Tradition

Was ist Chanukka?

Das Lichterfest beginnt laut Halacha mit dem Anzünden der ersten Kerze. In den folgenden Tagen wird die Zahl jeden Tag um eine Kerze erhöht. Foto: Flash90

»Maj Chanukka – was ist Chanukka«, fragt der Talmud (Schabbat 21b), und in der Diaspora fragen wir heute immer wieder: Wie schreibt man Chanukka, und was bedeutet es? Es gibt Hanukka, Hanukkah, Chanukka und viele andere Kombinationen.

Clevere Menschen antworten oft mit der hebräischen Schreibweise. Chet Nun Wav Kaf Hej. Dies sei die einzig richtige Variante. Und was bedeutet sie? Einige leiten sie von »Einweihung« (Chanukkat HaBait) ab. Andere von dem Satz »Sie ruhten am 25.«. Die Buchstaben Kaf und Hej stehen für 20 und 5, bedeuten also 25.

Glossar-Eintrag
Chanukka

Das acht Tage dauernde, jährliche Fest erinnert an die Wiedereinweihung des Zweiten Tempels in Jerusalem im Jahr 165 v.d.Z.

Eine interessante Variante ist, dass Chanukka nur eine Abkürzung sei für »Acht Kerzen und die Halacha nach dem Haus Hillel«. In hebräischer Umschrift liest man nur die ersten Buchstaben: »Chet (der Buchstabe steht auch für die Zahl 8) Nerot Wehalacha (W – Waw kann auch als U gelesen werden) keBeit Hillel«. Aber es gibt noch eine weitere Variante.

CHINUCH Chanukka könnte die Wortwurzel mit dem Begriff für Erziehung oder Wissensvermittlung teilen: Chinuch. Im Buch der Sprüche heißt es: »Chanoch – Erziehe das Kind nach seiner Weise, auch wenn es alt wird, weicht es nicht davon.«

Chanukka bedeutet dies alles und zur gleichen Zeit. Es beginnt am 25. Kislew, wir zünden die Kerzen, wie es das Haus Hillels tat, und wir gedenken der Wiedereinweihung des Ersten Tempels in Jerusalem.
In diesem Zusammenhang überlesen wir schnell ein Detail, das uns zur »erzieherischen« Botschaft des Festes führt.

Denn es wird nicht die »Einweihung« des Tempels gefeiert, sondern die Wiedereinweihung. Einen Gedenktag für die Einweihung des Tempels von Schlomo, wie er im Buch der Könige (1. Buch 8, 22–54) beschrieben wird, gibt es in dieser alleinigen Form nicht, das wäre eigentlich Sukkot. Denn an Sukkot wurde der Tempel geweiht.

HALACHA Sukkot hat noch eine weitere Verbindung zu Chanukka: Das Haus Schammai und das Haus Hillel streiten im Talmud (Schabbat 21b) darüber, ob die Anzahl der Kerzen jeden Tag von einer auf acht erhöht werden soll oder ob man mit acht Kerzen beginnt und jeden Tag eine Kerze entfernt. Obwohl die endgültige Halacha nach Hillel entschieden wurde, der dafür plädiert, jeden Tag eine Kerze hinzuzufügen, lohnt es sich, den Streit genauer zu betrachten.

Das Argument von Schammai für das Vermindern der Kerzenanzahl bezieht sich auf die Stiere, die an Sukkot im Tempel als Opfer dargebracht wurden. Diese wurden in absteigender Reihenfolge von 13 bis 7 an jedem der sieben Tage von Sukkot geopfert. Insgesamt waren es 70 Stiere. Diese Zahl sollte die 70 Nationen der Welt repräsentieren. Die Wichtigkeit der Tempeleinweihung und der Ritus sind von entscheidender Bedeutung, aber an Chanukka richten wir unseren Blick auf die Wiedereinweihung und die Fähigkeit, mit einem »Überbleibsel« neu zu beginnen.

Es wird nicht die Einweihung, sondern die Wiedereinweihung des Tempels gefeiert.

Deshalb antwortet der Talmud auf »Maj Chanukka« nicht mit dem militärischen Sieg, sondern mit dem Rest reinen Öls, das im Tempel verblieben war: »Als nämlich die Griechen in den Tempel eindrangen, verunreinigten sie alle Öle, die im Tempel waren. Nachdem die Herrscher des Hauses der Hasmonäer sich ihrer bemächtigt und sie besiegt hatten, suchte man und fand nur ein einziges mit dem Siegel des Hohepriesters versehenes Krüglein mit Öl, das nur so viel enthielt, um einen Tag zu brennen.«

LOCKDOWN Das lehrt Chanukka und soll an Chanukka gelehrt werden: Resilienz. In den Wochen und Monaten des Lockdowns wurde häufiger über dieses Wort gesprochen. Resi­lienz ist die Fähigkeit, sich angesichts von Widrigkeiten, Traumata, Tragödien, Bedrohungen oder schwerwiegenden Stress­ereignissen, wie Problemen in der Familie oder in Beziehungen, ernsten gesundheitlichen Problemen oder Schwierigkeiten am Arbeitsplatz und im weiteren Umfeld, erfolgreich anzupassen und wieder zurück in die ursprüngliche Form zu finden. Sprechen wir hier dementsprechend von »jüdischer Resilienz«.

