Konsum

Tribut an fremde Priester

Abgöttische Liebe: Verkaufsstart für das iPad 2 in München, März 2011 Foto: dpa

Der aktuelle Wochenabschnitt ist wie das gesamte 5. Buch Moses eine Belehrung, die Mosche in G’ttes Namen an das Volk Israel richtet. In Ki Tawo reihen sich verschiedene Themen aneinander, die vor allem das Leben im Land Israel betreffen.

Es fängt mit dem Gebot der Erstlinge an. »Wenn du in das Land kommst, das der Ewige, dein G’tt, dir zum Erbbesitz gibt, und du es in Besitz nimmst und darin wohnest, dann nimm von den Erstlingen aller Früchte des Bodens, die du von deinem Land, das der Ewige, dein G’tt, dir gibt, einbringst, und lege sie in einen Korb und gehe an den Ort, den der Ewige, dein G’tt, erwählen wird, um seinen Namen dort thronen zu lassen« (5. Buch Moses 26,1).

Danach geht es um die Abgaben, die auch den Bedürftigen zugutekommen sollen: »Wenn du im dritten Jahr, im Zehntjahr, den ganzen Zehnten deines Ertrags vollständig entrichtet und ihn dem Leviten und dem Fremdling, der Waise und der Witwe gegeben hast, dass sie ihn in deinen Toren essen und sich sättigen« (26,12). Die Lesung schließt mit dem längsten Einzelabschnitt des Jahreszyklus ab.

Darin werden die Kinder Israels gesegnet. Und für den Fall, dass sie von G’tt ablassen, werden ihnen viele Unglücke angedroht: »Wenn du aber auf die Stimme des Ewigen nicht hörst und alle seine Gebote und Gesetze, die ich dir heute gebe, nicht sorgfältig übst, dann werden alle nachfolgende Flüche über dich kommen und dich treffen« (28,15).

Diese Ermahnung beginnt mit Drohungen der Hungersnot, der Verfolgungen, der Kriege und gipfelt schließlich in der Warnung vor Vertreibung und Verlust des Landes. In der Zeit, da die Hohen Feiertage näherrücken und wir uns mit unseren Sünden und möglichen Bestrafungen auseinandersetzen, wirken diese starken Unheilsankündigungen derart eindringlich, dass sie in einigen Gemeinden nur mit leiser Stimme vorgelesen werden.

Zerstreuung Durch den Kommentar von Nechama Leibowitz (1905–1997) werden wir auf eine Unklarheit aufmerksam: »Und der Ewige wird dich unter alle Völker von einem Ende der Erde bis zum anderen zerstreuen, und du wirst dort fremden Göttern dienen, aus Holz und Stein, die du nie gekannt, weder du noch deine Väter« (28,64).

In einer Reihe zunehmend furchtbarer Strafen wird dem Volk auch mit dem Verfall zum Götzendienst gedroht. Angesichts der schrecklichen Katastrophen scheint dies eine milde Strafe zu sein. Ja, ist es überhaupt eine?

Die Anfälligkeit zur Abgötterei, die das Leben der Juden in biblischer Zeit mehrmals kennzeichnete, war immer eine Ursache für den Zorn G’ttes. Wiederholt verirrte sich das Volk Israel und begann, fremden Göttern zu dienen. Man versprach sich davon Erfolg, Hoffnung und Glück ohne große Anstrengung. Doch alles war immer nur von kurzer Dauer.

Die klare Betonung, dass der Rückfall »dort«, also erst später im Exil, stattfinden wird, und die Logik des Textaufbaus lassen keine andere Interpretation zu: Dem Götzendienst zu verfallen, ist eine Strafe.

Auch Raschi (1040–1105) betont in seinem Kommentar, dass die Leiden nicht zu den Sünden führen, sondern umgekehrt diese sühnen. Verherrlichung der fremden Götter ist für ihn hier eindeutig eine Bestrafung, die er als materielle Belastung versteht. Die beträchtlichen Tribute, die die Juden an fremde Priester hätten leisten müssen, wäre ihre Ausdrucksform.

