Religiöse Praxis

Weg von dem Bild »Mann mit Hut«: Wenn Frauen Rabbinerinnen werden

»Wir brauchen jede Frau« - Rabbinerin Elisa Klapheck klingt entschlossen, wenn sie das sagt. Denn auch in jüdischen Gemeinden gebe es einen Fachkräftemangel, so dass nicht nur Männer gefragt seien, Rabbiner zu werden. Zwar werden schon seit Jahrzehnten Frauen Rabbinerinnen, nur sind es im Vergleich deutlich weniger. »Also: Ran in die Bima«, sagt Klapheck. Und meint, dass Frauen in den Synagogen das Pult zum Lesen der Thora, die Bima, »erobern« sollten, wenn es die Chance dafür gebe.

Schon vor 30 Jahren hat eine Frau genau dies beherzt getan, und zwar als Pionierin: Am 1. August 1995 war die aus der Schweiz stammende Bea Wyler die erste Rabbinerin in Deutschland nach dem Ende der Schoah.

Die Allgemeine Rabbinerkonferenz (ARK) in Deutschland hat aktuell 44 Mitglieder, darunter 12 Frauen. Klapheck ist Vorsitzende dieses Gremiums, in dem nicht-orthodoxe Rabbiner und Rabbinerinnen organisiert sind. Die ARK vertritt keine bestimmte Richtung des liberalen Judentums. Ihre Mitglieder stammen auch aus der konservativen Strömung (Masorti), die zwischen liberal und orthodox angesiedelt ist.

Schabbat, Hochzeiten, Unterricht

Das Zahlenverhältnis zwischen Männern und Frauen in der ARK spiegele die weltweite Verteilung wider, so Klapheck. In nicht-orthodoxen Strömungen wie liberal, reformiert oder konservativ gebe es weltweit rund 4.500 Rabbiner, von denen 1.300 weiblich seien. Klapheck leitet innerhalb der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt am Main mit seinen knapp 6.500 Mitgliedern den Egalitären Minjan, dem etwa 200 Menschen angehören. Der Minjan ist eine Synagogengemeinschaft von Liberalen, in der Frauen und Männer im Gottesdienst gleichberechtigt Aufgaben übernehmen und aus der Thora lesen.

Bea Wyler ist jetzt 74 und muss dieses Pensum nicht mehr stemmen. Sie lebt seit 2004 wieder in der Schweiz, nahe Zürich, und arbeitet nur noch wenig als Rabbinerin. Rückblickend sagt sie: »Manchmal frage ich mich, woher ich den Mut genommen habe.« Denn es war vor 30 Jahren mitnichten so, dass sie in ihrem Amt überall anerkannt wurde. Der damalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, zum Beispiel wird mit den Worten zitiert, er werde einen von Wyler geleiteten Gottesdienst nicht besuchen.

»Es ist einiges in Gang«

Wyler wirkte in den Zentralratsgemeinden Oldenburg und Braunschweig. In Norddeutschland stellte sie mit anderen Frauen wie den beiden Vorsitzenden und auch zahlreichen Männern das Gemeindeleben auf die Beine. »Es sind heute generell viel mehr Rabbiner aktiv in Deutschland, unter anderem weil auch Rabbiner ausgebildet werden. Das war zu meiner Zeit ja nicht so.« Angesprochen auf die Situation von Rabbinerinnen heute betont Wyler: »Es ist einiges in Gang.« Es sei eigentlich großartig, dass sie die Kolleginnen gar nicht mehr alle kenne - weil es schon so viele seien.

»Ich wollte Rabbiner werden, weil dies für mich die passende Form war, Thora zu leben, zu lernen und zu lehren. Das hat sich bis heute nicht geändert. Altershalber halt heute weniger als noch vor 25 Jahren«, sagt Wyler.

