Talmudisches

Freundlich grüßen

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Talmudisches

Freundlich grüßen

Was unsere Weisen über Respekt im Alltag lehren

von Yizhak Ahren  04.12.2025 12:11 Uhr

Von Rabban Jochanan ben Sakai, dem Begründer des Lehrhauses in Jawne in der Zeit der Zerstörung des Tempels durch die Römer, berichtet der Talmud (Berachot 17a), dass ihm niemals jemand mit einem Gruß zuvorgekommen sei – nicht einmal ein Nichtjude auf der Straße. Sein Verhalten hat ein Tannait einer späteren Generation in die Form einer Maxime gebracht.

Eine Mischna in Pirkej Awot (Sprüche der Väter 4,20) lautet: »Rabbi Matja ben Charasch sagte: Grüße jeden Menschen zuerst.« Rabbiner Samson Raphael Hirsch erklärt: »Suche keinen Vorzug darin, dass man dich zuerst grüßen müsse, sondern komme jedem mit deinem Gruß zuvor.«

Ist das Grüßen eine religionsgesetzliche Vorschrift?

Rabbi Matja ben Charaschs Maxime ist zwar klar formuliert, bedarf aber dennoch einer Interpretation. Denn es bleibt die Frage: Haben wir eine religionsgesetzliche Vorschrift vor uns, die jeder zu befolgen hat, oder lediglich eine Empfehlung für Fromme (Middat Chassidut)?

Rabbiner Israel Jakob Widawski, der ein halachisches Buch über das Thema »Grüßen« veröffentlicht hat (Jerusalem 1989), verweist auf die Tatsache, dass der für orthodoxe Juden verbindliche Kodex, Rabbiner Joseph Karos Schulchan Aruch, Rabbi Matja ben Charaschs Satz überhaupt nicht erwähnt. Er zieht daraus den Schluss, dass der Tannait von einer Middat Chassidut gesprochen hat – sonst hätte der Schulchan Aruch die Maxime kodifiziert.

Beachtung verdient die Art und Weise, wie Maimonides Rabbi Matja ben Charaschs Satz in seinem halachischen Werk Mischne Tora referiert. So hat Rabbiner Bernard S. Jacobson die uns interessierende Stelle übersetzt: »Beim Reden schreie der Weise nicht laut wie die Tiere, er spreche nicht zu laut, sondern rede ruhig mit den Menschen … Er grüße jeden zuerst, sodass jeder an ihm Freude hat« (Hilchot Deot 5,7). Es springt ins Auge, dass Maimonides die Weisung der Mischna auf den Weisen beschränkt.

Rabbiner Jehuda Aszod hat die einschränkende Entscheidung von Maimonides wie folgt erklärt: Rabbi Matja ben Charaschs Maxime finden wir in Pirkej Awot, und in diesem Traktat stehen Empfehlungen für fromme Menschen, die nicht für jedermann bestimmt sind (Responsa »Jehuda jaale«, Orach Chajim Nr. 9). Rabbiner Jacobson hat eine ganz andere Interpretation der Worte von Maimonides vorgeschlagen. In einer Fußnote zu seiner Übersetzung schreibt er: »Bei diesen und den nun folgenden Zitaten ist zu beachten, dass sie für alle Menschen gelten. Maimonides will nur sagen, dass ihre Verwirklichung und Betätigung vom ›Weisen‹ ganz besonders angestrebt werden soll.«

Das freundliche Benehmen eines Gelehrten kann zu seiner Beliebtheit beitragen

Ferner bemerkt Rabbiner Jacobson: »In Pirkej Awot wird das freundliche Begrüßen gegenüber jedermann ohne Begründung angegeben. Maimonides will sagen, dass das freundliche Benehmen des Toragelehrten viel zu seiner Beliebtheit beitragen kann.« Maimonides hat auf die soziale Bedeutung eines freundlichen Grußes hingewiesen.

Im Hinblick auf die Praxis ist es wichtig zu wissen, dass die Maxime »Grüße jeden Menschen zuerst« nicht immer und nicht überall gilt. Es sind mehrere Ausnahmen zu beachten. So grüßt man in einem Trauerhaus weder die Hinterbliebenen noch ihre Besucher. Und auch am Trauertag Tischa beAw grüßt man einander nicht. Wer diese Halacha nicht kennt und deshalb wie gewohnt einen Gruß äußert, dem antwortet man in einer gedämpften Form (Schulchan Aruch, Orach Chajim 564,20).

Bemerkenswert ist, dass die Nichtbeantwortung eines Grußes von den Weisen missbilligt wird. Im Talmud heißt es: »Rav Chelbo sagte im Namen Rav Honas: Wenn jemand von seinem Nächsten weiß, dass er ihn zu grüßen pflegt, so komme er diesem mit seinem Gruß zuvor, denn es heißt: ›Suche den Frieden und jage ihm nach‹ (Tehillim 34,15). Wenn er ihm aber seinen Gruß nicht erwidert, so wird er Räuber genannt, denn es heißt: ›Ihr habt abgeweidet den Weinberg, der Raub des Armen ist in euren Häusern‹ (Jeschajahu 3,14)« (Berachot 6b). Raschi bemerkt zum Ausdruck »Raub des Armen«: »Der Raub des Reichen ist doch ebenfalls ein Raub! Hier ist vom Raub des Armen die Rede, dem man nichts nehmen kann als die Erwiderung seines Grußes.«

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