Schemot

»Und er verharrte in seiner Frömmigkeit«

Vertieft ins Gebet: ein Beter in Frankfurt am Main Foto: Rafael Herlich

Gleich die ersten Verse des Sefer Schemot (Namen) weisen auf die Hauptthematik des zweiten Buches der Tora hin: Es geht um Ägypten. Es heißt dort: »Und dieses sind die Namen der Söhne Israels, die nach Ägypten gekommen sind. Mit Jakow waren sie gekommen, jeglicher mit seinem Haus: Reuwen, Schimon, Levi und Jehuda, Jisachar, Sewulun und Benjamin. Dan und Naftali, Gad und Ascher. Und es waren alle Seelen, die hervorgegangen aus der Hüfte Jakows, 70 Seelen, und Josef war in Ägypten« (2. Buch Mose 1, 1–5).

Trotzdem ist das neue Buch der Tora natürlich mit dem ersten Buch, Sefer Be­reschit, verbunden. Daher, wie Oberrabbiner Joseph Hertz (1872–1946) in seinem Kommentar zu Kapitel 1, Vers 1 feststellt, beginnt die Geschichte mit »Und dieses«, denn »hier zeigt sich die enge Verbindung zwischen den beiden ersten Büchern der Tora. Die gesamte Tora ist eine fortlaufende Erzählung«. Jakow und seine Söhne sind schließlich ein vertrauter und harmonischer Familienclan geworden. »In allen Gliedern des Hauses Jakows waltet nur ein Geist, die einheitliche Seele eines Prinzips«, wie Rabbiner Samson Raphael Hirsch (1808–1888) anmerkt.

Und doch sticht wieder einmal Josef heraus. Er war bereits in Ägypten, wie die Tora uns erklärt. Der Kommentator Raschi (1040–1105) fragt dazu: »Waren denn nicht er und seine Söhne in der Zahl 70 inbegriffen? Was will er uns also lehren? Haben wir denn nicht gewusst, dass er in Ägypten war? (…) Das war derselbe Josef, der die Schafe seines Vaters weidete, derselbe Josef, der in Ägypten war und König wurde und in seiner Frömmigkeit verharrte.«

Josef, der in seiner Frömmigkeit verharrte? Tatsächlich? Es lohnt sich, einen genaueren Blick auf Josef zu werfen.

Verwöhnt Josef war zunächst ein verwöhnter Junge, der seine großen Brüder gern verpetzte. Die hassten ihn schließlich derart, dass sie planten, ihn umzubringen, und letztlich verkauften sie ihn als Sklaven.

Auf diese Art gelangte er nach Ägypten. Dort machte er schließlich Karriere und stieg auf zum starken Mann unter dem Pharao.

Aber verharrte er tatsächlich in Frömmigkeit, wie Raschi meint? Zunächst deutet nichts darauf hin. Josef passte sich der ägyptischen Kultur an, er sprach Ägyptisch, sah aus wie ein Ägypter, und er heiratete sogar eine Ägypterin.

Doch lesen wir im 1. Buch Mose 41, 51–52: »Josef nannte seinen Erstgeborenen Menasche – denn G’tt hat mir mein ganzes Unglück und mein ganzes väterliches Haus zu Gläubigern gemacht. Und den Zweiten nannte er Efraim – denn G’tt hat mich im Land meines Elends blühen lassen.«

An dieser Stelle wird Josefs Verbindung zur Tradition seiner Väter deutlich. Er gibt seinen Glauben und seine Werte keineswegs auf.

In der folgenden Geschichte mit seinen Brüdern, die aufgrund der Hungersnot nach Ägypten kommen, um Essen zu kaufen, und Josef nicht als ihren Bruder erkennen, zeigt sich, wie tief auch die Verbindung zu seiner Familie bestehen bleibt. Trotz des Leids, das Josef durch seine Brüder erlitten hat, und wahrscheinlich auch trotz eines ursprünglichen Planes, sich an ihnen zu rächen, überwiegen die Liebe zu seiner Familie und die Dankbarkeit G’tt gegenüber.

