Chanukka

Nach dem Wunder

Francesco Hayez: »Die Zerstörung des Tempels von Jerusalem« (Ausschnitt, Öl auf Leinwand, 1867) Foto: picture-alliance / AKG

Chanukka

Nach dem Wunder

Die Makkabäer befreiten zwar den Tempel, doch konnten sie ihre Herrschaft nicht dauerhaft bewahren. Aus ihren Fehlern können auch wir heute lernen

von Rabbiner Julian-Chaim Soussan  12.12.2025 10:51 Uhr

Ob in Kinderbüchern, poppigen Songs oder – ganz klassisch – im Talmud: Wenn wir in diesen Tagen über Chanukka lernen, hören wir meist die gleiche Geschichte: vom unbeirrbaren Mut der Makkabäer, von ihrer Rückeroberung des Tempels und vom berühmten Licht, das länger brannte, als es eigentlich möglich war. Doch bei all der Faszination für diese Ereignisse wird selten die Frage gestellt, die vielleicht am wichtigsten ist: Wie ging es weiter, nachdem das Wunder verblasst und die Menora erloschen war?

Die rabbinische Überlieferung spart nicht mit Kritik an jenen Helden, die wir zu Chanukka feiern. Die Makkabäer, einst Verteidiger des Glaubens gegen die Hellenisierung, trafen später Entscheidungen, deren Folgen das jüdische Volk über Jahrhunderte zu spüren hatte. Um ihre militärische Lage zu festigen, baten sie Rom um Unterstützung – ein Bündnis, das sich rückblickend als fatal erweisen sollte, denn dieselbe Macht zerstörte nur wenige Generationen später den wiedererrichteten Tempel.

Religiöse und weltliche Macht

Obwohl sie aus priesterlichem Geschlecht stammten, übernahmen sie die Königswürde und vereinten religiöse und weltliche Macht in einer Weise, die dem Geist der Tora widersprach. Ihr Herrscherhaus zerfiel schließlich an Machtgier, Rivalitäten und innerer Korrosion – nicht an äußeren Feinden.

Wie ging es weiter, nachdem die Menora erloschen war?

Diese Erzählung ist kein historischer Exkurs, sondern eine Warnung: Militärische Siege genügen nicht. Auch ein Wunder kann nur der Anfang sein. Ohne moralische Orientierung und ein gemeinsames Ziel verliert sich ein gerade geeintes Volk schnell wieder selbst.

Wie es besser geht, zeigt uns Awraham Awinu. Er erlebte tiefen persönlichen Schmerz – die beinahe geopferte Zukunft seines Sohnes Jizchak und den Verlust seiner Frau Sara. Die Tora hätte davon berichten können, wie er daran zerbricht. Stattdessen lesen wir nur: »Und Awraham stand auf.«

Er erhebt sich, handelt, schafft einen Ort für das Grab Saras und sucht seinem Sohn eine Frau, damit die Geschichte weitergehen kann. Der frühere britische Oberrabbiner Jonathan Sacks (1948–2020) beschreibt diese Episode als einen Wendepunkt: Awraham ließ sich nicht von seinem Schmerz lähmen, sondern arbeitete an dem, was erst entstehen sollte. Er hörte auf G’tt, der von der Zukunft sprach, statt in der Vergangenheit zu verharren: Wer nur zurückschaut, erstarrt wie Lots Frau in der Vergangenheit. Wer nach vorn blickt, wird lebendig.

Schmerz, Schock und Verlust

Diese Botschaft ist erschreckend aktuell. Seit dem 7. Oktober 2023 haben Schmerz, Schock und Verlust das jüdische Volk erschüttert. Die Rückkehr vieler Geiseln grenzte an ein Wunder. Nach der Waffenruhe steht Israel vor der Frage, die auch die Makkabäer hätten stellen müssen: Wie geht es weiter? Welche Zukunft wollen wir nun entwerfen? Und dies betrifft nicht nur Bedrohungen von außen, sondern in erster Linie uns selbst. Denn die Geschichte der Makkabäer lehrt: Ein Volk kann an innerer Zerrissenheit schneller zerbrechen als an jedem äußeren Angriff.

Genau diese Brüchigkeit erleben wir heute – sowohl innerhalb Israels als auch weltweit in der jüdischen Gemeinschaft. In Israel stehen sich religiöse und säkulare Gruppen oft unversöhnlich gegenüber. Politische Lager sprechen übereinander statt miteinander. Menschen fühlen sich marginalisiert oder gegeneinander ausgespielt. Selbst angesichts einer gemeinsamen Gefahr gelingt echte Einheit nicht immer.

In der Diaspora zeigen sich Spannungen. Manche jüdische Gruppen gehen politische Bündnisse ein, die Israels elementare Bedürfnisse kaum anerkennen. Andere stempeln jede kritische Anmerkung als Illoyalität ab und ersticken damit einen notwendigen innerjüdischen Diskurs. Beides schwächt uns – politisch wie im Kern unseres Selbstverständnisses.

Wir sollten uns heute auf unseren Erzvater Awraham zurückbesinnen: nach dem harten Schlag aufstehen und handeln. Nicht nur trauern, sondern eine Zukunft bauen. Eine Vision entwickeln, die größer ist als die Angst und weiter reicht als die Gegenwart. Eine Idee, die gegenseitige Verantwortung einschließt und uns daran erinnert, wofür wir als Volk stehen.

Hoffen auf Licht – auch dann, wenn nur noch ein Tropfen Öl übrig ist.

Denn das Judentum ist kein nostalgischer Blick in die Vergangenheit. Es ist ein Glaube, der die Zukunft in die Gegenwart ruft. Unsere Geschichte ist eine lange Folge kleiner und großer Lichter in der Dunkelheit, die wir immer wieder neu entzünden – auch dann, wenn nur noch ein kleiner Tropfen Öl übrig ist.

Hoffnung bewahren und für das Gute kämpfen

Das lernen wir von den Makkabäern – trotz all ihrer Fehler: auch im verzweifelten Moment die Hoffnung zu bewahren und mit Mut und G’ttvertrauen für das Gute zu kämpfen. Vielleicht ist dies das wahre Chanukka-Wunder – dass wir uns trotz allem immer wieder für das Licht entscheiden. Dass wir uns nicht von der Vergangenheit fesseln lassen. Dass wir handeln. Dass wir gestalten. Dass wir eine Zukunft schaffen, die noch nicht da ist.

Genau dieses Wunder brauchen wir heute: nicht nur Kraft für den Kampf, sondern Klugheit für die Zeit danach. Die Fähigkeit, G’ttes Stimme aus der Zukunft zu hören. Die Bereitschaft, miteinander heller zu leuchten, als wir es allein könnten.

Damit das Licht nicht nur acht Tage lang brennt – sondern Generationen trägt.

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main und Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD).

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