Lehre

Weglaufen hilft nicht

Gedenken in Halle Foto: dpa

Nach der Attacke auf die Synagoge in Halle am Jom Kippur, als die Mitglieder meiner Gemeinde nur durch ein Wunder vor einer Tragödie gerettet wurden, haben wir das Laubhüttenfest gefeiert. Sukkot steht für Freude und Fröhlichkeit und wird »Zman Simchatejnu« – die Zeit unserer Freude – genannt.

Obwohl nach dem Schock der Attacke und dem immensen Medienandrang keine Normalität möglich war, konnte sich meine Gemeinde irgendwie doch auf die Feiertage konzentrieren: Wir saßen in der Sukka, die vier Arten (Arba Minim) wurden geschüttelt, es fanden zahlreiche Aktivitäten für Kinder, Studenten und Senioren in der Synagoge statt. Doch auch wenn die Mitglieder scheinbar furchtlos wirkten (das Gebäude wird jetzt ja schwer bewacht), konnte das Ereignis nicht vorbeigehen, ohne Spuren zu hinterlassen.

Bei den festlichen Mahlzeiten nach dem Gebet kamen die Gespräche immer wieder auf die Frage der Sicherheit der Synagoge und des Gemeindezentrums. Auch während der letzten Feiertage herrschte unter den Betern überwiegend gute Stimmung: An Simchat Tora wurde getanzt, LeChaim getrunken und Bonbons verteilt.

Routine Doch jetzt, wo die Feiertage vorbei sind und wieder Routine einkehrt, ist es an der Zeit, sich doch Gedanken über die Zukunft des jüdischen Lebens zu machen. Wird die Sicherheitslage besser? Wird der Kampf gegen Antisemitismus in Deutschland Erfolg haben? Müssen wir uns Gedanken um das Auswandern machen? Hat das jüdische Leben in diesem Land eine Zukunft?

Diese Fragen stellen sich nicht nur die Juden in Halle, sondern überall in Deutschland. Natürlich wurde dazu schon viel geschrieben, viel gesprochen und viel diskutiert. Jedoch ist eine seriöse Analyse aus rabbinischer Sicht bisher kaum zu finden. Mit den Gedanken zu den oben gestellten Fragen möchte ich diese Lücke schließen.

Der Angriff in Halle war nicht der erste Angriff gegen Juden in der Nachkriegszeit in Deutschland, jedoch der schwerste in Ausmaß und möglichen Folgen. Erinnern wir uns an einen Satz aus der Pessach-Haggada: »Nicht nur einer (Feind) stand gegen uns auf, sondern in jeder Generation stehen sie (Feinde) gegen uns auf, uns zu zerstören …«

Wenn wir beim PessachSeder diesen Satz lesen, denken wir meist an die Vergangenheit. An die Vertreibungen durch Perser und Römer aus unserem Land, an die Kreuzzüge und Pogrome im Mittelalter, und natürlich an den Holocaust. Vielleicht auch an die Feindschaft arabischer Staaten gegenüber dem heutigem Israel.

Und hier, in Deutschland? Hier haben wir uns lange sehr sicher gefühlt. Jedoch sind unsere Weisen eindeutig. In jeder Generation und egal, wo – in Israel, Amerika oder Deutschland: Dort, wo Juden leben, gibt es immer Feinde, die versuchen, uns zu zerstören.

Das ist die schlechte Nachricht: Es wird nicht besser. Deutschland geht es zurzeit nicht gut, die Gesellschaft ist tief gespalten, immer mehr Menschen fühlen sich abgehängt oder radikalisieren sich durch religiöse Fanatiker. So wie der Einzeltäter von Halle kann jeder Unzufriedene oder Fanatiker von hässlichen Gedanken zu Taten übergehen und angreifen. Davor ist niemand nirgendwo geschützt.

