Lesen!

Von Schabtai Zwi und anderen Scheinheiligen

Der kalifornische Rabbiner Pini Dunner erzählt bizarre Begebenheiten aus der jüdischen Geschichte

von Yizhak Ahren  14.07.2019 10:52 Uhr

Rabbi Pini Dunner beschreibt in seinem Buch sehr anschaulich auch innerjüdische Auseinandersetzungen, die seinerzeit die Gemüter erhitzten.

Der kalifornische Rabbiner Pini Dunner erzählt bizarre Begebenheiten aus der jüdischen Geschichte

von Yizhak Ahren  14.07.2019 10:52 Uhr

Es gibt wahre Geschichten, die fantastischer sind als frei erfundene. Solche Episoden aus der jüdischen Geschichte der Neuzeit hat Pini Dunner, Gemeinde­rabbiner in Beverly Hills, gesammelt, neu erzählt und in einem Band veröffentlicht.

Wenn ein orthodoxer Rabbiner Episoden aus der jüdischen Geschichte erzählt, könnte man »Heiligengeschichten« vermuten. Doch schon Dunners Titel – auf Deutsch lautet er »Außenseiter, Mystiker und falsche Messiasse« – verrät, dass diese Vermutung nicht zutrifft.

Konversion Dunner erzählt die erstaunliche Geschichte von Schabtai Zwi (1626–1676), den viele Juden für den Messias hielten – bis er unter Druck zum Islam konvertierte. Aber auch nach seinem Übertritt und sogar nach seinem Tod gab es Menschen, die ihn weiterhin für den Messias hielten.

Auf der Umschlagseite des Buches findet sich ein kleines Porträt von Samuel Falk, der als Baal Schem von London berühmt geworden ist.

Unglaublich ist auch die Geschichte von Yizhak Ignaz Timothy Trebitsch-Lincoln (1879–1943). Er war ein ungarischer Jude, der zum Christentum konvertierte und versuchte, als Missionar in Kanada Juden von ihrem Glauben abzubringen. Später gelang es ihm, Abgeordneter des britischen Parlaments zu werden. Nach dem Ersten Weltkrieg beteiligte sich Trebitsch am Kapp-Putsch in Deutschland. Dann verließ er Europa und wurde 1931 buddhistischer Mönch.

Tschau Kung, wie er sich nun nannte, hielt sich nach einer Vision für die Reinkarnation des Dalai Lama – und die japanische Regierung erkannte ihn als solchen an. Trebitschs Entwicklung zeigt uns, dass mehrere Metamorphosen in kurzer Zeit möglich sind.

London Ein Kapitel widmet Dunner der Geschichte des Engländers Lord George Gordon (1751–1793). Nach diesem protestantischen Aristokraten und Parlamentarier sind Unruhen benannt, die im Juni 1780 London erschütterten.

Gordon wurde als Rädelsführer verhaftet, im Prozess jedoch freigesprochen. 1786 wurde er wegen Beleidigung der britischen Regierung sowie der französischen Königin Marie Antoinette erneut vor Gericht gestellt, doch vor der Urteilsverkündung verschwand er spurlos.

Als man ihn sieben Monate später fand, war er verwandelt: Aus ihm war ein orthodoxer Jude geworden, der sich Israel Ben Abraham nannte. Der fromme Konvertit starb im Gefängnis, wo er regelmäßig jüdische Gottesdienste abgehalten hatte.

Dunner geht auch der psychologisch interessanten Frage nach, warum ein Gelehrter Literatur fälscht.

Gemüter Dunner beschreibt in seinem Buch sehr anschaulich auch innerjüdische Auseinandersetzungen, die seinerzeit die Gemüter erhitzten. So lebten Mitte des 18. Jahrhunderts in Hamburg zwei bedeutende Talmudisten: Rabbiner Jacob Emden und Rabbiner Jonathan Eybeschütz. Emden hielt den angesehenen Ge­meinderabbiner Eybeschütz für einen geheimen Anhänger des falschen Messias Schabtai Zwi und bekämpfte ihn mit großem Eifer. Ohne Partei zu ergreifen, schildert Dunner jenen folgenreichen Streit, den Wissenschaftler bis in unsere Tagen kontrovers diskutieren.

Auf der Umschlagseite des Buches findet sich ein kleines Porträt von Samuel Falk (1708–1782), der als Baal Schem von London berühmt geworden ist. Er war ein exzentrischer Mystiker. Es verwundert, dass der Autor die vorzügliche Monografie von Michal Oron über Falk nicht erwähnt und stattdessen der Frage nachgeht, wer Falks Bild gemalt hat, das 2013 bei einer Auktion in New York den Besitzer wechselte.

Auch Rabbiner Jehuda Rosenberg (1859–1935) war ein Exzentriker. Aus gutem Grund behauptet Dunner, der von Osteuropa nach Kanada ausgewanderte Rosenberg habe religiöse Werke gefälscht, wie eine Pessach-Haggada des Maharal von Prag.

Dunner geht nicht nur der psychologisch interessanten Frage nach, warum ein Gelehrter Literatur fälscht, sondern er erzählt bizarre Begebenheiten, die unsere menschliche Wirklichkeit aus ungewohnter Perspektive beleuchten. Wir freuen uns schon auf einen Fortsetzungsband.

Pini Dunner: »Mavericks, Mystics & False Messiahs. Episodes from the Margins of Jewish History«. The Toby Press, New Milford & London 2018, 231 S., 26,25 $

Justiz

Klage gegen Wittenberger »Judensau« voraussichtlich erfolglos

Das historische »Judensau«-Relief an der Außenfassade der Wittenberger Stadtkirche erfüllt nach Einschätzung des Oberlandesgerichts Naumburg wohl nicht den Straftatbestand der Beleidigung

 21.01.2020

Israel

Oberrabbinat stärkt Anerkennung äthiopischer Juden

Damit folgt das Gremium einer Entscheidung des verstorbenen früheren sefardischen Oberrabbiners Ovadia Josef von 1973

 20.01.2020

Lutherstadt Wittenberg

Gericht verhandelt über »Judensau«

Oberlandesgericht Naumburg entscheidet über Verbleib der umstrittenen Schmähplastik

von Romy Richter  20.01.2020

Gerichtsprozess

Wittenberg bedauert antisemitische Schmähplastik

Die Stadtkirchengemeinde wirbt zugleich um Verständnis beim Umgang mit dem schwierigen Erbe

 19.01.2020

Schemot

Im Zeichen der Schlange

Die Geschichte von Mosches Stab lehrt, dass Gut und Böse dem Befehl G’ttes unterstehen

von Vyacheslav Dobrovych  17.01.2020

Talmudisches

Von jüdischen Ärzten

Was Rabbi Jochanan über Mediziner, das Leben und den Tod meinte

von Stephan Probst  17.01.2020

Auszeichnung

Werner-Sylten-Preis für christlich-jüdischen Dialog

Die Ehrung wird im Rahmen des Tora-Lerntages am 22. Januar in Erfurt verliehen

 16.01.2020

Nachwuchs

Von Archie bis Toby

Die jüdische Website »Kveller« in den USA listet die populärsten Namen für das Jahr 2020 auf

von Ayala Goldmann  16.01.2020

Torarolle

Buch mit Seele

Warum ein Roboter keine Sefer Tora schreiben kann, die als koscher gilt

von Rabbiner Elischa Portnoy  16.01.2020