Josef kann bei der dritten Begegnung mit seinen Brüdern nicht länger an sich halten und beginnt zu weinen. Er fordert sie auf, näher zu ihm zu kommen, und spricht: »Ich bin euer Bruder Josef (…). Und nun betrübt euch nicht, und lasst es in euren Augen nichts Bekümmerndes sein, dass ihr mich hierher verkauft habt; denn zur Lebenserhaltung hat G’tt mich vor euch geschickt. (…) Und nun, nicht ihr habt mich hierher gesendet, sondern G’tt.

Er hat mich dem Pharao zum Vater gesetzt, seinem ganzen Hause zum Herrn und im ganzen Land Ägypten zum Herrscher« (45, 3–8).

Archetyp Josef zeigt hier seinen tiefen Glauben und die starke Verbundenheit zu den Werten des Judentums. Damit wird Josef zum Archetyp von uns Juden in der Diaspora.

Er integriert sich in sein Gastland, er spricht die Sprache und arbeitet für das Wohl des Landes. Doch auf der anderen Seite bleibt er ganz seiner jüdischen Tradition verbunden. Er gibt seinen Söhnen jüdische Namen und macht damit auch ganz öffentlich keinen Hehl aus seiner Herkunft.

Er bewahrt sich im götzendienerischen Ägypten seinen unerschütterlichen Glauben an den Einen G’tt, ist Ihm dankbar, trotz teilweise prekärer Lebensbedingungen.

Josef lebt die jüdischen Werte vor und hält die Verbindung zu seiner Familie und zu seinem Volk. Damit wird deutlich, was Raschi meinte, als er davon sprach, dass Josef in seiner Frömmigkeit verharrte.

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Darmstadt und Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD).

 

INHALT
Der Wochenabschnitt Schemot erzählt von einem neuen Pharao, der die Kinder Israels versklavt. Er ordnet an, alle männlichen Erstgeborenen der Hebräer zu töten. Eine Frau aus dem Stamm Levi will ihren Sohn retten und setzt ihn in einem Körbchen auf dem Nil aus. Pharaos Tochter findet das Kind, adoptiert es und gibt ihm den Namen Mosche. Der Junge wächst im Haus des Pharaos auf. Erwachsen geworden, erschlägt Mosche im Eifer einen Ägypter und muss fliehen. Er kommt nach Midjan und heiratet dort die Tochter des Priesters Jitro. Der Ewige spricht zu Mosche aus einem brennenden Dornbusch und beauftragt ihn, zum Pharao zu gehen und die Kinder Israels aus Ägypten hinauszuführen.
2. Buch Mose 1,1 – 6,1

 

Anmerkung der Redaktion: Auf der G’ttesdienstseite der aktuellen Printausgabe der Jüdischen Allgemeinen (Seite 12) ist auf dem Foto der Berliner Synagoge Joachimsthaler Straße der Name des Ewigen abgebildet. Die Orthodoxe Rabbinerkonferenz Deutschland weist darauf hin, dass entsprechend der Halacha das Blatt daher nicht einfach weggeworfen werden darf, sondern in einer Geniza entsorgt werden muss.

Taanit Esther

Fasten vor der Schlacht am Buffet

Kurz vor dem Purimfest sollen wir zum Gedenken an die biblische Königin Esther auf Essen und Trinken verzichten

von Rabbiner Avraham Radbil  18.03.2019

Talmudisches

Hüte deine Zunge

Das große Verdienst von König Jarow’am

von Diana Kaplan  15.03.2019

Wajikra

»Als Mazzot soll es gegessen werden«

Warum die Speiseopfer ungesäuert sein mussten und mit Salz dargebracht wurden

von Chajm Guski  15.03.2019