Internet

Virtuelle Abbitte

Egal, wie harmlos die Sünden sind: Der eScapegoat nimmt sie auf sich. Foto: Screenshot

Rechtzeitig zu Jom Kippur hat eine Start-up-Firma aus San Francisco namens »G-dcast« (»Gottessendung«; zugleich ein Wortspiel mit »Podcast«) eine Sündenbock-App namens »eScapegoat« entwickelt. An dem heiligen Fastentag wurden in biblischer Zeit alle Sünden des vorangegangenen Jahres einem Ziegenbock aufgebunden. Der wurde dann in die Wüste an einen Ort namens Asasel geschickt, wo er mitsamt den Sünden ganz Israels in den Abgrund gestürzt wurde. Im heutigen Sprachgebrauch ist »Asasel« einer der vielen hebräischen Begriffe für die Hölle.

»G-dcast« besteht aus Künstlern, Autoren, Animateuren und Programmierern und produziert unter anderem kurze humoristische Bibelszenen für das Internet. Der virtuelle Sündenbock lässt sich auf Twitter unter der Adresse #SinfulGoat (sündiger Ziegenbock) erreichen. Dort kann man anonym in 140 Buchstaben seine Sünden beichten.

Nerdig Damit andere über die Sünden reflektieren und Ratschläge zu den Untaten geben können, kann man auf die Website www.escgoat.com gehen. Dort sieht man eine weiße bebrillte Ziege mit großen blinkenden Augen. Zur Erklärung steht dort: »Der Sündenbock schwirrt im Internet herum und sammelt Sünden vor Jom Kippur. Wie in biblischer Zeit, nur nerdiger.« Seit das Programm am 8. August online ging, haben schon mehr als 8000 Personen virtuelle Abbitte geleistet.

Typische Sündenbekenntnisse sind solche wie das eines jungen Mannes: »Jedes Mal, wenn ich die Nummer meiner Schwiegermutter auf meinem Handy sehe, drücke ich den ›Ignorieren‹-Knopf.« Eine junge Mutter beichtet: »Manchmal bestelle ich eine Babysitterin, nur damit ich in Ruhe im Auto lesen kann.« Ein anonymer Angestellter: »Ich habe die Arbeit geschwänzt, um an einem verlängerten Wochenende sämtliche Folgen von ›Breaking Bad‹ zu gucken.« Doch es gibt auch ernsthaftere Bekenntnisse, wie etwa dieses: »Manchmal behandle ich Menschen nicht als Menschen, sondern als Mittel für meine Zwecke.«

Das Projekt wird mit 50.000 US-Dollar von der Jewish Community Federation of San Francisco gefördert. Die Geschäftsführerin von »G-dcast«, Sarah Lefton, erläuterte in einer Pressemitteilung, dass der Sündenbock zu den eigentümlichsten Geschichten in der Bibel zähle. In San Francisco und Umgebung sollen zudem Events organisiert werden, bei denen echte Ziegenböcke zum Einsatz kommen, um jüdisches Bewusstsein zu verbreiten. Das werde viel Spaß bedeuten, ungeachtet dessen, »wie harmlos oder schlimm unsere Sünden sind«, so Lefton.

www.escgoat.com

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