garbe Die Zählung endet an Schawuot: »Danach sollt ihr zählen vom Tage nach dem Schabbat, da ihr die Garbe als Schwingopfer darbrachtet, sieben volle Wochen. Bis zu dem Tage nach dem siebenten Schabbat, nämlich 50 Tage, sollt ihr zählen und dann dem Herrn ein neues Speiseopfer opfern« (3. Buch Mose 23, 15–16).

In Vorbereitung auf das Wochenfest ist die Zeitspanne von sieben Wochen wichtig für Wachstum und Selbstprüfung. Schawuot ist der Tag, an dem das jüdische Volk am Berg Sinai stand, um die Tora in Empfang zu nehmen. Mit Fug und Recht fordert dieses Fest eine siebenwöchige Vorbereitungszeit. Die Kommentatoren sagen, dass wir nur deshalb aus Ägypten befreit wurden, um die Tora in Empfang zu nehmen und sie zu erfüllen. Deshalb wurde uns auferlegt, ab dem Pessachfest zu zählen bis zu dem Tag, an dem uns die Tora gegeben wurde – um zu zeigen, wie sehr wir die Tora herbeisehnen.

Das Omer wird jeden Abend nach Einbruch der Dunkelheit (etwa 30 Minuten nach Sonnenuntergang) gezählt, das heißt, zu Beginn des jüdischen Tages. In der Synagoge wird abends gegen Ende des Maariv-Gottesdienstes gezählt. Wenn jemand vergisst, das Omer abends zu zählen, kann er die Omerzählung am folgenden Tag nachholen – dann aber ohne Segen (Bracha). Um richtig »Omer zu zählen«, muss man sowohl die Anzahl der Tage als auch die der Wochen sprechen. Vom ersten zum sechsten Tag erwähnen wir nur die Anzahl der Tage. Zum Beispiel: »Heute sind es vier Tage des Omer.«

wochen An den Tagen, die jeweils eine Woche abschließen – also am siebenten, 14., 21., 28., 35., 42. und 49. Tag –, sprechen wir wie folgt: »Heute sind es 21 Tage, das heißt drei Wochen des Omer.« An allen anderen Tagen sagen wir (zum Beispiel): »Heute sind es 33 Tage, das heißt vier Wochen und fünf Tage des Omer.« Da der Segen jeweils vor dem Zählen gesprochen werden muss, darf die Zahl für diesen Abend nicht vorher ausgesprochen werden.

Vor dem Zählen stehen wir und sprechen den Segen auf Hebräisch: »Baruch Ata Adonaj, Eloheinu Melech Haolam, Ascher Kidschanu Bemizvotaw Weziwanu Alsefirat Haomer.« Auf Deutsch: »Gesegnet bist Du, Herr, König des Universums, der uns mit Seinen Geboten geheiligt und uns die Zählung des Omer befohlen hat.«

Das Omer kann nur dann mit Segen gezählt werden, wenn die beiden folgenden Bedingungen erfüllt sind: Erstens muss die Omerzählung am Abend stattfinden, und zweitens darf das Zählen an keinem vorherigen Tag vergessen worden sein. Wenn jemand also an einem Tag komplett vergisst, das Omer zu zählen, und es fällt ihm erst am folgenden Abend wieder ein, dann fährt er an den darauffolgenden Tagen fort mit der Zählung, aber ohne Segen.

Warum? Weil die Tora über das Omer schreibt: »Danach sollt ihr zählen ... sieben volle Wochen.« Nach Ansicht vieler maßgeblicher Quellen können diese sieben Wochen aber nicht als »voll« angesehen werden, wenn man nicht jeden Tag gezählt hat.

studenten Doch in die Zeit nach Pessach fällt auch ein anderer Brauch. Der Talmud berichtet, dass Rabbi Akiwa 24.000 Studenten hatte, die in der Omerzeit auf tragische Weise umkamen, weil sie einander nicht mit genügend Respekt behandelten. Daher sind die 33 Tage von Pessach bis Lag BaOmer eine Zeit der Trauer: Wir feiern keine Hochzeiten und hören keine Instrumentalmusik (Gesang ist zulässig).

Wir schneiden uns auch nicht die Haare und rasieren uns nur in Ausnahmefällen. Da Rabbi Akiwas Studenten einen Mangel an Achtung voreinander zeigten, suchen wir in der Zeit des Omer gute Beziehungen mit unserer Familie, Freunden und Bekannten, sodass wir für die Fehler der Vergangenheit Tikkun (spirituelle Verbesserung) üben können.

Am 33. Tag der Omerzeit, Lag BaOmer (die hebräischen Buchstaben Lamed und Gimmel, »Lag«, haben den numerischen Wert von 33), kam das Sterben der Studenten Rabbi Akiwas zum Stillstand. Deshalb sind an diesem Tag der Omerzeit, dem 18. Ijar, Hochzeiten erlaubt. Am 50. Tag der Omerzählung, an Schawuot, sind auch die sieben Wochen der Trauerzeit beendet.

Übersetzung und Abdruck mit freundlicher Genehmigung von www.aish.com

Warschau

Absage an Antisemitismus: Polnische Bischöfe besuchen Synagogen

Vor 40 Jahren umarmte Papst Johannes Paul II. in Roms Hauptsynagoge den dortigen Oberrabbiner. In Polen erinnern nun Bischöfe an diesen Meilenstein in den katholisch-jüdischen Beziehungen. Es gibt aber auch Misstöne

von Oliver Hinz  14.04.2026

Video

Pessach verstehen: Bedeutung, Bräuche und Traditionen

Rabbiner Dovid Gernetz erläutert die religiöse und historische Bedeutung von Pessach

von Jan Feldmann  01.04.2026

Chol HaMoed

Warum der Esel?

Das Grautier steht in der biblischen Geschichte für die Kraft, die den Menschen an seine niederen körperlichen Bedürfnisse bindet

von Vyacheslav Dobrovych  01.04.2026

Schemini

Fremdes Feuer

Wer mehr tut als geboten, läuft Gefahr, dass Frömmigkeit zur Selbstdarstellung wird

von Rabbiner Bryan Weisz  01.04.2026

Meinung

Hauptsache, Israel steht am Pranger!

Palmsonntag in Jerusalem und auf Social Media: Ein Rückblick

von Wolf J. Reuter  01.04.2026

Mascha Malburg

Jerusalem ist allen heilig

Regelmäßig knirscht es vor Ostern zwischen Christen und den israelischen Behörden. Unsere Redakteurin wünscht sich nach dem neuesten Vorfall an der Grabeskirche mehr gegenseitiges Verständnis

von Mascha Malburg  31.03.2026

Psychologie

Mizrajim ist wie die Enge in der Brust

Aus chassidischer Sicht geht es an Pessach nicht darum, der Bitterkeit schnellstmöglich zu entfliehen. Wir müssen sie durchleben

von Rabbiner David Kraus  31.03.2026

Exodus

Türen öffnen, Freiheiten erobern

Der Auszug aus Ägypten ist ein Appell, den Mut zu haben, uns der Welt zuzuwenden – auch wenn sie noch so bedrohlich erscheint

von Shoshana Ruerup  31.03.2026

Essay

Das fünfte Glas

Beim Seder füllen wir voller Hoffnung einen Becher Wein für Elijahu – doch er bleibt unberührt. Es ist eine Geduldsprobe, ein ritualisiertes Sehnen. Wir wissen: Seine Zeit wird kommen

von Rabbiner Noam Hertig  31.03.2026