Warnung Eine andere Erklärung für diese Verurteilung liefert Abarbanel, Don Isaak ben Juda (1437–1508), der der jüdischen Gemeinde in Spanien vorstand. Er zieht in seinem Kommentar Parallelen zur damaligen Situation auf der Iberischen Halbinsel, als viele Juden unter massivem Druck zum Christentum konvertierten. Sie wurden gezwungen, sich zu einer Religion zu bekennen, an deren Konzepte sie nicht glaubten. Im Leid ihrer Situation sieht er die Verwirklichung der biblischen Warnung.

In der modernen Welt von Kirchensteuern und Religionsfreiheit scheinen die Möglichkeiten solcher Strafverfolgung gering zu sein. Wenn wir jedoch einen kritischen Blick auf unsere Konsumgesellschaft werfen, können wir dennoch einige neue Anzeichen der alten Plagen entdecken: Oft kaufen wir Sachen nicht, weil wir sie brauchen, sondern weil wir unsere Identität damit zum Ausdruck bringen wollen.

Die neuen Idole sind nicht mehr aus Holz und Stein, sondern aus Metall und Klarlack. Sie greifen unsere Sehnsüchte in einer Art und Weise auf, dass daraus eine ganz neue Religion entsteht. Ungeachtet der finanziellen Belastungen und des gesunden Menschenverstands versprechen wir uns davon neue Glücksgefühle – die jedoch schnell wieder verschwinden.

Es erfordert eine enorme Anstrengung, sich der Konsumwelt mit ihrer eindringlichen Werbung und den »Must-have«-Produkten zu entziehen. Dennoch blicken wir zuversichtlich in das nächste Jahr hinein. In jedem einzelnen Klang des Schofars, der uns während des Monats Elul begleitet, hört man das aufrichtige Mahnen, häufiger auf Seine Worte zu hören. Hoffen wir, bei zukünftigen Kaufentscheidungen mehr Einsicht zu entwickeln.

Der Autor unterrichtet Jüdische Religion in Dortmund, Gelsenkirchen und Bielefeld.

Inhalt
Im Wochenabschnitt Ki Tawo werden die Israeliten aufgefordert, ihre Dankbarkeit für die reiche Ernte und die Befreiung aus der Sklaverei auszudrücken. Sie sollen ein Zehntel der Erstlingsfrüchte opfern. Ihnen wird aufgetragen, die Gebote G’ttes auf großen Steinen auszustellen, sodass alle sie sehen können. Danach schildert die Tora Fluchandrohungen gegen bestimmte Vergehen der Leviten. Den Flüchen folgt die Aussicht auf Segen, wenn die Mizwot befolgt werden. Zum Abschluss der Parascha erinnert Mosche die Israeliten an die vielen Wunder in der Wildnis und daran, dass sie den Bund mit dem Ewigen beachten sollen.

5. Buch Moses 26,1 – 29,8

simchat tora

Das Fest, das spät zur Feier kam

Der letzte Feiertag im Herbst schließt den Torazyklus ab – und alles beginnt von Neuem

von Rabbiner Arie Folger  18.10.2019

feiertage

»Chef, es ist Simchat Tora. Ich brauche Urlaub!«

Warum wir unserer Umgebung klarmachen müssen, dass die jüdischen Feste für uns essenziell sind

von Rabbiner Raphael Evers  18.10.2019

Chol Hamoed

Verborgenes Antlitz

Mosche bittet den Ewigen, Ihn sehen zu dürfen – doch dies ist keinem Menschen möglich

von Rabbiner Avichai Apel  18.10.2019

Feiertag

Mut zur Ungewissheit

Das Laubhüttenfest zeigt: Nichts ist selbstverständlich – weder Wohlstand noch Freiheit

von Rabbiner Jonathan Sacks  11.10.2019

Laubhüttenfest

Wer jetzt kein Haus hat ...

Gedanken eines Rabbiners über steigende Miet- und Immobilienpreise in deutschen Städten

von Rabbiner Boris Ronis  11.10.2019

Sukkot

»Alle werden ein Bund sein«

Was die Arba Minim des Feststraußes mit dem Volk Israel gemeinsam haben

von Rabbiner Salomon Almekias-Siegl  11.10.2019