Teschuwa

Weg zurück

Umkehr: Schleife an der Aller in Niedersachsen Foto: imago

Die Wochenabschnitte Nizawim und Wajelech werden am Schabbat vor Rosch Haschana gelesen. Es geht darin um die beiden wichtigen Themen Teschuwa (Umkehr) und die freie Wahl des Menschen. Nizawim ist der einzige Abschnitt in der Tora, der das Thema Teschuwa ausführlich und vertiefend darstellt.

Der Begriff kommt aus dem Hebräischen. »Schuw« heißt zurückkehren zu einer bestimmten Situation, oder in unserem Sinne: zurückkehren zum Punkt vor der begangenen Sünde.

»Dass Du zurückkehrst zum Ewigen, deinem ewigen G’tt. So wird der Ewige, dein G’tt, zurückführen deine Gefangenen.« Viermal lesen wir den Begriff Teschuwa. »Ihr steht heute alle vor dem Ewigen« (5. Buch Moses 29,9). Diese Worte zu Beginn unseres Wochenabschnitts wenden sich an jeden aus dem Volke Israel. Sie fordern dazu auf, persönlich vor G’tt hinzutreten und Rechenschaft abzulegen.

bedürfnis Das Thema Teschuwa ist schwer zu verstehen und zu erklären. Es entsteht in der Seele des Menschen das Bedürfnis, sich vor G’tt zu bekennen. Dabei ist besonders wichtig, die Sünde auszusprechen und sie nicht zu wiederholen.

Der Elul ist uns als Monat der Erweckung gegeben, um in alle Räume unseres Herzens einzutreten und sie zu durchleuchten. Jeden unserer Schritte müssen wir ernsthaft und tiefgründig bedenken, um Rosch Haschana als Neujahr und als Tag des Gerichts möglichst positiv zu beeinflussen. Die Frage, wer gerecht ist und wer frevelhaft, entscheidet nur G’tt, denn nur Er allein weiß, was in unseren Herzen vorgeht.

Im Abendgebet am Jom Kippur beten wir: »Du kennst die Geheimnisse der Welt, das Verborgenste und Verhüllteste, alles Lebende. Du durchforschst alle Gemächer unseres Inneren und prüfst Herz und Nieren ... Nichts ist vor Dir verborgen und nichts verhüllt gegenüber Deinen Augen.«

Nicht jeder Mensch darf sich als Zaddik bezeichnen, denn es steht geschrieben: »da es unter Menschen keinen Gerechten auf Erden gibt, der nur Gutes tut und nicht sündigt«, und »denn da ist kein Mensch, der nicht sündigte« (1. Könige 8,46).

Frevler Aber ebenso sollte man sich auch nicht als Frevler sehen, denn man könnte aus Enttäuschung über sich selbst davon abge-halten werden, die Welt zu verbessern (Tikkun Olam). Daher ist zu empfehlen, sich als durchschnittlichen Menschen zu betrachten.

Der Talmud erzählt, dass G’tt noch vor der Erschaffung der Welt die Teschuwa schuf (Pessachim 45a), weil Er im Voraus wusste, dass der Mensch sündigen wird und die Umkehr braucht. Die Teschuwa ist eine besondere und übernatürliche Schöpfung G’ttes, die die Möglichkeit eröffnet, in die Vergangenheit zurückzuschauen, um die Gegenwart korrigieren zu können. Daher besitzt die Teschuwa einen höheren Stellenwert als die Schöpfung, und der Mensch kann sie jederzeit finden.

Wer die eine wahre Teschuwa vollbracht hat, der hat damit auch einen sehr hohen Rang erreicht. Nicht umsonst sagen unsere Weisen: »An der Stelle, wo die Menschen ihre Teschuwa erreicht haben, stehen sie, während Zaddikim nicht dort stehen können« (Brachot 34b).

Daher ist es gut, die Vorschriften der Teschuwa gründlich zu studieren, um sie in ihrem wahren Sinn befolgen zu können. Schön drückt dies der Prophet Jesaja aus: »Suchet den Ewigen, da Er sich finden lässt, rufet Ihn an, da Er nahe ist« (Jesaja 55,6).