Staat Der deutsche Staat versucht erfreulicherweise, dagegen zu kämpfen, jedoch wird es immer Antisemiten und Judenhasser geben, auch gewaltbereite. Doch obwohl dieser Kampf seitens der Regierung einigen nicht ausreichend erscheint, sollten wir dankbar sein, dass der Staat Juden unterstützt und sich um unsere Sicherheit sorgt. In nicht allzu ferner Vergangenheit haben unsere Vorfahren schmerzlich erfahren, wie es sein kann, wenn der Staat zum Täter wird und die Behörden Juden gezielt verfolgen.

Die Hauptsache ist jedoch, dass wir nicht den Fehler machen, die Hoffnung allein auf Politiker, Behörden und Schutzmaßnahmen zu legen. Denn G’tt führt uns regelmäßig vor Augen, wie die Lage tatsächlich ist.

Ein Beispiel dafür haben wir erlebt, als ein mit einem Messer bewaffneter Mann in eine Berliner Synagoge eindringen wollte. Alle waren erstaunt, als der Angreifer kurz nach seiner Festnahme wieder freigelassen wurde. Denn der Mann tauchte unter und kann jederzeit überall zuschlagen. Man kann dieses Vorgehen der Berliner Justiz skandalös finden, man kann sich darüber aufregen, aber man kann es auch nüchtern betrachten und als klares Zeichen vom Himmel sehen: Juden leben in Deutschland tatsächlich gefährlich.

Wir sind nicht ohne Grund in Deutschland und müssen hier unsere Aufgabe erfüllen.

Was sind die Konsequenzen aus dem Anschlag von Halle? Müssen wir jetzt ernsthaft an Auswanderung denken? Die Tatsache ist, dass wir ohne G’ttes Hilfe nirgendwo absolut sicher sein werden, nicht in Israel, nicht in Amerika, auch nicht irgendwo sonst. Wir sind auf Beistand vom Himmel angewiesen und können ihn, wenn wir es verdienen, auch in Deutschland haben.
Alle, die die legendäre Tür der Synagoge in Halle gesehen haben, können kaum glauben, dass sie hielt. Es ist absolut klar, dass dies ein Wunder vom Himmel war und dass G’tt, nicht die Tür, die Beter gerettet hat.

Im Sefer »HaJom Jom«, das vom siebenten Lubawitscher Rebben Menachem Mendel Schneerson (1902–1994) verfasst wurde, steht, dass ein Mensch sich nicht zufällig an einem bestimmten Ort aufhält. Jeder Mensch ist von G’tt platziert und hat dort eine bestimmte Aufgabe, die er nur an diesem Ort erfüllen kann. Deshalb kann sich ein grundloser Ortswechsel negativ auswirken.

erwählung Wenn wir schon in Deutschland sind, müssen wir auch dafür sorgen, unsere Aufgabe als auserwähltes Volk hier zu erfüllen. Was uns sicher nicht hilft, ist, uns zu verstecken. Die Geschichte lehrt, dass unsere Feinde uns immer finden werden, auch wenn wir Karl, Gustav oder Adolf heißen, auch wenn wir keine Kippa tragen und nicht jüdisch aussehen.

Wir sollen vorsichtig sein, und wir brauchen Polizeischutz und hohe Zäune um unsere Gemeinden und Synagogen, jedoch sollten wir uns auf unser jüdisches Leben konzentrieren. Wir brauchen weiterhin Synagogen, Schulen und Kindergärten, damit wir und unsere Kinder unsere Tradition leben können und unsere g’ttliche Aufgabe in dieser Welt erfüllen.

Die Weisheit des Chassidismus lehrt uns, dass wir nicht gegen die Dunkelheit zu kämpfen brauchen, denn es ist meist aussichtlos. Wir können aber viel Licht in diese Welt bringen, und schon ein wenig davon kann viel Dunkelheit vertreiben.

Solche Ereignisse wie in Halle sollen für uns alle auch ein Weckruf sein. Wir sollten daraus lernen, nicht nur in Bezug auf besseren Schutz für unsere G’tteshäuser. Der Täter von Halle hat für seine Attacke Jom Kippur ausgesucht, weil er wusste, dass Juden dann in der Synagoge sein sollen.

