Schawuot

Das Geheimnis der Mizwot

Das Bild »Moses zerschmettert die Gesetzestafeln« von 1659 (M.) in der Gemäldegalerie des Kulturforums in Berlin Foto: picture-alliance/ dpa

Der niederländische Künstler Rembrandt van Rijn (1606–1669) war einer der bekanntesten Maler des Barock und zählt zu den bedeutendsten Künstlern der westlichen Kunst. Seine Werke werden weltweit ausgestellt und erreichen bei Versteigerungen Millionensummen im zweistelligen Bereich.

Mit seinem für ihn typischen Licht-und-Schatten-Stil schuf er neben Porträts und Landschaften auch Bilder von biblischen Ereignissen wie das Historiengemälde »Moses zerschmettert die Gesetzestafeln«, bekannt auch als »Moses mit den Zehn Geboten« aus dem Jahr 1659.

Darauf ist Mosche abgebildet (so wie ihn Rembrandt sich vorstellte), vor dem Berg Sinai stehend. In den erhobenen Händen hält er die beiden Bundestafeln mit den Zehn Geboten, in goldener hebräischer Schrift auf schwarzem Stein.

Kontrast zwischen Licht und Schatten

Durch den Kontrast zwischen Licht und Schatten verlieh Rembrandt dem Gesicht von Mosche ein besonderes Strahlen – eventuell, um die Interpretation von Michelangelo, der Moses 1515 mit Hörnern dargestellt hatte, zu korrigieren. Zudem ist es bemerkenswert, dass es Rembrandt gelang, die Zehn Gebote fast fehlerfrei in Hebräisch darzustellen.

Obwohl bei der Offenbarung am Berg Sinai nur die Zehn Gebote explizit erwähnt werden, lehren unsere Weisen, dass alle 613 Ge- und Verbote am Berg Sinai überliefert wurden. Dennoch spielen die Zehn Gebote eine besondere Rolle. Maimonides, der Rambam (1138–1204), bezeichnet die Zehn Gebote in seinem Kommentar zur Mischna (Middot 5,1) als »Kern und Ursprung des jüdischen Glaubens«, und Rabbi Jehuda Halevi (1075–1141) nennt sie im »Kuzari« (I:61) »Wurzel der Mizwot«. Laut Rabbi Saadja Gaon (882–942) sind alle 613 Gebote in den Zehn Geboten angedeutet.

Zu Zeiten des Talmuds gab es sogar den Brauch, die Zehn Gebote täglich zu rezitieren (Brachot 12a). Dieser Brauch wurde jedoch von den Weisen abgeschafft, damit man nicht denkt, dass es nur Zehn Gebote und nicht 613 Ge- und Verbote gibt.

Doch woher wissen wir, dass es genau 613 Ge- und Verbote gibt? Wir finden diese Zahl im Talmud in Makkot 23b. Entsprechend der Gematria, der jüdischen Zahlenmystik, bei der hebräische Buchstaben Zahlenwerte haben, beruht sie auf dem Zahlenwert des Wortes »Tora« (611) mit den zwei ersten Geboten, die das jüdische Volk direkt von Gʼtt gehört hat. Außerdem steht dort, dass 365 davon Verbote sind, die den 365 Tagen des Sonnenkalenders entsprechen, während die restlichen 248 Gebote den Körperteilen des Menschen entsprechen.

Während die Gesamtzahl der Ge- und Verbote festzustehen scheint, gibt es hinsichtlich der genauen Liste der einzelnen Mizwot Meinungsunterschiede. Die erste Liste stammt noch aus der Epoche der Geonim (7. bis 11. Jahrhundert n.d.Z.) und wurde von Rabbi Schimon Kaira als Einleitung zu seinem Werk »Halachot Gedolot« zusammengestellt. Andere Gelehrte dieser Epoche, wie Rabbi Saadja Gaon und Rabbi Schlomo Ibn Gabriol, hielten die Gebote in liturgischen Gedichten, sogenannten Azharot, zusammen. In manchen Gemeinden bestand der Brauch, diese Azharot an Schawuot zu sagen, weil nach der Überlieferung an diesem Tag die Gebote gegeben wurden.

Alle 613 Gebote sind in den Zehn Geboten angedeutet.