Der Ewige ist zwischen Rosch Haschana und Jom Kippur unter uns. Deshalb müssen wir diese Zeit nutzen, um umzukehren, mit einer Kraft, die für das ganze kommende Jahr ausreicht. Bei der Umkehr ist Widuji, die Reue, ein wichtiges Prinzip. Demnach sollen wir unsere Sünden ehrlich bekennen, indem wir sie aus tiefstem Herzen und mit Tränen vor G’tt aussprechen.

Im Judentum ist bekannt, dass ein unter Tränen gesprochenes Gebet eine starke Wirkung hat. So haben wir es von Channa, der Mutter des Propheten Samuel, gelernt (1. Buch Samuel 1 und 2). Ein Gebet kann auch leise aus tiefstem Herzen gesagt werden. Mit ehrlich vorgetragenen Äußerungen machen wir die Teschuwa. Dies bedeutet, dass wir G’tt von nun an mit Freude dienen können.

Wille Das zweite, anfangs erwähnte Thema behandelt den freien Willen, das heißt, die dem Menschen eingeräumte Möglichkeit, sich frei zu entscheiden. Gibt es sie wirklich? »Siehe, ich lege dir heute vor das Leben und das Gute, auch den Tod und das Böse« (5. Buch Moses 30,15). Jeder hat die Möglichkeit, frei zu wählen. Aber in welchem Maß darf der Mensch, der ja selbst nur Teil der Natur ist, in der wiederum nur Dinge passieren, die außerhalb seiner Macht liegen, denn nun eigentlich wirklich wählen? Religiöse Juden wissen, dass alles, was mit ihnen geschieht, von G’tt kommt.

Mit der Frage nach dem Ausmaß des freien Willens setzten sich sowohl Fromme als auch der Religion fern stehende Philosophen auseinander. Als Beispiel ließe sich hier der Disput zwischen zwei berühmten orthodoxen Rabbinern des zwölften Jahrhunderts anführen: Rambam und Rabbi Chasdai Karkasch.

Karkasch vertrat eine noch strengere orthodoxe Auffassung als Rambam. Während Rambam betonte, dass der Mensch durchaus die Möglichkeit der freien Wahl habe, verneinte Karkasch dies und behauptete genau das Gegenteil.

Auf ebenso gegensätzliche Positionen treffen wir auch im Kreis der Philosophen. Immanuel Kant (1724-1804) zum Beispiel, ein Atheist, teilte die Sichtweise Rambams. Doch Baruch Spinoza (1632-1677), ebenfalls ein Atheist, schloss sich Rabbi Karkaschs Meinung an und sprach dem Menschen die freie Wahl ab.

Daraus lässt sich schlussfolgern, dass die Auseinandersetzung um den freien Willen nicht nur zwischen Gläubigen und Ungläubigen unterschiedlich geführt wird, sondern praktisch auch in jedem Menschen individuell in dessen tiefstem Bewusstsein abläuft. Somit kann die Diskussion dieser Frage als eine nur allgemeine Form zwischenmenschlicher Auseinandersetzung auf der Suche nach der Wahrheit verstanden werden. Die von jedem Einzelnen gewonnene Erkenntnis und sein daraus resultierendes Verhalten machen letztendlich die Teilung der Menschen in die beiden Lager Gläubige und Nichtgläubige aus.

Der Autor ist Landesrabbiner von Sachsen.

Inhalt
Im Zentrum des Wochenabschnitts Nizawim liegt der Bund des Ewigen mit dem gesamten jüdischen Volk. Diesmal sind ausdrücklich auch diejenigen Israeliten miteinbezogen, die nicht anwesend sind: die künftigen Generationen.
G’tt versichert den Israeliten, dass er sie nicht vergessen wird, doch sollen sie die Mizwot halten.
5. Buch Moses 29,9 – 30,20

Der Wochenabschnitt Wajelech erzählt von Mosches letzten Tagen. Dieser erreicht sein 120. Lebensjahr und bereitet die Israeliten auf seinen baldigen Tod vor. Er verkündet, dass Jehoschua sein Nachfolger sein wird. Die Parascha erwähnt eine weitere Mizwa: In jedem siebten Jahr sollen sich alle Männer, Frauen und Kinder im Tempel in Jeruslaem versammeln, um aus dem Mund des Königs Teile aus der Tora zu hören. Mosche unterrichtet die Ältesten und die Priester von der Wichtigkeit der Toralesung und warnt sie erneut vor Götzendienst.
5. Buch Moses 31,1–30

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