»Vorurteil und Mangel an Vertrautheit«

Warum dieses Amt auch etwas für Frauen ist, musste die weltweit erste Rabbinerin - Regina Jonas aus Berlin - erst ausführlich begründen, bevor sie 1935 nach einem steinigen Weg als Rabbinerin ordiniert wurde. 1924 schrieb sie sich an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums ein. Diese war die erste akademische Einrichtung des liberalen Judentums, und Deutschland war ein Zentrum dieser Strömung vor der Schoah. Die Nazis machten der Hochschule 1942 dann ein Ende.

Elf Jahre nach ihrer Immatrikulation war es so weit: Rabbiner Max Dienemann willigte 1935 in die Ordination ein, mit der Jonas in ihr Amt berufen wurde. Sie überlebte die Schoah nicht und wurde 1944 in Auschwitz ermordet. In ihrer Ausbildung hatte sie die Frage erörtert, ob Frauen Rabbinerinnen sein können - aus Sicht vieler war dies unvereinbar mit der Halacha, dem jüdischen Religionsgesetz. Jonas kam zu dem Schluss, dass »so gut wie nichts Halachisches, aber Vorurteil und ein Mangel an Vertrautheit dagegen stehen, dass Frauen ein rabbinisches Amt bekleiden«, wie es im Jewish Women’s Archive heißt.

Frauen als Vorbilder

90 Jahre nach Jonas‘ Ordination wird ihre damalige Feststellung nicht von allen geteilt. Zwar gibt es auch in der Orthodoxie Frauen, die ordiniert werden, was aber seltener vorkommt als in anderen Strömungen. Die Pionierin in der Orthodoxie ist Sara Hurwitz, die 2009 in den USA die erste Ordination erhielt. Mit Rabbiner Avi Weiss gründete sie die Yeshivat Maharat in New York, das erste orthodoxe Seminar für Frauen.

Auch Hurwitz beruft sich auf die erste Rabbinerin: »Rabbinerin Regina Jonas hat eine Grenze durchbrochen«, schreibt sie in dem Buch »Reginas Erbinnen«. Sie und viele andere Frauen trügen nun »stolz ihre Stärke und ihren Mut weiter« - auch, um als Vorbilder zu dienen.

Mann mit Hut

Selbst in nicht-orthodoxen Gemeinden treffen Rabbinerinnen auf Vorbehalte. »Ich werde fast nie für Hochzeiten angefragt«, sagt Rabbinerin Ulrike Offenberg, die in Gemeinden in Hameln und Stuttgart arbeitet. Auf den Fotos wolle man lieber einen »Mann mit Hut« sehen. »Auch wenn eine Frau vorne in der Synagoge steht, entspricht das oft nicht den Erwartungen.«

Ähnliches hat auch Klapheck beobachtet. Viele wollten das, was sie als »liberox« bezeichnet: eine liberale Person mit orthodoxem Aussehen, eben den »Mann mit Hut«. Die größte Schwierigkeit sei gar nicht mal die Akzeptanz, sondern dass sich nicht viele Frauen entschieden, Rabbinerin zu werden. Immer wieder seien zu wenige Kenntnisse in der jüngeren Generation zu beobachten. Diese tue sich zudem schwer, sich religiös zu positionieren. Und nicht zuletzt akzeptierten viele Frauen ein traditionelles Frauenbild in der Religion - was sie in der Gesellschaft nie täten.

Emanzipation

»Mir war es wichtig, drin zu sein. Ich bin eine, die gerne öffentlich aus der Thora liest, die gerne deutet«, sagt Klapheck über ihre eigene Motivation. »Für mich ist die jüdische Religion etwas Emanzipatorisches: Wir sollen unser von Gott gegebenes Potenzial stärken.« Wobei sie anfangs auch Skrupel gehabt habe, die Tradition zu verändern. Noch gebe es zu wenige Initiativen, um mehr Frauen ins rabbinische Amt zu bringen. Frauen müsse auch klar sein: »Man bekommt oft nur einmal eine Chance, und dann muss man zugreifen.« So wie es Bea Wyler vor 30 Jahren getan hat.

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