Zedaka

Von Beruf Schnorrer?

Zedaka ist im Grundsatz für wirklich Bedürftige gedacht. Foto: imago

Es ist bekannt, dass Zedaka, also Almosen an Bedürftige zu verteilen, zu den wichtigsten Geboten der Tora gehört. An Jom Kippur sagen wir sogar in unseren Gebeten, dass Zedaka neben Teschuwa (Umkehr auf den rechten Weg) und Tefila (Gebet) die Fähigkeit besitzt, uns vor dem Tod zu retten. Eine bekannte Geschichte aus dem Talmud über die Tochter von Rabbi Akiwa, die ihrem Tod entkam, weil sie sich kurz davor eines Armen erbarmte und ihm etwas zu essen gab, bestätigt diese Aussage.

In zahlreichen Quellen steht, dass man eine geöffnete Hand, die um Unterstützung bittet, nicht leer lassen soll. Und an vielen Feiertagen wie Rosch Haschana und Jom Kippur (an denen es darum geht, vor dem Gerichtsurteil über das eigene Leben so viele gute Taten wie möglich zu sammeln), an Pessach (wenn wir ausdrücklich die Bedürftigen zu unserem Sedertisch einladen), an Sukkot (wozu ausdrücklich geschrieben steht, dass man die Armen in die eigene Sukka einladen soll) und speziell an Purim (wo es eine gesonderte Mizwa gibt: Matanot leEwjonim, also Geschenke für die Armen) wird uns das Gebot der Zedaka immer wieder in Erinnerung gerufen.

Doch ist man tatsächlich dazu verpflichtet, jedem, der danach fragt, Zedaka zu geben? Was ist mit Menschen, die um Unterstützung bitten, sich aber, anstatt arbeiten zu gehen, lieber von den Almosen anderer Menschen ernähren wollen?

Bahnhof In Osnabrück, wo ich als Rabbiner arbeite, gibt es zum Beispiel einen jungen Mann, der offensichtlich im vollen Besitz seiner geistigen und körperlichen Kräfte ist. Schon seit vielen Monaten treffe ich ihn zu unterschiedlichen Uhrzeiten am Bahnhof an, wann auch immer ich die Bahn nutze und aus Osnabrück abfahre oder dahin zurückkomme (was in der Regel jede Woche der Fall ist). Offensichtlich hält sich dieser Mann also jeden Tag dort auf – und er versucht, von allen Menschen, die er trifft, unter unterschiedlichen Vorwänden Geld zu erbetteln.

Als ich noch in der Synagogen‐Gemeinde Köln gearbeitet habe, tauchte eines Tages beim Gottesdienst ein Amerikaner auf, der nach dem Gebet alle freundlich um Geld bat. Jeder gab so viel, wie er konnte. Doch am nächsten Tag wiederholte sich diese Geschichte – und am Tag darauf ebenso.

Mit der Zeit sah dieser Mann immer ungepflegter aus. Augenzeugen berichteten, dass er sich im Park gegenüber der Gemeinde niedergelassen hatte. Nach einer Woche sagten wir ihm, dass wir ihm kein Geld mehr geben werden, da wir befürchteten, dass Drogen im Spiel waren.

Stattdessen boten wir ihm eine kostenlose Mahlzeit im koscheren Restaurant an. Daraufhin wurde der Mann aggressiv und beklagte lautstark, dass wir ihn nicht wie einen Menschen behandelten. Er wolle selbst entscheiden, wofür er Geld ausgebe. Unser Verhalten sei torawidrig. Dann verlangte er vehement ein Bahnticket, das er auch bekam (das Ticket, nicht das Geld dafür), und reiste in eine andere Stadt, um dort dieselbe »Masche« abzuziehen.

Einige Jahre später traf ich diesen Mann in einer Synagoge in Nizza wieder. Ich war vollkommen überzeugt, dass er dort wieder nach demselben Muster »arbeiten« würde. Doch als ich ihn ansprach und ihn daran erinnerte, woher wir uns kannten, erzählte er mir, dass er in der Nähe der Synagoge (im Zentrum von Nizza) eine Wohnung habe und sich gern hin und wieder auf Reisen begebe. Die anderen Synagogenmitglieder, die von dem »Nebenverdienst« des Mannes offenbar nichts wussten, bestätigten mir allerdings dessen Lebensumstände.

Und noch eine letzte Geschichte: Als ich selbst ein junger, armer und unerfahrener Jeschiwastudent in Jerusalem war, betete ich eines Abends an der Kotel. Zu mir kam ein chassidisch gekleideter Mann und fragte mich nach Zedaka. Von den 50 Schekeln, die ich in meinem Portemonnaie hatte, gab ich ihm zehn.

