Teschuwa

»Vom Alten aus anfangen, vom Neuen her abschließen«

Sich zu ändern, ist nicht einfach, aber die menschliche Fähigkeit zur Umkehr wohnt uns allen inne. Foto: Getty Images

Die Hohen Feiertage versetzen uns in einen merkwürdigen Zustand von gleichzeitiger Vorwärts- und Rückwärtsbewegung: Zu Rosch Haschana begehen wir den Anfang eines neuen Jahres, die Zeit schreitet voran, und mit ihr scheint unser Leben unaufhaltsam nach vorn zu streben. Zugleich wendet sich unser Blick zurück – und nach innen –, denn Teschuwa ist das zentrale Thema der »Zehn Tage der Umkehr«. Gedanklich kehren wir zurück zu verschiedenen Stationen des vergangenen Jahres und unseres Weges überhaupt.

Nun ließe sich einwenden, dass diese Selbstbefragung ja zu jeder Zeit des Jahres möglich ist, warum also damit bis zum Monat Elul warten? Wird dieser Prozess dann nicht zu einem oberflächlichen Ritual, weil der Anstoß von außen kommt? Warum überhaupt sich den Vorgaben des Kalenders unterwerfen?

Oder man könnte sagen: Es ist nur natürlich, dass wir zu bestimmten Zeiten, an markanten Daten des Kalenders, innehalten, und der Jahreswechsel ist ein solcher Moment. Wir kennen das auch aus unserer Umgebungskultur: Zu Silvester werden häufig viele gute Vorsätze für das neue Jahr gefasst. Nicht mehr rauchen, gesünder essen, weniger Alkohol, mehr Bewegung – meist erreichen diese Projekte ihr Verfallsdatum schon vor Ende Januar. Doch beim Prozess der Teschuwa, der seinen Anker im jüdischen Neujahr hat, geht es nicht um Selbstoptimierung, sondern um Selbsterkenntnis.

Der Jahreskreis macht uns die Möglichkeit der Umkehr gleichsam zum Geschenk.

Kalenderberechnungen sind das Rückgrat aller Kulturen. Sie geben einer Gesellschaft den Rhythmus vor, verkörpern ihre Weltanschauung und ihr Selbstverständnis; die Feiertage und die Gedenkdaten drücken den Kern des jeweiligen Wertesystems aus. Der jüdische Kalender ist eine Magna Charta von Befreiung und Freiheit. Die Zählung der Monate war das erste nationale Gebot, das im Zusammenhang mit dem Auszug aus Ägypten gegeben wurde, als Israel befreit wurde.

Der jüdische Kalender nimmt also die Erfahrung der Befreiung zum Ausgangspunkt. Wenn wir im siebten Monat mit Rosch Haschana und den Zehn Tagen der Umkehr das neue Jahr eröffnen, geht es hingegen um die ganz persönliche Erfahrung des »Freiwerdens«.

Vom Akt der Befreiung, des Freiwerdens, her zählen wir die Monate, vom Akt der Schöpfung her die Jahre. Der Verweis auf die Schöpfung verbindet uns mit dem göttlichen Ursprung der Welt und allen Lebens. Die Verknüpfung mit der Befreiung aus der Knechtschaft fordert uns auf, unsere Entscheidungsfreiheit in der Welt wahrzunehmen, in unserem individuellen Leben, im persönlichen Umfeld und im Leben des jüdischen Volkes. Die Datumsangaben des jüdischen Kalenders erinnern uns täglich an diese Bestimmung jedes Juden und jeder Jüdin.

Umkehr meint eine kritische Prüfung unserer selbst und den festen Willen, fortan andere Wege zu beschreiten. Teschuwa ist ein Prozess, der uns Jahr für Jahr zu Korrektur und Erneuerung auffordert. Wir bedenken Ereignisse und Beziehungen, prüfen, wo wir eine falsche Richtung eingeschlagen haben und welche Entscheidungen wir besser anders getroffen hätten. Indem wir ehrlich vor uns selbst Rechenschaft ablegen, stellen wir die Weichen für unser künftiges Leben anders. Diese Selbstreflexion, diese Fähigkeit zur Umkehr, macht unser Menschsein aus. Kein anderes Lebewesen und auch keine Künstliche Intelligenz sind dazu in der Lage.

Sich zu ändern, ist nicht einfach, aber die menschliche Fähigkeit zur Umkehr wohnt uns allen inne – sie verheißt uns, dass Neuanfänge möglich sind.