Deshalb müssen wir uns fragen, wie es mit unserem jüdischen Leben aussieht. Und nicht nur an Jom Kippur. Gehen wir oft in die Synagoge? Lernen wir selbst Tora oder besuchen den Unterricht des örtlichen Rabbiners? Erziehen wir unsere Kinder, stolze Juden zu sein oder eher »wie alle«, die ihr Judentum nur gelegentlich in der Gemeinde erleben?

Wenn wir diese Fragen positiv beantworten können, können wir auf Schutz und Wunder von G’tt hoffen, wie es in Halle der Fall war.

Es gab noch etwas bei diesem Angriff, das weitgehend unbemerkt blieb. Der Täter warf auch zwei Molotowcocktails hinter den Zaun um die Synagoge, die nicht explodierten. Einer der beiden fiel in die Sukka vor der Synagoge. Wäre dieser Sprengsatz explodiert, wäre die Laubhütte wohl verbrannt.

Und auch wenn eine verbrannte Sukka angesichts der drohenden Katastrophe sicherlich das geringste Übel wäre, ist die Tatsache, dass die Laubhütte kurz vor Sukkot nicht beschädigt wurde, wohl ein Zeichen des Himmels. Als ob G’tt uns damit sagen würde: »Auch wenn ihr in Gefahr seid, bin Ich mit euch.«

Es ist durchaus möglich, dass die Situation in Deutschland sich verschlimmert, es wird wahrscheinlich weitere Angriffe auf Juden und auf jüdische Einrichtungen geben, es werden wahrscheinlich auch weiterhin jüdische Kinder in nichtjüdischen Schulen bedroht und gemobbt, bis sie nur noch in jüdischen Schulen lernen können.

zukunft Jedoch ist das auch ein Teil des jüdischen Lebens, bis der Maschiach (Erlöser) kommt. Wir leben nicht im Paradies, die Welt ist voller Ungerechtigkeit, Gefahren und Abgründe, und wir müssen uns das klar vor Augen halten.

Doch statt uns ständig Sorgen um alle möglichen Gefahren zu machen und schlaflose Nächte wegen der Zukunft der Juden in Deutschland zu verbringen, müssen wir uns darauf konzentrieren, diese Zukunft selbst zu gestalten. Authentisches tagtägliches Leben mit Gebeten, Lernen und Wohltätigkeit, authentische jüdische Erziehung ist das, was wir selbst in der Hand haben.

Und dann können wir auf die zweite Hälfte des Satzes aus der Pessach-Haggada vertrauen: »Und der Heilige, gesegnet sei Er, rettet uns aus ihrer Hand!«

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinden zu Halle und Dessau und Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD).

Wajera

Kraft der Liebe

Warum das gute Verhältnis zwischen Ehepartnern in der Tora eine große Rolle spielt

von Vyacheslav Dobrovych  15.11.2019

Talmudisches

Die Verdienste eines Kerkermeisters

Von der Wirksamkeit des Gebets

von Yizhak Ahren  15.11.2019

Perspektive

Das Schöne ist kein Selbstzweck

Jahrhundertelang schien sich das Judentum kaum mit Ästhetik beschäftigt zu haben

von Rabbiner Raphael Evers  14.11.2019

Lech Lecha

Zu weit gegangen

Gott wollte, dass die Ägypter die Israeliten unterdrücken – doch weil sie übertrieben, bestrafte er sie

von Mendel Itkin  08.11.2019

Talmudisches

Später Lohn

Von einem Zaddik aus Galiläa und dem Urteil über andere

von Noemi Berger  08.11.2019

Diskussion

»Jesus ist nicht katholisch geworden«

Bei der ersten gemeinsamen Fachtagung der Deutschen Bischofskonferenz und der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland ging es um Grundsätzliches

von Jérôme Lombard  07.11.2019