Geldscheine Der Mann nahm das Geld, schaute mich unzufrieden und böse an, drehte sich um, ohne sich bei mir zu bedanken, und verschwand. Als ich dabei war, die Kotel zu verlassen, sah ich diesen Mann in der Ecke stehen und seinen Tagesumsatz zählen. Es war ein sehr dicker Stapel von Papiergeld aus unterschiedlichen Ländern dabei, ich konnte aber einige 100‐Dollar‐Scheine entdecken. In diesem Moment wurde mir bewusst, wa­rum er mit meinem Beitrag so unzufrieden war. Eigentlich hätte dieser Mann zu diesem Zeitpunkt mir Zedaka geben sollen, und nicht umgekehrt.

Aus diesen Geschichten wird deutlich, dass es Menschen in unterschiedlichen Milieus und Gesellschaften gibt, die es zu ihrem Beruf gemacht haben, Mitgefühl, Mitleid, Hilfsbereitschaft und Religiosität anderer Menschen auszunutzen, um sich ein leichtes Leben auf Kosten anderer zu machen. Kommen wir also zurück zu der ursprünglichen Frage: Sind wir tatsächlich verpflichtet, jedem Zedaka zu geben, der uns darum bittet?

Geiz Grundsätzlich sollte man Zedaka ausschließlich Bedürftigen geben. Falls bekannt ist, dass jemand ausreichend besitzt, um davon leben zu können, sich aber lieber von Zedaka ernähren möchte, sollte man das Ansinnen dieser Person ablehnen (Rambam, Hilchot Matan Anijim 7,9). Falls wir jedoch wissen, dass die Familie wegen des Geizes dieses Menschen nicht genug zum Leben hat und darunter leidet, soll die Familie unabhängig von diesem Menschen unterstützt werden.

Die Mizwa der Zedaka erstreckt sich nicht auf Menschen, die in der Lage sind, zu arbeiten, sich jedoch bewusst dafür entscheiden, dies nicht zu tun und von der Zedaka zu leben. Dieses Verhalten ist oft nur Ausdruck von Faulheit und Verantwortungslosigkeit. Eine solche Person muss zurechtgewiesen werden, und es muss ihr in aller Deutlich­keit gesagt werden, dass es verboten ist, nach Zedaka zu fragen. Die Gemeinschaft sollte ebenfalls über das Fehlverhalten dieses Menschen unterrichtet werden, sodass die Zedakagelder in Zukunft ausschließlich an wirklich Bedürftige verteilt werden (Teschuwot Maharascham JD 167).

Der Kommentator Kli Jakar zitiert, was in der Tora über diejenigen steht, die zwar in der Lage sind zu arbeiten, dies aber nicht tun, sich stattdessen gänzlich auf die Unterstützung der Gemeinschaft verlassen und dann noch darüber klagen, dass sie nicht genug bekommen. Von ihnen heißt es (über den Esel deines Nächsten): »Du sollst ihm beim Entladen helfen« und »sollst ihm aufrichten helfen« (5. Buch Mose 22,4). Das bedeutet, dass die bedürftige Person alles in ihrer Macht Stehende versuchen soll, um sich selbst zu helfen.

verpflichtung Doch falls dies trotz aller Bemühungen nicht funktioniert und die Person sich selbst nicht versorgen kann, ist jeder im Volk Israel dazu verpflichtet, sie zu unterstützen, sie zu stärken und ihr das zu geben, was fehlt. Falls sie es aber nicht einmal versucht, gibt es keine Verpflichtung zu helfen (Kli Jakar, Schmot 23,5). Mehr als das, vielen Kommentatoren zufolge ist es sogar verboten, solche Menschen zu unterstützen, denn so werde deren Arbeitsverweigerung nur gefördert.

Man wird vielmehr dazu ermutigt, damit aufzuhören, solche Menschen zu unterstützen, damit sie dazu gezwungen werden, eine Arbeit zu suchen, um sich selbst zu unterhalten (Emet leJaakow, JD 253).

Als Rabbiner Schammai Kehas Gross gefragt wurde, ob eine Person, die die Möglichkeit zu arbeiten hat, diese aber nicht wahrnimmt und sich stattdessen auf Zedakagelder verlässt, dazu befugt wäre, antwortete der Rabbiner, dass demjenigen, der eine Möglichkeit hat, eine berufliche Tätigkeit auszuüben, keine Zedaka gegeben werden soll.

gründe Doch wenn diese Person ganz klar darauf ausgerichtet ist, Arbeit zu finden, soll man ihr Zedaka geben, bis sie tatsächlich Arbeit gefunden hat. Der Rabbiner schreibt weiter, dass man sehr vorsichtig sein soll, wenn man solche Menschen richtet, denn es kann sein, dass es gute Gründe dafür gibt, die uns unbekannt sind, warum diese Menschen keine Arbeit annehmen.

Außerdem sagt der Midrasch, dass man niemals einem Armen sagen soll, er solle arbeiten gehen soll (Wajikra Rabba 34). Jedoch haben Menschen, die sich deutlich darum bemühen, ihren Lebensunterhalt selbst zu sichern, darin aber erfolglos sind, eine klare Priorität, was Zedakagelder angeht (Schewet Hakehati 5,177). Rabbiner Mosche Feinstein scheint dieselbe Ansicht zu vertreten (Igrot Mosche, JD 4,37).

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Osnabrück.

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