Talmudisches

Tora und Geschäfte

Tora (Symbolfoto) Foto: Rafael Herlich

Nach einigen Jahren im Lehrhaus drängt sich jedem Studenten die Frage nach seiner beruflichen Zukunft auf. Für welche Wege sich Rabbi Jochanan und Ilpha entschieden, erzählt uns die Gemara im Talmudtraktat Taanit (21a).

Die beiden jungen Männer studierten zusammen die Tora und befanden sich in großer materieller Not. »Da sprachen sie: Wohlan, wir wollen eine Geschäftstätigkeit aufnehmen und an uns in Erfüllung gehen lassen den Schriftvers ›Jedoch soll es unter dir keine Armen geben‹ (5. Buch Mose 15,4). Darauf gingen sie weg, setzten sich unter eine baufällige Mauer und aßen.«

Dienstengel Der Talmud erzählt weiter, wie zwei Dienstengel kamen. »Und Rabbi Jocha­nan hörte, dass der eine Engel zum anderen sagte: ›Wollen wir die Mauer auf sie stürzen lassen und sie töten, weil sie das ewige Leben lassen und sich mit dem zeitlichen Leben befassen?‹ Darauf sprach der andere: ›Lass sie, denn einer ist unter ihnen, dem die Stunde günstig ist.‹ Rabbi Jochanan hörte dies, Ilpha aber hörte es nicht. Da sprach Rabbi Jo­cha­nan zu Ilpha: ›Hat der Meister etwas gehört?‹

Dieser antwortete: ›Nein.‹ Da sagte sich Rabbi Jochanan: ›Da ich es gehört habe und Ilpha nicht, so bin ich es wohl, dem die Stunde günstig ist.‹ Darauf sprach Rabbi Jochanan: ›Ich will umkehren und an mir in Erfüllung gehen lassen den Schriftvers: Denn niemals wird es im Lande an Armen fehlen (5. Buch Mose 15,11). Alsdann kehrte Rabbi Jochanan um, Ilpha aber nicht.«

Lehrhaus Jahre später kam Ilpha zurück. Rabbi Jochanan war inzwischen Leiter des Lehrhauses. Da sprachen einige Männer zu Ilpha: Wenn du hiergeblieben wärst und studiert hättest, würdest du dann nicht das Amt erhalten haben? »Da ging Ilpha hin, klammerte sich an den Mast eines Schiffes und sprach: ›Wenn jemand mich etwas aus den Lehren des Rabbi Chija und das Rabbi Oschaja fragt und ich es nicht mit einer Mischna zu belegen weiß, so will ich mich vom Schiffsmast stürzen und ertrinken.‹ Hierauf kam ein Greis und fragte ihn nach der Quelle einer bestimmten Barajta. Ilpha bestand diese schwere Prüfung.«

Warum hatten die beiden Torastudenten, die aus guten Gründen in die Geschäftswelt eintreten wollten, sich unter eine baufällige Mauer gesetzt? Das ist gefährlich und daher verboten. Wir müssen annehmen, dass Ilpha und Rabbi Jochanan sich der Gefahr nicht bewusst waren. Das Motiv einer baufälligen Wand kommt im Talmud mehrmals vor; stets handelt es sich um eine Prüfungssituation.

In unserer Geschichte treten zwei Dienstengel als Prüfer auf. Rabbi Jocha­nan hört ihren Dialog, Ilpha nicht. Ist er schwerhörig? Ferner möchten wir wissen, warum Rabbi Jochanan seinem Kommilitonen nicht erzählt, was er gehört hat.

Entscheidung Wie der israelische Talmudgelehrte Ad­miel Kosman ausführt, symbolisieren die Engel in unserer Geschichte die nachträglichen Bedenken von Rabbi Jochanan. Ilpha hegte keine Zweifel an der Richtigkeit seiner Entscheidung, und daher hörte er nichts. Rabbi Jochanan sah keinen Grund, seinen Kollegen zu verunsichern. Er aber, der das Gespräch der Engel gehört hatte, revidierte seine Entscheidung und kehrte in die Jeschiwa zurück.

Das vom ersten Engel vorgebrachte Argument verdient eine kritische Betrachtung. »Wollen wir die Mauer auf sie stürzen lassen und sie töten, weil sie das ewige Leben lassen und sich mit dem zeitlichen Leben befassen?« Ist das ein legitimes Argument? Ist die Beschäftigung mit dem »zeitlichen Leben« nicht ebenfalls wichtig und wertvoll? Nicht jeder fromme Jude kann und muss den Lebensweg gehen, den der Engel für den einzig richtigen hält. Rabbi Jochanan wusste dies. Deshalb versuchte er nicht, Ilpha umzustimmen.

Sowohl Rabbi Jochanan als auch Ilpha hatten großen Erfolg: der eine in seiner Talmudakademie, der andere im Geschäftsleben. Der schwere Mischnatest, den Ilpha nach seiner Rückkehr mit Bravour bestand, zeigt uns, dass man durchaus Toralernen und Berufstätigkeit erfolgreich miteinander verbinden kann.

Meinung

Wie die Kirche beim Thema Iran die Orientierung verliert

Ein Kommentar von Daniel Neumann

von Daniel Neumann  02.03.2026

Krieg zwischen Iran und Israel

»Als sich das Blatt wendete«

Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt zum Tod von Ali Chamenei: »Dies ist der Moment, auf den das iranische Volk seit einem halben Jahrhundert gewartet hat«

 01.03.2026

»Brüllender Löwe«

Präventivschlag gegen Iran: Die Lage im Überblick

Nach dem gemeinsamen Angriff Israels und der USA auf den Iran reagieren die Behörden auf die erhöhte Sicherheitslage. Die Lage im Überblick

 28.02.2026 Aktualisiert

Kommentar

Die Kotel ist für alle da

Die Klagemauer könnte in Zukunft einzig vom orthodoxen Rabbinat verwaltet werden. Was als Schutz der Heiligkeit verkauft wird, wäre ein Angriff auf religiöse Vielfalt

von Sophie Goldblum  27.02.2026

Tezawe

72 Buchstaben

Jedes Wort der heiligen Sprache trägt eine innere Essenz in sich. Der Zahlenwert eines jeden Begriffs hat eine besondere Bedeutung

von Vyacheslav Dobrovych  27.02.2026

Talmudisches

Wunder und Weisheit

Was unsere Weisen über die Kraft des Gebets und die Verantwortung des Menschen lehren

von Rabbiner Avraham Radbil  27.02.2026

Purim

Die geniale Königin

Ein Detail in der Megilla verrät, wie gekonnt Esther ihren Mann Ahasveros gegen Haman aufbrachte, um ihr Volk zu retten

von Rabbiner Yehuda Teichtal  26.02.2026

Teruma

Geben und Nehmen

Das menschliche Leben ist von Abhängigkeiten geprägt. Wer dies akzeptiert, öffnet sich für die Gemeinschaft und die göttliche Gegenwart

von Guy Balassiano  20.02.2026

Talmudisches

Den inneren Löwen besiegen

Was unsere Weisen über die physische Wirklichkeit hinter der spirituellen Realität des Tanach lehrten

von Vyacheslav Dobrovych  20.02.2026