Der Tempel wurde entweiht, er lag brach, der Dienst war eingestellt. Und doch entstand dort wieder jüdisches Leben. Der Zweite Tempel wurde im Jahr 70 dann vollends zerstört, und das rabbinische Judentum rückte in den Fokus. Jüdisches Leben wurde nicht mit dem Tempel zerstört. Eine lange Kette von Katastrophen und von zahlreichen Neuanfängen folgte.

Das war schon den Weisen des Talmuds bewusst. Denn inmitten der Diskussion, wann und wie man die Kerzen zu zünden habe, wird auch angesprochen, dass man die Kerzen nicht sichtbar zünden muss, wenn man sich in Gefahr befindet.

NEUBEGINN Resilienz erklärt auch, warum das Licht zunimmt: Der Neubeginn ist in der Regel klein und unscheinbar. Doch daraus erwächst dann größeres. Diese Bereitschaft, auch dann fortzufahren, wenn man strauchelt, lässt sich sowohl generell auf das jüdische Volk beziehen als auch auf jeden einzelnen Menschen.

So heißt es in Mischlei, dem biblischen Buch der Sprüche (24,16): »Denn der Gerechte fällt siebenmal und erhebt sich dennoch, aber die Frevler stürzen in Unheil.« Der »Gerechte« strauchelt und richtet sich auf. Nicht nur einmal. Im Buch der Sprüche können wir den Bogen auch zu den Lichtern spannen. Denn in Vers 20,17 heißt es: »Die Seele des Menschen ist das Licht des Ewigen.«

Was ist Chanukka? Resilienz angesichts der Katastrophe.

Der Autor ist Mitglied der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen.

Interview

Josef Schuster: »Juden und Muslime sind keine Erzfeinde«

Bald startet der Katholikentag in Würzburg. Mit dabei: der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster. Welche Tipps er für Gäste hat - und wie er auf Juden, Christen und Muslime in aufgeheizten Zeiten blickt

von Leticia Witte  06.05.2026

Meinung

Wir haben ein Problem – und wir müssen endlich darüber reden

Ein Weckruf über verfehlte Migration, ausländische Einflussnahme und das ohrenbetäubende Schweigen der »Progressiven«

von Jacques Abramowicz  05.05.2026 Aktualisiert

Israel

Feiern zu Lag BaOmer am Berg Meron eingeschränkt

An Lag BaOmer gedenken Juden des Aufstands gegen Rom. Zehntausende pilgern traditionell zum Berg Meron in Nordisrael. Kriegsbedingt dürfen dieses Jahr nur 600 kommen – doch Tausende umgehen die Sperren

 05.05.2026

Lag BaOmer

Feuer und Flamme

Zu dem Feiertag werden in Israel viele Lagerfeuer entzündet. Was symbolisieren sie?

von Chajm Guski  05.05.2026

Berlin

Merz: Jüdisches Leben so bedroht wie lange nicht mehr

Das Präsidium der CDU tagte am Montag in den Räumen der Jüdischen Gemeinde Chabad Berlin und verabschiedete einen Beschluss gegen Antisemitismus. Kanzler Merz machte zuvor deutlich, warum das wichtig ist

von Detlef David Kauschke  04.05.2026 Aktualisiert

Wale

Leviathan in der Ostsee

Die Aufregung um »Timmy« zeigt: Riesige Meerestiere faszinieren die Menschen bis heute. Schon die Gelehrten im Talmud hatten ihre Theorien über die Bewohner der Tiefe

von Vyacheslav Dobrovych  03.05.2026

Essay

Brandbeschleuniger Hass auf Israel: Der Gesetzgeber darf nicht länger wegschauen

Wer auf unseren Straßen »Tod Israel« ruft, kann bislang in der Regel ohne strafrechtliche Konsequenzen bleiben. Das zermürbt die Demokratie

von Volker Beck  03.05.2026

Talmudisches

Richtig beten

Kawana: Eine bestimmte geistige Haltung ist Vorbedingung für das innere Gespräch mit G’tt

von Yizhak Ahren  01.05.2026

Feiertage

Besondere Zeiten

Die Tora möchte, dass wir uns immer wieder aus unserer Routine lösen, um uns mit unseren Mitmenschen zu verbinden

von Miksa Gáspár  01.05.2026