Talmudisches

Dankbarkeit lernen

Foto: Getty Images

Der Talmud (Schabbat 33b) zitiert im Namen von Rabbi Schimon: »Da mir ein Wunder widerfahren ist, so soll ich gehen und etwas für andere reparieren, als Zeichen meiner Dankbarkeit. Denn es steht geschrieben: ›Und Jakob kam schalem‹« (unversehrt, in die Stadt Schechem). Es wird erläutert, dass es klar ist, dass jeder, dem ein Wunder zuteilwurde, als Zeichen seiner Dankbarkeit etwas Gutes für seine Nachbarn tun sollte. »Und Rabbi Schimon sagte, gibt es (hier) etwas, was ich reparieren kann?«

Ein anderes Beispiel von Dankbarkeit wird von Rabbi Levi von Berditschew erzählt: Er kam eines Tages in eine kleine Stadt und suchte nach einer Übernachtungsmöglichkeit. Er ging vergeblich von Haus zu Haus, jedoch wollte niemand den Unbekannten bei sich aufnehmen. Es blieb noch ein einziges Haus, schon reichlich heruntergekommen, und der Rabbi machte sich nicht allzu viel Hoffnung, dort aufgenommen zu werden.

Als sich die Tür öffnete, wiederholte er seine Bitte. »Nun ja«, sagte der Mann, der ihm öffnete, »ich bin nur ein armer Mann mit wenig Besitz. Aber wenn es dir nichts ausmacht, hier zu bleiben, dann wäre es für mich eine Ehre, dich willkommen zu heißen.« Rabbi Levi nahm die Einladung an und bedankte sich bei dem Mann, als er dessen Haus am nächsten Tag verließ.

Einige Jahre vergingen, und Rabbi Levi wurde für seine Gelehrtheit und Heiligkeit sehr bekannt. Wieder einmal kam er in dieselbe Kleinstadt zurück. Diesmal wollte jeder den heiligen Rabbi bei sich aufnehmen. Rabbi Levi sagte jedoch: »Ich werde bei dem armen Mann am Rande der Stadt übernachten, wenn er es möchte. Er nahm mich letztes Mal auf, und ihm gebührt meine Dankbarkeit. Tut jemand dir einen Gefallen, so darfst du es niemals vergessen.«

Dankbarkeit (Hakarat haTov) trägt den Menschen als Individuum und hält die Gemeinschaft zusammen. Anspruchsdenken – die Einstellung, dass einem etwas zusteht, entweder von den eigenen Eltern, der Schule oder der Gemeinschaft – hilft dem Menschen spirituell nicht weiter.

Auch wenn man heute viele Dinge kaufen kann, ohne das Haus zu verlassen, hat diese Bequemlichkeit nicht dazu geführt, dass wir Menschen dankbarer geworden sind.

Auch wenn man heute viele Dinge kaufen kann, ohne das Haus zu verlassen, hat diese Bequemlichkeit nicht dazu geführt, dass wir Menschen dankbarer geworden sind. Oft ist das Gegenteil der Fall: Hat man eine Sendung am Dienstag erwartet, ärgert man sich, dass sie erst am Mittwoch ankommt. Hatte man einen Artikel online bestellt, der viele positive Bewertungen erhielt, ärgert man sich, wenn er doch nicht dem eigenen Geschmack entspricht. Hat man etwas bestellt und findet es kurz darauf woanders günstiger, sieht man statt der bestellten Ware nur eine verpasste Gelegenheit zu sparen.

Dieses Verhalten liegt zutiefst in der Natur des Menschen: zu merken, was noch fehlt, zu verbessern, was man kann, zu analysieren, wo man etwas Besseres bekommt – sicher ist das in vielen Situationen sinnvoll.

Und doch ist der Mensch viel größer als das. Er ist fähig, sich auf das große Ganze zu fokussieren: Wie viel hat er bereits, welche anderen Reichtümer, außer Geld und Besitz, darf er sein Eigen nennen?

Dankbarkeit kann den Menschen zum Wesentlichen zurückführen, zur Erkenntnis, dass nichts, was für ihn von G’tt bestimmt war, durch einen anderen genommen werden kann. Aber dafür muss er sich anstrengen.

Das Gefühl der Dankbarkeit kommt nicht automatisch, man muss sich darin üben. Wir können es lernen, zum Beispiel mit dem morgendlichen Gebet »Modeh Ani«, mit den Brachot während des Tages oder beim »Hallel«-Gebet an Rosch Chodesch. Es gibt viele formelle Möglichkeiten, Dankbarkeit auszudrücken. Auf jeden Fall bedarf es der Klarheit des Geistes (Jeschuv Hadaʼat) und sicher etwas Willenskraft, um anzuerkennen, wie viel Güte der Allmächtige uns jeden Tag durch verschiedenste Quellen schickt.

Meinung

Wer definiert das Judentum?

Die Theologische Fakultät der Universität Freiburg im Üechtland verleiht dem messianischen Rabbiner Mark S. Kinzer die Ehrendoktorwürde. Das belastet das jüdische Verhältnis zu einem katholischen Partner

von Zsolt Balkanyi-Guery  12.05.2026

Israel

In Deboras Fußstapfen

Seit 2018 versuchen Frauen, an den Halacha-Prüfungen des Oberrabbinats teilzunehmen. Nun ist es ihnen gelungen

von Sophie Goldblum  08.05.2026

Talmudisches

Die Zahl 80

Was unsere Weisen über die wahre Stärke im Alter lehren

von Avi Frenkel  07.05.2026

Redaktion

Die Menschen hinter der Jüdischen Allgemeinen

Wer textet und redigiert, gestaltet, illustriert und organisiert heute die Jüdische Allgemeine? 18 Menschen, neun Ressorts – wir stellen uns vor

 07.05.2026

Essay

Brandbeschleuniger Hass auf Israel: Der Gesetzgeber darf nicht länger wegschauen

Wer auf unseren Straßen »Tod Israel« ruft, kann bislang in der Regel ohne strafrechtliche Konsequenzen bleiben. Das zermürbt die Demokratie

von Volker Beck  07.05.2026

Medien

Worte wiegen schwer

Was dürfen Journalisten? Auch Pressekodex und Gesetz kennen Grenzfälle. In der jüdischen Ethik wirft der Chafetz Chaim einen interessanten Blick auf die Frage, was an die Öffentlichkeit gehört

von Mascha Malburg  07.05.2026

Behar–Bechukotaj

Vom Joch befreit

Wie der Ewige seinem Volk die Last der Unterdrückung nimmt

von Rabbiner Avraham Radbil  07.05.2026

Jubiläum

Starke Stimme

Vor 80 Jahren erschien die erste Ausgabe der Jüdischen Allgemeinen. Mehr denn je braucht es eine präsente und selbstbewusste jüdische Zeitung in Deutschland

von Philipp Peyman Engel  07.05.2026

Interview

Josef Schuster: »Juden und Muslime sind keine Erzfeinde«

Bald startet der Katholikentag in Würzburg. Mit dabei: der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster. Welche Tipps er für Gäste hat - und wie er auf Juden, Christen und Muslime in aufgeheizten Zeiten blickt

von Leticia Witte  06.05.2026