Auch in der darauffolgenden Epoche der Rischonim (12. bis 15. Jahrhundert n.d.Z.) wurden solche Listen zusammengestellt: So verfasste der Rambam das »Sefer HaMizwot« und darin zählt er alle Mizwot auf, die seiner Meinung nach zu den 613 Geboten gehören. In der Einleitung erklärt er ausführlich, nach welchen Kriterien die Zugehörigkeit zu den 613 bestimmt werden soll. An manchen Stellen greift er dabei die Aufzählung von Rabbiner Schimon Kaira an und weicht davon ab.

Nachmanides, der Ramban (1194–1270), schrieb einen Kommentar zum Sefer HaMizwot des Rambam, in dem er zum einen die Meinung von Rabbi Schimon Kaira verteidigt und zum anderen Gebote aufzählt, die der Rambam seiner Meinung nach zu Unrecht hinzugefügt oder ausgelassen hatte.

Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Rambam und dem Ramban

So gibt es bei fast 50 Stellen Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Rambam und dem Ramban. Zum Beispiel sind sie sich uneinig, ob es eine Mizwa ist, in Israel zu leben. Der Rambam lässt dieses Gebot aus, der Ramban zählt es auf. Ein weiteres Beispiel ist das Gebot des Gebets. Der Rambam ist der Auffassung, dass die Tora verpflichtet, mindestens ein Gebet am Tag zu sprechen. Der Ramban hingegen vertritt die Meinung, dass dies nur ein rabbinisches Gebot sei.

Die erwähnten Gelehrten waren sich darin einig, dass es 613 Gebote gibt, und wie bereits erwähnt, scheint dies der Talmud zu belegen. Doch nicht alle Gelehrte waren dieser Ansicht. So schreibt Rabbi Avraham Ibn Ezra (1089–1167): »In Wahrheit aber gibt es kein Ende für die Anzahl der Gebote, wie der Dichter (König David) sagte: ›Ich sah ein Ende aller Vollkommenheit, aber dein Gebot ist überaus weit‹ (Tehillim 119,96). Und wenn wir nur die Grundsätze und Prinzipien zählen, dann sind die Gebote nicht einmal ein Zehntel von 613.«

In der Tat, wenn man alle Ge- und Verbote zählt, die in der Tora erwähnt werden, dann wird man auf eine viel höhere Zahl kommen. Weil aber im Talmud nur von 613 Ge- und Verboten die Rede ist, entwickelten die Gelehrten wie der Rambam Kriterien, nach denen die wichtigsten Mizwot bestimmt werden können, denen die restlichen Gebote untergeordnet sind.

Zwei Hälften eines Gebots

So betrachtet der Rambam das Gebot, das Schma Jisrael zweimal täglich (morgens und nachts) zu sagen, nicht als zwei Gebote, sondern als eines, weil es sich dabei um zwei Hälften eines Gebots handelt. Interessanterweise zählt er aber das Anlegen der Tefillin an Hand und Kopf als zwei verschiedene Gebote, obwohl man auch hier argumentieren könnte, dass es zwei Hälften eines Gebots sind. Diese Frage stellte Rabbi Daniel aus Babylon dem Sohn des Rambams, Rabbi Avraham, und es gibt darauf mehrere Antworten.

Ibn Ezra hingegen vertrat die Meinung, dass es tatsächlich viel mehr als 613 Ge-und Verbote gibt. Scheinbar ist seiner Meinung nach die Aussage im Talmud, dass es 613 Gebote gibt, die den Kalendertagen und Körperteilen entsprechen, nicht halachischer Natur, sondern als Drasch, als homiletische Auslegung, zu verstehen.

Der Ralbag, Rabbi Levi ben Gerschon (1288–1344), hat es auf den Punkt gebracht. Seien es nun 613 Gebote oder mehr, die Botschaft soll heißen: Jedes einzelne Körperteil sagt uns: »›Erfülle an mir ein Gebot‹, und jeder einzelne Tag sagt uns: ›Begehe an mir kein Verbot‹.«

Der Autor ist Assistenz-Rabbiner der Gemeinde Kahal Adass Jisroel, Dozent am Rabbinerseminar zu Berlin und Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD).

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