Mischpatim

Weil wir Sklaven waren

Der Leitsatz, den Fremden nicht zu unterdrücken, ist als moralischer Leitsatz zu verstehen, empathisch zu sein. Foto: Getty Images/iStockphoto

Vergangene Woche haben wir in unserer Parascha gelesen, wie das jüdische Volk am Fuße des Berges Sinai seinem Schöpfer gegenübersteht. Es ist ein überwältigender Augenblick. Die Israeliten versprechen: »Alles, was der Ewige gesagt hat, werden wir tun.« Das Ganze wird begleitet von Donner, Schall, Posaunenklang, Rauch und Blitzen. Und das Volk nimmt die Zehn Gebote an. Ein dramatischer Augenblick.

Die meisten, die dort standen, erinnerten sich später wahrscheinlich mehr an die Effekte als an den Inhalt der Gebote, die sie so schnell und unbedacht annahmen.

Der Toraabschnitt für diese Woche, Mischpatim, schildert das Erwachen am nächsten Tag. Dem Volk wird allmählich klar, dass die große Party nicht nur aus Effekten bestand, sondern dass ein wesentlicher Teil des Bundes mit dem Ewigen darin besteht, sich an Gesetze und Normen zu halten sowie Pflichten zu erfüllen.

Der Umfang dieser Verpflichtung wird deutlich, wenn man den Wochenabschnitt als Ganzes betrachtet: Es geht um Sklaverei, Eigentumsverhältnisse, moralisches Verhalten und die Ausübung des Tempelkults. Abschließend bestätigt der Ewige den Israeliten nochmals den Bund, den er mit ihnen geschlossen hat.

pflicht Zwischen all den Geboten und Verboten, denen wir im heutigen Wochenabschnitt begegnen, steht ein sehr wichtiger Satz: Er verpflichtet uns, einen Fremden zu beschützen.

»Und einen Fremdling sollst du nicht kränken und nicht bedrücken, denn Fremdlinge wart ihr im Land Mizraim«, heißt es da.

Diese Aufforderung wird in der Tora 36-mal wiederholt. Immer wieder werden die Israeliten daran erinnert, dass sie selbst Fremde waren und sich deshalb Fremden gegenüber entsprechend verhalten sollen.

Das Konzept des Fremden ist uns bereits aus dem 1. Buch Mose bekannt. Dort lesen wir davon, dass der Ewige Awraham segnet. Dem folgt die Prophezeiung, das Volk werde in der Fremde leben und 400 Jahre lang versklavt sein, aber dann werde es erlöst, und die Ägypter würden bestraft.

Die Identität eines Fremden und das Fremdsein wird den Israeliten durch die Erfahrung in der ägyptischen Sklaverei deutlich. Das Volk kann den Wert der Freiheit nur dann erkennen, wenn es selbst erlebt hat, wie es ist, fremd und versklavt zu sein. Diese Erfahrung ist Teil des göttlichen Plans, der bereits vorbestimmt war, als der Ewige seinen Bund mit Awraham schloss.

Die Erfahrung in Ägypten prägt das jüdische Volk und sein Bewusstsein.

Die Erfahrung, fremd zu sein und in der Fremde zu leben, prägt das jüdische Volk und sein Bewusstsein auf lange Zeit. Es sind nicht nur die 400 Jahre in Ägypten, sondern auch das Exil in Babylon und die spätere Zerstreuung weltweit, die fast 2000 Jahre anhielt. Sie bestimmt den Habitus des jüdischen Volkes. Das Leben in der Fremde hat Generationen von Juden die Hoffnung auf eine bessere Zukunft gegeben und bietet uns bis heute einen moralischen Kompass. So oft sagen wir: »Wir waren Fremde im Land Ägypten.« Dieser Satz soll uns dazu antreiben, uns gegenüber anderen, Fremden, Verfolgten solidarisch zu verhalten. Doch gerade das fällt uns immer wieder schwer.

Die Bibelwissenschaftlerin Nechama Leibowitz (1905–1997) bemerkte sehr treffend, die Erinnerung an frühere Versklavung sei keine Garantie dafür, dass die gestrigen Sklaven eines Tages nicht selbst zu Unterdrückern werden und anderen Leid zufügen. Nach Leibowitz’ Ansicht steht die Geschichte im Widerspruch zu dem, was die Tora uns vorgibt.

Doch vielleicht müssen wir den Befehl, den Fremden nicht zu unterdrücken, auch anders verstehen: als moralischen Leitsatz, empathisch zu sein. Ja, vielleicht ist gerade die Empathie das zentrale Thema unseres Wochenabschnitts.

ängste Es ist nicht leicht, mit diesen Konzepten zu leben, doch unmöglich ist es nicht. Vielleicht sollten wir jedes Jahr an Jom Kippur an die Paraschat Mischpatim denken und an all jene, die wir als fremd empfinden, als nicht dazugehörig, und die wir deshalb gern weit von uns entfernt sähen.

Man kann Mischpatim starr und fest als einen Wochenabschnitt betrachten, der uns klare Vorgaben in Form von Geboten und Gesetzen übermittelt. Aber es gibt auch einen anderen Blickwinkel, der viel komplexer und für uns durchaus unangenehm ist – denn er berührt unser Innerstes und unsere Furcht. Er triggert unsere Ängste und zwingt uns zur Auseinandersetzung mit ihnen, obwohl wir das Problem doch lieber ignorieren oder uns auch einmal von unserer dunklen Seite zeigen würden.

Doch trotz – und wegen! – unserer Erfahrung sollten wir es besser wissen, was es heißt, aus der Gesellschaft ausgeschlossen zu sein. Deshalb mahnen uns unsere Propheten bis heute, Menschen zu bleiben.

Der Autor ist Mitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK).

inhalt
Der Wochenabschnitt Mischpatim wird auch als Buch des Bundes bezeichnet. Hier geht es um Gesetze, die das Zusammenleben regeln. Der zweite Teil besteht aus Regelungen zur Körperverletzung, daran schließen sich Gesetze zum Eigentum an. Den Abschluss der Parascha bildet die Bestätigung des Bundes. Am Ende steigen Mosche, Aharon, Nadav, Avihu und die 70 Ältesten Israels auf den Berg, um den Ewigen zu sehen.
2. Buch Mose 21,1 – 24,18

Andreas Nachama

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