Rabbi Jonah, der im 13. Jahrhundert im katalanischen Girona lebte, meinte, dass Teschuwa ein Heiligtum sei. Der innere Vorgang der Seelenprüfung erhält bei ihm eine räumliche Dimension. Im Prozess der Umkehr sind wir weich und verletzlich, weil wir die Sicherheit der von uns errichteten Rechtfertigungen aufgeben. Wir können in diesen Raum eintreten und uns darin geschützt fühlen, um dann erneuert aus ihm herauszutreten. An diesem Ort gewinnen wir die Einsicht und die Kraft, Entscheidungen zu treffen, damit wir uns künftig nicht mehr an anderen oder an uns selbst versündigen.

Sich zu ändern, ist nicht einfach, aber die menschliche Fähigkeit zur Umkehr wohnt uns allen inne – sie verheißt uns, dass Neuanfänge möglich sind. Das Vergangene muss nicht unsere Zukunft bestimmen; es liegt in unserer Macht, Fehlverhalten zu erkennen und Routinen zu durchbrechen. Es geht um scheinbar kleine Dinge wie Worte oder Gesten, die helfen können, zerbrochene Beziehungen zu heilen. Während wir umkehren, erschließen sich uns vielleicht neue Wege der Kommunikation.

Der jüdische Jahreskreis macht uns diese Möglichkeit der Umkehr gleichsam zum Geschenk, denn wir sind nicht auf unsere bisherigen Fehler und die Irrtümer festgelegt. Was geschehen ist, lässt sich nicht ändern, aber wir können entscheiden, wie wir künftig damit umgehen. Sollen dieselben negativen Konflikte, die schädlichen Routinen im Umgang mit uns selbst und mit unseren Mitmenschen, sich in Dauerschleife wiederholen? Oder können wir uns aus dieser Wiederkehr befreien?

Der Jahresbeginn zeigt uns, dass wir Dinge ändern und Neuanfänge setzen können. Es ist wohl kein Zufall, dass die hebräische Wurzel Schin-Nun-He, die sich im Wort Rosch Haschana findet, zugleich »wiederholen« und »verändern« meint. Im Bemühen um die Erkenntnis unseres Weges nehmen wir Jahr für Jahr erneut diese Selbstbefragung vor, um aus den gewonnenen Einsichten heraus etwas in unserem Leben zu ändern.

Überhaupt sind im Monat Tischri Ausblick und Rückschau, Abschlüsse und Neuanfänge miteinander verwoben: Zu Rosch Haschana beginnen wir ein neues Jahr, doch der Festtag eröffnet zunächst die Zehn Tage der Umkehr, des Rückblicks. Zu Jom Kippur gelangt die Rechenschaft für das vergangene Jahr noch einmal zu einem Höhepunkt. Und wenn das Neue Jahr bereits zwei Wochen alt ist, danken wir zu Sukkot für die Erträge des zurückliegenden Jahres. Drei Wochen nach Rosch Haschana feiern wir sodann zu Simchat Tora die Vollendung und den Neuanfang des Jahreszyklus unserer Toralesungen.

Wie Kettenglieder greifen die Neuanfänge und Abschlüsse ineinander: Bevor das eine Glied sich schließt, fängt schon das neue Glied an. Auf eine widersprüchlich scheinende Weise geht der Neuanfang dem Ende des Bisherigen voraus, erst durch dieses Ineinandergreifen ergibt sich eine Kette. Der israelische Dichter T. Carmi (1925–1994) drückt das in seinem Gedicht »Aleftaw« aus:

»Es stellt sich heraus, dass es schwierig ist / irgendetwas zu einem vollendeten, endgültigen Abschluss zu bringen / und von einem frischen und schüchternen Alef anzufangen. / Man muss also sich daran gewöhnen, vom Alten aus anzufangen / Und immer vom Neuen her abzuschließen.«

Umkehr ist etwas Positives, weil sie uns hilft, unser Leben neu zu ordnen. Und Teschuwa ist ein schrittweiser Prozess, damit wir nicht scheitern an unseren großen Ansprüchen und entmutigt aufgeben. Mit den Gedanken noch im vergangenen Jahr richtet sich unser Blick auf das neue Jahr 5786.

Wir wissen noch nicht, was aus den Prüfungen des letzten Jahres erwachsen wird, wie sie uns helfen werden, eine starke und eine stärkende jüdische Gemeinschaft zu werden. Das Judentum ist eine Kultur der Hoffnung, und all unsere Texte und Bräuche zu den Hohen Feiertagen strahlen die Gewissheit aus, dass wir Dinge hinter uns lassen können und uns da Hilfe zuteilwird, wo wir meinen, unsere eigenen Kräfte könnten nicht mehr ausreichen. Möge es ein gutes und gesegnetes Jahr werden.

Die Autorin ist in der Jüdischen Gemeinde Hameln tätig und lehrt am Regina-Jonas-Seminar für Liberale Rabbinatsausbildung.

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